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17.07.2013

12:43 Uhr

Kleinleins Klartext

Die falschen Dogmen der Altersvorsorge

VonAxel Kleinlein

Versicherer halten sich für die Experten der Altersvorsorge. Kritik an schlechten Produkten wird oft pauschal niedergemacht. Dabei ist das zentrale Selbstverständnis der Assekuranz, das nur sie Vorsorge können, falsch.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Es gibt in den Kommentaren meiner Kolumne schon eine Art Ritual. Wenn ich die aktuellen Angebote der Versicherer kommentiere oder ansonsten auf die Unzulänglichkeiten der Altersvorsorgeprodukte eingehe, dann wird mir immer ein Vorwurf gemacht: Kritisieren sei ja einfach, aber konstruktive Lösungsvorschläge vermisse man bei den Verbraucherschützern immer wieder.

Auch viele andere Kollegen aus dem Verbraucherschutz bekommen das wiederholt zu hören. Anstatt immer nur zu meckern, solle man doch endlich die Verantwortung der Versicherer würdigen, dank derer die Bürger wenigstens ein bisschen Altersvorsorge betreiben würden. Und diese gesellschaftspolitische Aufgabe würde der Verbraucherschutz nicht nur behindern, sondern sogar torpedieren.

Was viele bei dieser Kritik erst einmal verkennen: Das Kritisieren ist gar nicht so einfach. Und es macht auch nicht immer nur Spaß. Wenn man sich etwa mit den neuen Angeboten der Platzhirsche der Branche beschäftigt, dann muss man sich durch viel Papierkram kämpfen.

Sind die Unterlagen zumindest teilweise verständlich, dann ist das etwas einfacher, wie etwa bei dem neuen Angebot der Ergo. Oder aber das Kleingedruckte ist sehr schwer verdaulich und ich verstehe es überhaupt erst nach fachlicher Diskussion mit dem Aktuariat, wie bei der neuen „Perspektive“ der Allianz. Aber das Studium dieses Papierwustes gehört nun mal zum Job dazu, wenn man diese neuen Produkte kritisieren möchte.

Fundierte Kritik zu üben ist also nicht gerade so erquickend wie ein Sommerspaziergang. Und das gilt erst recht, wenn man dann auch größere Entwicklungen beleuchtet, wenn ich etwa Sterbetafeln diskutiere, wir uns mit der „Riester-Rente-an-sich“ beschäftigen oder aber Kollegen mit Hilfe eines Ampelschemas endlich verständliche Wegweiser durch den Angebotsdschungel geben wollen.

Auch die „Kritik an der Kritik“, dass Verbraucherschützer keine konstruktiven Gegenvorschläge machen würden, ist etwas kurz gesprungen. Ein von der Branche akzeptierter Gegenentwurf müsste die Produktentwicklung der Versicherer bereichern. Aber es ist ja gerade notwendig, eine Distanz zu den Produktenwicklern zu haben, um dann die Angebote analysieren zu können. Und was noch wichtiger ist: Nur wer auch eine genügend große Distanz zum Selbstverständnis der Branche hat, kann dieser Branche den Spiegel vorhalten. Und dieses Selbstverständnis hat es in sich!

Kommentare (9)

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Soplaris

17.07.2013, 13:10 Uhr

Eine Freundin von mir war kürzlich beim Verbraucherschutz, um sich kostenpflichtig beraten zu lassen. Sie hat ein sechs Jahre altes Hybrid-Produkt von der Ergo.
Der Berater rechnete mal eben die Relation von Beitragssumme und Ablaufleistung aus und riet zur Kündigung.
Leider hat er nicht einmal den Risikobeitrag für die Beitragsbefreiung rausgerechnet (wäre einfach gewesen). Außerdem handelt es sich bekanntermaßen um ein gezillmertes Produkt. Die Beitragsrendite ab dem siebten Jahr (und das ist ja nunmal jetzt relevant) sieht dementsprechend ganz anders aus als die nicht mehr relevante Beitragsrendite ab Beginn. Kein Wort auch zum alten Garantiezins. Dafür ein Kommentar auf die Frage, was denn stattdessen als Altersvorsorge gewählt werden soll: "Also das ist jetzt schwierig." Sonst nichts.
Es wäre schön, wenn Verbraucherschützer eine Mindestqualifikation nachweisen müßten. Wer zur Kündigung von Verträgen rät, muss bessere Alternativen benennen und ebenfalls dafür haften.
Denn es bleibt dabei: Meckern ist einfach, und da jedes Produkt Vor- und Nachteile hat macht es wenig Sinn, sich nur auf die Nachteile zu beschränken, wie es die selbsternannten Verbraucherschützer ja so gerne tun. Der Werbewirksamkeit wegen, denn werben dürfen sie ja oft nicht.

