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30.01.2012

10:39 Uhr

Henkel trocken

Von Brandmauern und Funkenflug

VonHans-Olaf Henkel

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass unsere Politiker, sieht man mal von ehemaligen DDR-Größen ab, jemals so unverfrorenen Etikettenschwindel betrieben haben, wie in ihrer Eurorhetorik. Das bisher eindrucksvollste Beispiel dafür ist die „Stabilitätsunion“, mit der die Umwandlung von einer Währungsunion erst zu einer Transferunion, dann zu einer Schuldenunion und schließlich zu einer Inflationsunion kaschiert werden soll. Es geht aber noch dreister.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Um die Deutschen auf die nächsten Wortbrüche (sprich: weitere Bürgschaften und neue Risiken) vorzubereiten, werden jetzt „Brandmauern“ versprochen. Als ich das las, hatte ich sofort das brennende Haus meiner Eltern an der Rothenbaumchaussee 141 in Hamburg-Harvestehude vor Augen. Am 26. Juli 1943 schlug eine Brandbombe ins Dach. Der kleine Hans-Olaf stand auf der Straße und sah sein Elternhaus abbrennen. Die Brandmauer zwischen den Häusern verhinderte das Überschlagen der Flammen auf das Haus des Nachbarn. 

Eine Brandmauer hatten wir auch im Maastricht-Vertrag. Es bleibt das Verdienst des damaligen Finanzministers Theo Waigel (CSU) und seines Staatssekretärs Horst Köhler, diese gegen energischen Widerstand der Franzosen aufgebaut zu haben. Sie hatte auch einen Namen: „No-bail-out“-Klausel. Und sie hatte eine Bedeutung: Einem in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Land durfte nicht geholfen werden. Damit sollten Politiker davon abgehalten werden, Schulden zu Lasten der Bürger in anderen Ländern aufzunehmen. Diese Brandmauer zwischen den Steuerzahlern in Deutschland und ausgabefreudigen Politikern in anderen Ländern wurde im Mai 2010 von Kanzlerin Merkel auf Druck der Franzosen Sarkozy, Lagarde, Trichet und Strauss-Kahn eingerissen.

Jetzt forderte EU-Währungsfeuerwehrmann Olli Rehn: „Wir brauchen höhere Brandmauern in Europa.“ Dadurch verschleiert er nicht nur die Tatsache, dass die Brandmauer von Maastricht abgerissen wurde, er erweckt den Eindruck, dass eine neue aufgebaut worden wäre, nur nicht hoch genug. Mit diesem Etikettenschwindel machte er aus einem Rettungsschirm (ESM) eine Brandmauer.

Daraufhin erklärte der französische Feuerwehrmann, Finanzminister François Baroin: „Je höher die Brandmauer, desto geringer ist die Gefahr, dass der Rettungsschirm in Anspruch genommen werden muss.“ Damit suggeriert er, dass mit der Erhöhung der (vor allem von den Deutschen) abgegebenen Bürgschaften das Risiko der Deutschen sinkt. Das erinnert zwar stark an die Geschichte des Barons von Münchhausen, der sich mal an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen haben will, ist aber aus französischer Perspektive plausibel.

Auch der sozialistische Kandidat für das französische Präsidentenamt, Francois Hollande, hat jetzt verkündet, sich im Falle seiner Wahl für Eurobonds einzusetzen. Wenn alle für die Schulden aller haften, wie beim Euro-Bond der Fall, lässt es sich leichter Schulden machen. 

Kommentare (45)

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EinBuerger

30.01.2012, 11:21 Uhr

Mit dieser "Brandmauer" bzw. dem unbegrenzten Rettungsschirm soll angeblich Vertrauen der Anleger aufgebaut werden - das Gegenteil ist der Fall, denn wenn diese Finanz-Mega-Bomben notwendig sind ist die Lage offensichtlich hoffnungslos.

Und zum Thema Südländer - wer wissen will wie die ticken muß diese Analyse von einem Italien-Insider lesen:
http://www.welt.de/wirtschaft/article13839686/Die-Italiener-stecken-jeden-Deutschen-in-den-Sack.html

Der Name "Rettungsschirm" ist also irreführend, in Wirklichkeit gehts um eine Blutbank für die Südländer-Vampire.
Vampire die ihr eigenes Land aussaugen um dann mehr Blut von den Nachbarn zu fordern.

Und die Banken sind die Betreiber der Blutbank die hier Profit machen wollen.

Dr.NorbertLeineweber

30.01.2012, 11:52 Uhr

Dr.NorbertLeineweber: Ein absolut brillanter Artikel. Noch besser kann man das Politikversagen in der Eurozone nicht auf den Punkt bringen. Es ist schade, dass Henkel "nur" Honorarprofessor ist, weil er durch die Klarheit seiner Worte eigentlich die gesamte Zunft in die Pflicht nimmt. Euroland ist abgebrannt, wie es längst in allen Artikeln von mir im Handelsblatt und in der FTD steht. Henkel rekapituliert, wenn man es genau nimmt. Sein Artikel müsste allen Haushalten in Deutschland per Postwurfzusendung zugestellt werden, um endlich erfolgreich eine neue Partei gründen zu können, weitab von jedweder Verarsche aller Bürger.

OnkelSam

30.01.2012, 12:13 Uhr

Aber Herr Henkel, selbst Prof. Sinn glaubt inzwischen an die kommende Transferunion und erwartet in kurzer Zeit sogar Eurobonds. Und was machen Sie? Sie wettern bar jeder makroökonomischen Einsicht immer noch gegen den Euro. Erkennen Sie nicht, dass Sie damit auf verlorenem Posten stehen. Natürlich läuft einiges falsch, aber das was Sie propagieren ist völlig jenseits dessen, was wirklich notwendig ist. Schon als BDI Chef konnte man ihre Uneinsichtigkeit und neoliberale Verblendung kaum ertragen. Doch ihr jetziger Kampf, sogar gegen jede ökonomische Vernunft ist unerträglich.

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