Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.10.2012

08:30 Uhr

Henkel trocken

Pressefreiheit unter Beschuss

VonHans-Olaf Henkel

Dass Politiker versuchen, Berichterstattungen zu verhindern, ist längst nicht der einzige Angriff auf die Pressefreiheit in Deutschland. Dafür gibt es weit subtilere Methoden.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert die Freiheit der Meinungsäußerung und der Presse. Dass ein CSU Funktionär versucht hat, die Berichterstattung über die Nominierung Christian Udes zum Kandidaten für den Posten des bayerischen Ministerpräsidenten zu verhindern, führte zu seinem Rücktritt. Zu Recht, denn im selbigen Artikel des Grundgesetzes steht auch: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Auch Christian Wulff hat nicht zuletzt wegen seiner versuchten Einflussnahme auf die sogenannte Berichterstattung der „Bild“ sein Amt verloren.

Bei uns gibt es inzwischen viel subtilere Methoden, die Pressefreiheit einzuschränken. Eine davon ist das mit dem Begriff „Die Schere im Kopf“ beschriebene Phänomen der Selbstzensur. Mir ist keine Demokratie bekannt, in der von der Mehrheitsmeinung der politisch korrekten Elite abweichende Meinungen so totgeschwiegen werden wie bei uns. In meiner frühen Jugendzeit wollte man über die von unseren Vätern begangenen Verbrechen genau so wenig hören, wie heute über die in der Nachkriegszeit an den Deutschen begangenen Untaten.

Als langjähriges Mitglied bei Amnesty International freue ich mich immer wieder, wenn sich deutsche Politiker für die Menschenrechte in aller Welt einsetzen. Wenn es aber um die Verletzung der Rechte muslimischer Frauen und Mädchen in Deutschland geht, verrichtet die Schere im Kopf ganze Arbeit. Derartige Missstände werden oft mit dem Mantel kultureller Toleranz zugedeckt. Scheren in ihren Köpfen sorgen auch dafür, dass Redaktionen deutscher Medien durchgehen lassen, dass Politiker den Euro regelmäßig mit dem Binnenmarkt, mit Europa und mit dem Frieden auf dem Kontinent gleichsetzen.

Im Internet ist die Pressefreiheit besonders bedroht. Neuerdings ist Wikipedia das Schlachtfeld perfider Anschläge auf die Pressefreiheit. Ideologen geht es dabei nicht mehr nur um Einflussnahme auf Presseorgane, sondern um ihre Vernichtung. Zurzeit versuchen sie, das intellektuell anspruchsvolle, der Freiheit verpflichtete Magazin „Eigentümlich Frei“, über Manipulationen von Wikipedia sturmreif zu schießen. Es gehört zur toleranten Grundeinstellung dieses Blattes, welches weder „links“ noch „rechts“, sondern „liberal“ zu verorten ist, sich nicht nur mit Vertretern der politisch korrekten Mitte auseinanderzusetzen. Im „Ef“-Magazin kommen auch ganz Linke und ganz Rechte zu Wort. Es geht regelmäßig sowohl um politische als auch kulturelle Themen (FDP-Schäffler schreibt eine Kolumne über den Euro, ich eine über die Jazzmusik). Durch offensichtlich manipulierte und bewusst übergewichtete Verweise auf „rechte“ Autoren beziehungsweise Interviewpartner soll das Blatt von der liberalen in die rechtsradikale Ecke geschoben und damit aus dem Verkehr gezogen werden.

Artikel 5 des Grundgesetzes bestimmt auch, dass die Pressefreiheit ihre Schranke im Recht auf Schutz der persönlichen Ehre findet. Auch Herausgeber liberaler Organe haben dieses Recht. Die Erfinder des Grundgesetzes konnten damals noch nichts über elektronische Medien wissen. Aber sowohl von den namentlich bekannten als auch den anonymen Autoren bei Wikipedia sollte man erwarten können, dass sie das Grundgesetz kennen.

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor an der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Kommentare (37)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Wuest

29.10.2012, 08:40 Uhr

Presse- und Meiungsfreiheit garantiert? - Ja - und?

Wir (die Bürger) können mal gerade alles sagen, was wir denken, was wir fühlen, was uns auf der Seele brennt. Na schön. Sicher ein Pluspunkt.

Allein, es interessiert von den Entscheidern niemanden!
Egal, was wir sagen und wie.

Politische Einflußnahme als Ausnahme? - Vollkommener naiver Quatsch. Das passiert ständig. Ich selbst habe in meinem Leben viele Ereignisse gesehen, die in der Presse auf Grund falscher/ verfälschter Berichterstattung verzerrt oder einfach gar nicht veröffentlicht wurden. Nehmen wir doch nur mal die Presseberichte über Kriminalität. Die werden 1:1 von den Pressestellen der Polizei übernommen. Da macht sich soch ewig keiner mehr mit eigenen Recherchen die Finger schmutzig. Polizei-Presse-Berichte stimmen! - Ganz schön naiv, wieder einmal.

kfvk

29.10.2012, 08:53 Uhr

Sie erinnern doch sicher noch einen unserer Innenminister aus der Ecke, die heute gerne die Presse zensieren möchte, der schon 1963 klar erkannt hat "Die Beamten können nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen" und das würden sicher auch unsere heutigen Politiker von sich behaupten und wären ganz sicher, dass das in Ordnung ist. Schlechter Stil gehört in der Politik leider zunehmend dazu und man vertraut besser darauf, dass unsere Gerichte im Notfall die Dinge zurechtrücken als darauf, dass die Politiker solche Dinge selbst erkennen und korrigieren.

Vicario

29.10.2012, 08:59 Uhr

Zitat : Mir ist keine Demokratie bekannt, in der von der Mehrheitsmeinung der politisch korrekten Elite abweichende Meinungen so totgeschwiegen werden wie bei uns.

Diese SED - Methoden haben besonders auffällig nach der Wiedervereinigung bei uns Einzug gehalten. Mit Integration der Ossis in unserem politischen Leben ( Merkel, Gauck...) haben die auch die Unsitten eines totalitären Systems mitimplantiert, sehr zum Gefallen unserer regierender Oberschicht. Es ist an der Tagesordnung geworden, Informationen zu verfälschen und zu verschweigen ! Die Journalisten biedern sich zum größten Teil der korrupten, verlogenen Nomenklatura an und richten sich im System ein.
Die Anstalten ZDF und ARD sind unerträglich durch ihre Verfälschungsmethoden und Informationsverschweigung. Über Unruhen im europäischen Ausland wird sogut wie nicht berichtet, dafür werden ie Nachrichtenzeiten mit Ausschnitten aus "James Bond " Filmen überbrückt und Hinweisen auf die kommenden Sendungen. Dafür wird dem Volk großspurich mit GEZ in die Taschen gelangt. Den Systemtreuen Journalismus in den Talk-Shows kann mann in Langeweile und Dilettantismus, meistens durch Besetzungen mit Quotenfrauen, nicht mehr überbieten !
Diesem Zustand sollten wir nächstes Jahr mit unserer Wahl ein Ende setzen !

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×