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03.10.2011

10:27 Uhr

Henkel trocken

USE = EUDSSR

VonHans-Olaf Henkel

Unsere Euro-Retter haben die Lösung der Euro-Krise entdeckt: die Flucht nach vorn. Es scheint absurd, aber als Nebenprodukt verschiedener Rettungsschirme soll nun aus Charles de Gaulles „Europa der Vaterländer“ Sarkozys „Vaterland Europa“ werden.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Sie predigen einem Zentralstaat das Wort, in dem die Vielfalt durch Gleichmacherei, der Wettbewerb durch Harmonisierung ersetzt werden soll. Ausgerechnet diejenigen, die gern gegen die zunehmende Ökonomisierung in der Gesellschaft wettern, wollen die Euro-Zonen-Länder den Bedürfnissen des Geldes angleichen, anstatt die Währung den unterschiedlichen Finanz-, Haushalts- und Wirtschaftskulturen in Europa anzupassen. Als Konsequenz aus der Euro-Krise fordern unsere Minister „mehr Europa“. Ministerin von der Leyen träumt sogar von den „Vereinigten Staaten von Europa“. Damit soll nur unbequemen Entscheidungen über eine alternative Euro-Politik ausgewichen werden. Bevor wir immer mehr Fehler in der Europa-Politik begehen, sollten erst einmal diese Fragen beantwortet werden:

1. Was ist eigentlich aus dem Prinzip der Subsidiarität geworden? Dieser Begriff, der die Delegation von Verantwortung auf die tiefst mögliche Ebene beschreiben soll, fehlte bis vor zwei Jahren in keiner Rede sämtlicher Europa-Politiker. Er beschreibt eine Regel, die in Unternehmen, Staaten und innerhalb der Gesellschaft erfolgreich angewendet wird: Je näher die Verantwortlichen am Problem angesiedelt sind, desto besser sind ihre Entscheidungen.

2. Wo bleibt die Wettbewerbsfähigkeit? Der Wettbewerb zwischen kleinen Einheiten führt überall zu einem stärkeren Ganzen. Das gilt im Sport, in der Wirtschaft, in der Kultur ... und natürlich auch bei Staaten. Die Transferunion führt zu weniger Wettbewerb, damit weniger Wohlstand, der wäre dann „gerechter“ verteilt. Der jetzt angepeilte Weg führt uns weniger zur USE als zur EUDSSR.

3. Was lernen wir aus der Geschichte? Statt Frieden zu säen, wird die Saat zukünftigen Unfriedens ausgestreut. Überall, wo man mit einem künstlichen Überbau unterschiedliche Nationen zusammengepresst hat, entwickeln sich Zentrifugalkräfte, die irgendwann mal nicht zu beherrschen sind. Das Ende der UDSSR, Jugoslawiens, die Teilung der CSSR sind nur einige Beispiele. Belgien kommt aus genau diesen Gründen nicht zur Ruhe. Schon jetzt tut sich in der Euro-Zone ein gefährlicher Riss zwischen zukünftigen „Geber- und Nehmerländern“ auf. Glaubt jemand ernsthaft, dass das ständige Herumnörgeln von Vertretern des größten Gläubigers an den Spar-, Privatisierungs- und Reformanstrengungen der Schuldnerländer zu mehr Eintracht in Europa führt?

4. Wieso ist die Euro-Zone „Europa“? Europa besteht aus 50 Staaten, zehn EU-Staaten sind gar nicht in der Euro-Zone. Merken unsere Euro-Retter denn nicht, dass der Graben zwischen Euro- und Nicht-Euro-Ländern durch ihre Politik immer größer wird? Kaum eines der zehn Länder wird noch Geschmack daran finden, in eine Transfer- und Schuldenunion einzusteigen, auch wenn die Politik diese neuerdings mit dem falschen Etikett „Stabilitätsunion“ beklebt hat.

Man muss sich nur mal vorstellen, wie weit wir davon entfernt sind, die Fußballnationalmannschaften durch eine Europamannschaft ersetzen zu wollen, um diese realitätsfernen Gedankenspiele zu durchschauen. Übrigens, selbst in den USA, seit mehr als 200 Jahren eine Nation, kommt niemand auf die Idee, dass das Texas dem überschuldeten Kalifornien aus der Patsche helfen müsste. Wir hier, in einer wackeligen Euro-Zone und ohne jede gesamtstaatliche Tradition, haben die Brandmauer („no-bail-out-Klausel“) zwischen dem deutschen und dem griechischen Steuerzahler aber schon mal eingerissen. Was für ein Wahnsinn.

Als Folge der Globalisierung sehnen sich die Menschen eher nach einer Stärkung ihres lokalen Umfeldes. Dezentraslisierung ist das Gebot der Stunde, nicht Zentralisierung.

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor am Lehrstuhl Internationales Management der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Kommentare (22)

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forenfux

03.10.2011, 14:32 Uhr

Herr Henkel, wie schon bei ihrer letzten Kolummne von mir 100% Zustimmung! Bitte gründen Sie eine Partei; die FDP wird den entsprechenden Schwenk zu ihren Wurzeln leider nicht mehr schaffen. Als langjähriges FDP-Mitglied würde ich Ihnen meine Stimme geben!

alfman1961

03.10.2011, 17:22 Uhr

viele politiker verweisen immer auf den globalen "wettbewerb", dem sich eu mit den usa und asien stellen muss. dazu verwenden sie eine sprache, die an kriegsberichterstattung erinnert - auf jeden fall wieder so ein "alternativloses" szenario.
schön langsam wird offensichtlich, dass die eu-politiker die völker in gewisse bahnen lenken wollen. wie schlachtvieh!
aber nur ein mehr an demokratie, ein mehr an aktiver mitbestimmung wird die eu retten können, hin zu einem staatenbund, dessen mitglieder einander mit gegenseitigem respekt begegnen.

Account gelöscht!

03.10.2011, 21:08 Uhr

Das Kernproblem dabei (und bei sehr vielen anderen Themen) ist die Dummheit der Politiker die uns sehr teuer kommt.
Leider ist das Volk welches solche Politiker wählt offensichtlich noch dümmer.
Die Frage ist, was diejenigen tun sollten, welche halbwegs durchblicken?
Abwählen können wir leider weder Schäuble noch Merkel noch ihren Pittbull Pofalla, noch Andere.
Unsere sogenannte Demokratie hat leider sehr viele Mängel.
Deshalb die Frage: was tun ?
- Leserbriefe schreiben?
- mit Freunden und Bekannten reden?
... das alles bringt nicht genügend, hat jemand weitere Ideen?

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