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23.01.2013

16:37 Uhr

Kleinleins Klartext

Der Trick mit der Rückstellung

VonAxel Kleinlein

Das Vertragschinesisch in der Altersvorsorge dürfte kaum ein Kunde verstehen. Besonders geheimnisvoll ist die „Rückstellung für Beitragsrückerstattung“. Wer diesen Posten versteht, könnte an seinem Versicherer zweifeln.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Wer sich die Mühe macht und im Kleingedruckten seiner klassischen Lebensversicherung, privaten Rentenversicherung oder klassischen Riester- beziehungsweise Rürup-Rente liest, der wird mit vielerlei unverständlichem Versicherungschinesisch herausgefordert. Da ist die Rede vom „Zillmerverfahren“, da werden „Stornoabschläge“ definiert, die sich am „riskierten Kapital“ orientieren und die dabei – natürlich – stets „angemessen“ sind und sich zudem an den „anerkannten Regeln der Versicherungsmathematik“ orientieren. Alles klar?

Wer sich dadurch noch nicht abschrecken lässt und sich die Paragrafen zur Überschussbeteiligung zu Gemüte führt, stößt auf eine weitere versicherungstechnische Vokabel: „Rückstellung für Beitragsrückerstattung“, kurz RfB.

Kleinleins Klartext: Drum hoffe, wer sich ewig bindet…

Kleinleins Klartext

Drum hoffe, wer sich ewig bindet…

Wie eine gute Ehe soll die Altersvorsorge ein Leben lang halten. Die Praxis sieht aber anders aus. Treue kennt man bei Versicherungsunternehmen nicht. Kunden bleibt nur die Hoffnung, in Zukunft ein wenig Glück zu haben.

Rückstellung klingt nach einem sehr trockenen Thema, das die Passivseite der Bilanz betrifft. Tatsächlich ist die RfB aber das Kernstück der Überschussbeteiligung. Hier werden alle Gelder verschoben, geparkt und durchgeleitet, die die Verträge für die Kunden rentabel machen sollen. Denn wer seine Unterschrift unter den Vertrag setzt, der hofft stets darauf, dass er aus den Überschüssen eine satte Zusatzleistung erhält. Bis aber die Überschussgelder endlich im Portemonnaie des Kunden landen, müssen sie erst einmal durch die RfB geleitet werden.

Der Weg des Geldes ist also nicht so einfach zu verfolgen. Am Anfang prüft das Versicherungsunternehmen, ob es überhaupt Überschüsse gibt. Das ist eigentlich immer der Fall, denn auch, wenn das Unternehmen womöglich nur sehr wenige Zinsen erwirtschaftet hat, so bleiben immer noch Kosten- und Risikoüberschüsse. Von diesen Überschüssen muss das Unternehmen dann einen Teil in die RfB überweisen. Die RfB wird also jedes Jahr mit neuen Geldern ausgestattet.

Die Aufsichtsbehörde überwacht die Überschussbeteiligung. Dabei guckt sie nur, dass vom ursprünglichen Überschuss genügend Geld in die RfB überwiesen wird. Was dann passiert ist der Aufsicht meist egal. Für die Kunden ist das jedoch der entscheidende Schritt.

So funktioniert der Teufelskreis der Altersvorsorge

1. Schritt

Kleinsparer investieren ihr Geld bei einem Finanzdienstleister.

2.Schritt

Der Finanzdienstleister kauft von dem Geld schlechtverzinste Bundesanleihen.

3. Schritt

Die Schuldenquote Deutschlands sinkt; der Finanzminister jubelt.

4. Schritt

Die Politik gewährt dem Finanzdienstleister Vergünstigungen; Unternehmen und Aktionäre jubeln.

5. Schritt

Die Sparergebnisse sind schlecht, die Kleinsparer jubeln nicht.

6. Schritt

Die Politik fordert die Bürger auf, noch mehr Altersvorsorge zu betreiben, weil die Sparergebnisse ja so schlecht sind und nicht ausreichen.

7. Schritt

Kleinsparer investieren noch mehr Geld bei einem Finanzdienstleister. Danach geht es zurück zum 1. Schritt.

Ist das Geld erst mal in der RfB, überlegen sich die Manager im Versicherungsunternehmen was damit passieren soll. Sie können das Geld gleich weiterleiten an die Kunden. Das heißt dann auch „laufende Überschussbeteiligung“ und führt dazu, dass diese Mittel dem Kunden nicht mehr weggenommen werden können.

Die Manager können sich aber auch dazu entscheiden, besonders die Kunden zu belohnen, die brav ihren Vertrag nicht gekündigt haben. Diese sogenannten Schlussüberschüsse erhalten dann nur diejenigen, deren Vertrag ausläuft oder in Rente geht. Die Überschüsse, die genau für diese Leistungen vorgesehen sind, landen dann im Schlussüberschussanteilfonds, der den zweiten Topf der RfB darstellt.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

23.01.2013, 18:00 Uhr

"Es gibt einige Unternehmen, die haben richtig viel Geld in diesem Puffer angesammelt und senken trotzdem die laufenden Überschüsse."

Ross und Reiter bitte nennen. Und nicht solch Wischiwaschi! Gibts hier eine Wirtschaftsredaktion oder nicht? Bitte nennen Sie doch wie die Entwicklung dieser Rückstellungen war (angeblich wurden diese ja erst über die letzten Jahre erhöht) und wie viel das in Relation zu den Überschüssen ist ("richtig viel", wo bleibt die Seriösität? Wo die reputable Quellenangabe?).

Mazi

23.01.2013, 18:39 Uhr

Hühnereier müssen klarer ausgezeichnet werden.

Weshalb misst das Verbraucherministerium hier offensichtlich mit unterschiedlichen Messlatten?

Frau König, die Präsidentin sei Expertin in Sachen Versicherungen. Was sagt sie dazu und worin sieht sie ihren Job?

hermann.12

24.01.2013, 07:46 Uhr

Und wieder einmal zeigt sich das Aufsichtsversagen durch Eigeninteresse der Politik.
Denn eigentlich ist das System ja ganz vernünftig, es funktioniert nur leider häufig nicht, weil die Politik Fremd- und Unternehmensinteressen bedient und nicht das Wählerinteresse.
Wenn der staat seine Aufsichtspflicht nur noch dazu missbraucht sich selbst schadlos zu halten und seine Steuereinnahmen zu erhöhen braucht sich niemand über Verbraucher unfreundliche Unternehmen zu wundern. daran ändern auch neue Gesetze wenig. Solange der Staat seine einstellung und sein Verhalten nicht ändert, bleiben neue "Schutzgesetze" Placebos.

H.

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