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27.12.2012

13:53 Uhr

Kleinleins Klartext

Die Entmystifizierung der Alterungsrückstellung

VonAxel Kleinlein

Rückstellungen sollen in der privaten Krankenversicherung dafür sorgen, dass die Beiträge stabil bleiben. Versicherte sollten wissen, wie die Gesellschaft kalkuliert. Denn im Alter drohen hohe Beitragssteigerungen.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Manchmal treffen sich Politiker, Lobbyisten und Verbandsvertreter. Und selten werden dann sogar Verbraucherschützer mit eingeladen, um über besonders brisante Themen zu referieren und diskutieren. Gerne finden solche Veranstaltungen dann zu sehr ungewöhnlichen Zeiten statt – wie etwa an einem Freitagmorgen um 8 Uhr früh. Thema: Der „Mythos Alterungsrückstellung (?)“ in der Privaten Krankenversicherung (PKV).

Es ist erst einmal auch für Nichtversicherungsmathematiker nicht so einfach zu verstehen, warum so etwas wie eine Alterungsrückstellung überhaupt notwendig ist. Die Versicherungsmathematiker kalkulieren einen Tarif schließlich anfangs so, dass dieser genau „passen“ soll. Das Geld, das der Kunde an das Versicherungsunternehmen überweist, soll also ausreichen alles an durchschnittlichen Krankheitskosten auch bezahlen zu können.
Wenn der Versicherungsmathematiker aber den Tarif genau in dieser Art und Weise berechnet, führt das dazu, dass eigentlich jedes Jahr der Beitrag steigen muss, weil ja auch die durchschnittlichen Kosten mit dem Alter steigen. Ein 50-Jähriger geht nun mal öfter zum Arzt und braucht auch mehr Medikamente als ein 20-Jähriger.

Die drei Positionen der Alterungsrückstellung

Barwertmethode

Die Alterungsrückstellung nach Kalkulation ermittelt sich eindeutig aus dem aktuellen Beitrag und dem Garantiezins nach der „Barwertmethode“.

Zehn-Prozent-Mittel

Die „Zehn-Prozent-Mittel“ errechnen sich aus den in der Vergangenheit zusätzlich gezahlten Beiträgen – verzinst mit dem Garantiezins.

Überschussmittel

Die Überschussmittel errechnen sich aus den in der Vergangenheit dem Vertrag zugewiesenen Überschüssen– verzinst mit dem Garantiezins.

Um diesen Anstieg zu vermeiden, kalkulieren die Unternehmen die Beiträge so, dass sie eigentlich konstant bleiben sollen. In jungen Jahren ist der Beitrag dann höher als das, was eigentlich an Kosten für das laufende Jahr zu erwarten wäre. Diese „Überzahlung“ wird auf einem gesonderten „Konto“ geparkt, um später die dann eigentlich zu niedrigen Beiträge aufzupeppen. Dieses „Konto“ nennt sich Alterungsrückstellung. Dort wird das angesparte Kapital auch mit dem Garantiezins verzinst – meist noch mit 3,5 Prozent. Die Entwicklung der kalkulatorischen Alterungsrückstellung ist dann für einen Versicherungsmathematiker auch einfach zu berechnen.

Wenn der Versicherungsmathematiker keinen Fehler gemacht hat (und das darf er nicht), dann bleibt der Beitrag von Vertragsbeginn bis Lebensende immer gleich. Die Alterungsrückstellung steigt dabei in den ersten Jahrzehnten an und wird dann später wieder abgebaut.

Leider rechnen die Versicherungsmathematiker aber oft falsch. Sie berechnen nämlich nicht ein, dass die Kosten für die Gesundheitsvorsorge ansteigen. Ein Medikament, das heute 10 Euro kostet, wird vermutlich in 2040 alleine durch die Inflation erheblich teurer sein. Einen Vorwurf darf man den Mathematikern hier aber nicht machen, denn diese Inflation darf er nach Gesetz und Verordnung gar nicht einrechnen.

Kommentare (5)

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thowe

27.12.2012, 15:40 Uhr

1. Die PKV darf künftige Kostensteigerungen(Inflation, medizinischer Fortschritt) in die Tarife nicht mit "einpreisen". Das regelt das Gesetz und die Kalkulationsverordnung!
2. Ich bin froh, dass ich als PKV-Versicherter Alterungsrückstellungen aufbaue - das tut die GKV beispielsweise nicht!
3. In meinem Vertrag habe ich mehrfach erlebt, dass Beiträge auch gesenkt worden sind. So auch für eine versicherte Person in meinem Vertrag zum 01.01.2013.
4. Beim RECHNUNGSZINS in Höhe von 3,5 Prozent (DIES IST KEINE VERZINSUNG - bitte finanzmathematische Fachtermini sauber auseinanderhalten!) spricht der Autor, dass dieser von den Unternehmen lediglich so eben erreicht wird (was ja auch richtig ist), bei dem 10%igen Zuschlag wird auf einmal ein deutlich höherer Zins erreicht. Klingt nach sensationshasschendem Boulevard-Journalismus, oder?
5. Die GKV hat seit 1970 bis 2013 ihren Höchstbeitrag jährlich im Schnitt um 5,98 Prozent erhöht, trotz Leistungskürzungen! Warum schreibt darüber niemand? Würde mich diesbezüglich über einen seriösen Atikel freuen.

Rudolph

27.12.2012, 16:53 Uhr

Zeit meines Lebens bin ich Privatversicherer. Die Beiträge sind immer nur gestiegen - selbst nach Umstieg in einen Tarif mit höherer Selbstbeteiligung. Inzwischen ist die Familienversicherung in der PKV mehr als doppelt so teuer wie bei der GKV. Selbst wenn man über Jahre keine Rechnungen einreicht, wird es immer teurer. Wenn man die PKV darauf anspricht, wird einem die "Solidargemeinschaft" erklärt. Soso, mein Beitrag muss jedes Jahr exorbitant steigen, weil andere laufend zum Arzt gehen und die Ärzte ständig mehr Geld verlangen. Die Steigerung meines Einkommens kann dieser galoppierenden Inflation schon lange nicht mehr standhalten. Das Modell der PKV ist auf dieser Basis nicht zukunftsfähig. Ich bin mindestens genauso skeptisch, was die Altersrückstellungen angebelangt. Gebts Gott, das ich gesund bleibe. Bei den Mengen an bisher gezahlten Geldern müsste ich schon was ganz schlimmes bekommen, damit die PKV Miese macht.

Account gelöscht!

27.12.2012, 20:33 Uhr

Verstehe ich nicht. Gerade in jungen Jahren ist der Beitrag der PKV deutlich günstiger und fällt auch nur 12 mal im Jahr an (nicht zusätzlich auf Sonderzahlungen). Haben Sie das und die Rückzahlungen bei Leistungsfreiheit der vermeintlich günstigeren GKV mit Praxisentgelt, Zuzahlungen zu Medikamenten, Leistungskürzungen und der Erhöhung der Beiträge im Rahmen der Höchstgrenzen ernsthaft verglichen und sind dann immer noch deutlich teurer?

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