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26.04.2014

14:41 Uhr

Jupp, Pep und Jogi

Das Auf und Ab unserer Helden

VonMichael Steinbrecher

Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass wir Hoffnungen und Skandale personalisieren – und kurzatmiger werden. Erst ist Jogi Löw ein Fußball-Messias, am nächsten Tag ein Versager. Mehr Grautöne würden uns gut tun.

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Pep Guardiola ist ein Weltklasse-Trainer, hat eine charismatische Ausstrahlung und kann auf eine beeindruckende Erfolgsbilanz verweisen. Das alles steht außer Frage. Der Bayern-Trainer schien bis vor kurzem unantastbar. Dann macht er eine Aussage, mit der er die Bundesliga-Saison nach dem Titelgewinn sinngemäß bereits abhakt.

Das so zu formulieren, und damit die innere Spannung der Spieler zu reduzieren, war ein Fehler. Das hat er mittlerweile selbst eingeräumt. Seit Wochen werden ihm dieser Fehler und die folgende Rotation in der Startelf nun schon vorgehalten. Das muss er sich natürlich gefallen lassen. Aber ungeachtet dessen bleibt er ein Weltklassetrainer. Oder dürfen die keine Fehler machen?

Umgekehrt hat mich gestört, dass zu Beginn der Saison der Eindruck entstehen konnte, als würden die Bayern mit der Gewöhnung an das Guardiola-System erst lernen, richtig Fußball zu spielen. Nach dem Motto: Eine neue Ära beginnt, jetzt wird alles noch besser. Jetzt kommt „Pep“ und bringt das Weltniveau mit.

War das fair gegenüber Jupp Heynckes? Um eins klarzustellen: Guardiola hat den Hype um ihn nicht forciert. Im Gegenteil. Er kann kein Interesse daran haben, dass die Erwartungen an ihn so überdimensional hoch sind. Aber schnell, viel zu schnell hat man vergessen, dass bei den großen Siegen der Bayern im Champions-League-Halbfinale 2013 gegen Barcelona Jupp Heynckes auf der Bank saß. Waren das 4:0 in München und das 3:0 im Camp Nou nicht schon die Demonstration der „neuen Bayern“?

Jupp Heynckes wurde in München angemessen verabschiedet. Beim Sportstudio-Auftritt vor Beginn der Saison hatte ich den Eindruck, dass er mit sich und seiner Karriere im Reinen ist. Aber manchmal muss man daran erinnern: Schon unter Heynckes ist es gelungen, den Angriff der Dortmunder zumindest vorübergehend abzuwehren und mit dem Triple einen Erfolg zu feiern, der selbst in der glorreichen Geschichte der Bayern einmalig ist. Warum vergessen wir so schnell?

Löw war der Mann, der alles richtig macht

Dies ist keine Sportjournalisten-Schelte. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass wir Hoffnungen, Enttäuschungen oder auch Skandale immer mehr personalisieren. Und dass wir dabei immer kurzatmiger werden. Nicht nur, aber auch im Sport. Guardiola ist da keine Ausnahme.

Wie sehr wurde Joachim Löw während der letzten Europameisterschaft glorifiziert? Der Mann, der alles richtig macht. Der immer die richtigen Spieler bringt. 90 Minuten gegen Italien reichten aus, um aus ihm zumindest kurzfristig einen „Versager“ zu machen, der als Nationaltrainer untragbar ist.

Löw ist weder ein „Fußball-Messias“ noch ein Versager. Er ist ein Trainer, der vieles richtig macht, seinen Entscheidungen auch gegen öffentlichen Druck selbstbewusst treu bleibt, aber noch beweisen muss, dass er in den großen, entscheidenden Spielen die richtigen Lösungen findet. So schwer es fällt in einer personalisierten Welt, die von „schwarz“ und „weiß“ lebt – etwas weniger Aufregung und mehr Grautöne würden uns guttun.

Michael Steinbrecher ist Journalist, Fernsehmoderator und seit 2009 Professor für Fernseh- und crossmedialen Journalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Von 1992 bis Mitte 2013 hat er das ZDF-Sportstudio moderiert und war für das ZDF als Moderator bei zahlreichen Sport-Großereignissen wie Fußballwelt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen vor Ort. Bis zum Ende der Fußball-WM 2014 in Brasilien wirft er – immer samstags – einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen des internationalen Spitzensports.

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