Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.08.2012

09:29 Uhr

Henkel trocken

Lupenreiner Demokrat und lupenreiner Opportunist

VonHans-Olaf Henkel

Gerhard Schröder äußert oft und gern seine Wünsche an die Politik. Vor allem öffentlich. Das ist man von Ex-Kanzlern schließlich auch gewohnt. Doch wo bleibt seine Meinung zu Kreml-Chef Wladimir Putin?

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Unser Ex-Kanzler verbringt seinen Urlaub „aus Gründen der Solidarität“ in Griechenland und „wünscht sich“ mal wieder etwas öffentlich. Diesmal, dass das Griechenland-Bashing aufhören möge. Um es klar zu sagen: Auch ich empfand die unsägliche Hetze gegen die Griechen, wie die in der „Bild“-Zeitung, als widerlich. Sie sollte die Leser wohl vom Konstruktionsfehler des Euro ablenken. Kurz vorher „wünschte sich“ Gerhard Schröder die Vergemeinschaftung der Schulden innerhalb der Eurozone. Auch welchen Kanzlerkandidaten aus der SPD er „sich wünschte“, ließ er verlauten.

Seit Helmut Schmidts Wortmeldungen sind wir jahrzehntelang daran gewöhnt, dass sich Ex-Kanzler zu Wort melden. Ex-Bundespräsidenten tun das, auch völlig bedeutungslose Ex-Funktionsträger, wie Ex-BDI-Präsidenten.

Zu einem höchst aktuellen Thema, von dem er sicher mehr als die meisten aktiven Politiker versteht, sagt Ex-Kanzler Schröder gar nichts. Wann hören wir endlich mal, was er sich vom lupenreinen Demokraten im Kreml „wünschte“? Nicht nur die Bundesregierung hat sich zum skandalösen Urteil über den 40-Sekunden Auftritt der Mädchenband „Pussy Riot“ in einer Moskauer Kirche geäußert, viele andere auch; nicht aber der Russlandexperte und bekennende Putin-Freund Schröder.

Seit sein Kumpel im Kreml die Macht angetreten hat, sind in Russland zahlreiche Journalisten umgebracht worden oder verschwunden. Hat man mal gehört, was sich der Ex-Kanzler dazu „wünschte“? Die Pressefreiheit wird in Russland immer mehr eingeschränkt, die jüngsten Präsidentschaftswahlen wurden massiv manipuliert, den Non Governmental Organisations (NGO), wie Amnesty International, Human Rights Watch oder Transparency International, wurden gerade durch neue Knebelgesetze die Arbeit fast unmöglich gemacht.

Schröder „wünschte sich“ auch dazu nichts. Ihm kann es nicht entgangen sein, wie viele seiner russischen Gesprächspartner im Staatsdienst(!) auf wundersame Weise steinreich wurden. Was könnte sich da wohl der bekannteste Deutsche auf der Gehaltsliste eines russischen Staatsbetriebes wünschen? Natürlich würde ich niemals behaupten, dass sein dröhnendes Schweigen angesichts der rapide ansteigenden Menschenrechtsverletzungen in Russland etwas mit seinen geschäftlichen Interessen oder gar den Ergebnissen früherer Beziehungen als Bundeskanzler unseres Landes zu Russland zu tun haben könnte.

Kommentare (56)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

martinD

20.08.2012, 09:48 Uhr

+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

Bitte achten Sie auf unsere Netiquette:

„Nicht persönlich werden

Ihre Kommentare sollten sich auf den jeweiligen Artikel oder das diskutierte Thema und niemals auf den dahinter stehenden Autor beziehen. Persönliche Angriffe gegen andere Nutzer oder soziale Gruppen, Beleidigungen und Diskriminierungen zum Beispiel aufgrund von Religion, Nationalität, sexueller Orientierung, Alter oder Geschlecht sind ausdrücklich nicht gestattet. Gleiches gilt für Verleumdungen sowie geschäfts- und rufschädigende Äußerungen sowie für die Veröffentlichung persönlicher und personenbezogener Daten Dritter. Bitte überlegen Sie zudem gut, welche Ihrer eigenen Daten Sie frei zugänglich ins Internet stellen.“
(http://www.handelsblatt.com/impressum/netiquette/)

ahmet.oeztop

20.08.2012, 09:50 Uhr

Schröder ist in Wirklichkeit ebenfalls ein lupenreiner Demokrat. Als jemand sich über seine gefärbten Haare äußerte bekam er es sofort mit Schröders Anwälten zu tun. Das erinnert mich irgendwie an die 40 Sekunden Auftritte der Mädels in der Kirche. Sowohl Putin als auch Schröder haben unverhältnismäßig reagiert. Ich kann nur den Kopf schütten.

Mazi

20.08.2012, 09:56 Uhr

Man kann das Thema von zwei Seiten sehen. Mit Sicherheit war die Aktion der drei Mädels keine Aktion, die Nobelpreis verdächtig war. Dennoch gibt es Grund, über das Strafmaß zu diskutieren.

Wenn sich hiesige Politiker in die Debatte einbringen, sollte man davon ausgehen, dass wir hier bei uns wenigstens Rechtssicherheit hätten oder sie sich auch hier im Kampf um Rechtssicherheit einbringen.

Ich denke an die Unfallopfer, die Klagen müssen, um ihre Rechte hoffentlich zu erhalten. Ich denke da an einen Fall, in dem ein Richter vorgibt, etwas gesehen zu haben, dies aber nicht fotokopiert werden konnte bzw. kann.

Ich denke dabei aber auch das Berufungsgericht, besetzt mit fünf Richtern, die die Angaben des Vorgerichts bestätigen und keine Revision zulassen.

Ist das noch die von uns verstandene Rechtssicherheit in Deutschland?

Bei solch eklatantem Missbrauch können Sie sich vorstellen, dass in dem Urteile viele weitere Punkte dieser Art drin stecken.

Es gibt also keinen begründeten Anlass die russische Justiz zu tadeln, wenn wir im eigenen Land keine Rechtssicherheit haben.

Es geht nicht um einen Einzelfall. Vergleicht man die anerkannten Unfallverletzten Frankreichs mit Deutschland, stellt man fest, dass es hier um geschätzte zehntausend Fälle geht. Fälle, bei denen die Verletzten regungslos im Bett liegen und auf unmoralische Weise von den Gerichten " vorgeführt" werden.

Hier wäre politischen Engagement im Inland gefragt. Vor der eigenen Tür gibt es genug zu kehren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×