Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.02.2012

09:58 Uhr

Henkel trocken

Lasst die Betriebsräte ran!

VonHans-Olaf Henkel

Tarifabschlüsse haben keinen Bezug zu den Lebenshaltungskosten. Der Gesetzgeber muss das Betriebsverfassungsgesetz ändern. Betriebsräte sollten Abschlüsse über Arbeitszeiten und Entlohnung im Unternehmen aushandeln.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Immer öfter nehmen kleine Gruppen ihre Kollegen in großen Betrieben in Geiselhaft. Beschäftigte, die an strategischen Schalthebeln sitzen, gründen eine Spartengewerkschaft und fordern exorbitante Lohnerhöhungen mit der Drohung, den ganzen Betrieb lahmzulegen. Die Forderungen dieser Gruppen überschreiten die der großen Gewerkschaften oft um ein Vielfaches. Aktuell verlangen die Vertreter von ca. 200 Angelernten, die auf dem Frankfurter Flugfeld im Durchschnitt 40.000 Euro Jahresgehalt kassieren, Lohnerhöhungen von 64%. Direkt und indirekt werden am Frankfurter Flughafen über 50.000 Beschäftigte in Mitleidenschaft gezogen, von den Passagieren ganz zu schweigen. 

Vorreiter dieser Entwicklung waren die Piloten der Lufthansa. Ihrem Beispiel folgte das restliche Kabinenpersonal. An die regelmäßig das ganze Land in Geiselhaft nehmenden Fluglotsen hat man sich hierzulande schon gewöhnt. Spätestens aber, als die Lokführer den Schienenverkehr lahmlegten, um für sich ein besonders großes Stück aus der Torte der Personalkosten der Bahn AG herauszuschneiden, hätte es Arbeitgeberpräsidenten und Gewerkschaftsführern dämmern müssen, dass hier ein neues Geschäftsmodell entsteht. Ähnlich wie bei der Mafia, beruht es auf Erpressung. Den Chefs der betroffenen Unternehmen bleibt nichts anderes übrig, als  Schutzgeld in Form von Sonderkonditionen für die Erpresser zu zahlen.   

Frankfurter Flughafen: Reisende bekommen Streik zu spüren

Frankfurter Flughafen

Erneuter Streik wird spürbar

Wieder wird am Frankfurter Flughafen gestreikt: Auf Reisende kommen Einschränkungen zu.

Wenn es so weitergeht, werden Spartengewerkschaften bald für die Beschäftigten in den Kontrollräumen von Stromerzeugern, in Rechenzentren von Großunternehmen oder in Operationssälen unserer Krankenhäuser entstehen. Leider verbietet das gesetzlich verordnete Tarifkartell zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften  den Betriebsräten, hier eine Rolle zu spielen. Dabei wären sie am besten geeignet, zusammen mit den Betriebsleitungen, für Fairness bei der Bezahlung der Berufsgruppen in ihrem Unternehmen zu sorgen und Schmarotzern in den Arm zu fallen. Diejenigen, die den Betrieb am besten kennen, dürfen nur zuschauen, wie betriebsfremde Arbeitgeber- und Gewerkschaftsfunktionäre über die Entlohnung und die Festsetzung der Arbeitszeiten in ihren Unternehmen entscheiden. 

Dabei richtet dieses „Tarifkartell“ schon lange immensen Schaden an. Die „Flächentarife“ werden von betriebsfremden Funktionären ausgehandelt, die sich an ökonomischen Durchschnittswerten orientieren und die Vielfalt der betrieblichen Wirklichkeit ignorieren. Das Ergebnis kann man nach jedem Tarifabschluss besichtigen: Für einige Betriebe ist der Abschluss zu hoch. Er bringt sie in existenzielle Gefahr, treibt sie in die Insolvenz oder zwingt sie, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlegen. Andere, deren Ertragskraft über dem Durchschnitt liegt, kommen zu billig davon. Auch der demnächst wieder auszuhandelnde „Flächentarif“ im Metallbereich wird die unterschiedliche Entwicklung ganzer Branchen völlig ignorieren. Einige Branchen, wie die Druckmaschinenindustrie, kämpfen ums nackte Überleben, andere, wie der Maschinenbau, stehen vor einem konjunkturellem Abschwung, und es gibt weiterhin solche, wie die Windkraftanlagenbauer, deren Auftragsbücher prall gefüllt sind.   

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Marcus

27.02.2012, 10:25 Uhr

Arbeitgeber bekommen eben immer genau die Gewerkschaftssysteme, die sie verdienen...

Account gelöscht!

27.02.2012, 11:27 Uhr

Herr Henkel zeigt die Alternative klar auf. Aber, jetzt wird es genügend Leute geben die werden sagen, das geht nicht. Ehrlicher wäre wenn die sagen würden, wir wollen nicht, denn geht nicht gibt's nicht.

Account gelöscht!

27.02.2012, 11:40 Uhr

Herr Henkel, ihr Argument ist meiner Meinumg nicht ganz schlüssig. Einerseits wollen sie kleinteilige Verhandlungen zwischen lokalem Arbeitnehmervertretungen und Arbeitgebern, lehnen aber gleichzeitig Spartengewerkschaften ab.

Die Spartengewerkschaften sind doch aber grade ein Ausdruck des Kampfes gegen das Tarifkartell.

Wenn eine Gruppe Arbeitnehmer eine entscheidende Stellung in einem Unternehmen inne hat, ist es auch nur billig, das diese für eine dem angemessene Bezahlung kämpfen. Mit Geiselnahme hat das meines Erachtens nichts zu tun, sondern mit Marktmacht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×