Gus

17.07.2013, 14:26 Uhr

Die richtigen Dogmen der Altersvorsorge sind zu eruieren. Das ist wohl wahr und dabei darf es keine Tabus geben.

Das Wichtigste die Standortfrage. Bietet der Staat eine vernünftige Perspektive? Wichtig hierbei: Demografie, Steuer- und Wirtschaftspolitik und generell die mutmassliche weitere politisch demokratische Entwicklung. Es macht keinen Sinn 50% seines Einkommens für den Staat aufzuwenden, weil darunter zwangsläufig die eigene Altersvorsorge leidet.

Investition in die eigenen Kinder. Unsere Söhne sind erfolgreiche Akademiker: Mathematiker und Oekonomen. Auch eigene Kinder sind ein Teil der Altersvorsorge, zumindest dann wenn durch elterliche Zuwendung eine gute finanzielle Perspektive gegeben wurde.

Last but not least die eigene Vorsorge:

Die erarbeitete Grundversorgung also die gesetzliche Altersvorsorge. Dazu ein Pensionskassenkonto das zusätzlich durch Extraeinzahlungen aufgepolstert wurde. Und ein von mir selbst bewirtschaftetes Depot mit renditestarken Anlagen. Mein Depot liefert bisher ca. 15% meines zukünftigen Einkommens im Alter. Für die kleinen Extras im Leben.

Trotz des derzeit niedrigen Zinsen halte ich auf den Kontokorrentkonto relativ viel Cash, unter anderen um mit einer contrarian strategy das Depot zu bewirtschaften.

Ein vernünftiger kontrollierter Umgang mit Geld gepaart mit strategischer überlegter Spekulation helfen beim Vermögensaufbeau.

Chris7

17.07.2013, 16:06 Uhr

Das Hauptdogma, das es zu widerlegen gilt, ist wieder mal unausgesprochen: Wer sagt denn überhaupt, dass ich selbst für das Alter vorsorgen muss?

Ich bin Jahrgang 1975, muss also Stand heute bis 67 arbeiten, ich vermute wenn es soweit ist eher bis 70. Und da will mir jemand Angst vor Altersarmut und Versorgungslücke machen? 70, das ist das Alter wo heutige (Früh)Rentner, die mit 58-60 in Rente gegangen sind, noch 10-12 Jahre bei guter Gesundheit gelebt haben. Das wird es in meiner Generation so nicht mehr geben, es sei denn ich spare verdammt viel an und kann 10 Jahre Freizeit + dauerhafte Rentenabschläge selbst finanzieren. Darauf habe ich aber keine Lust. Ich lebe heute. Und ich lebe heute gerne gut. Ich spare nichts für das Alter. Heute habe ich etwas von Reisen, gutem Essen, schnellen Autos und schönen Frauen. Nicht mit 60 oder 70. Mit 70 ist meine Entscheidung allenfalls noch: 4-Rad-Rollator mit Ralleystreifen oder Essen auf Rädern vom Feinkosthändler. Mehr nicht.

Dazu das Risiko, dass bis ich das Geld brauche dieses entwertet ist oder durch eine Zwangslage (Jobverlust, ALG II) anders als fürs Alter verwendet werden muss.

Dann habe ich heute, wo ich etwas davon habe, auf ein genussreiches Leben verzichtet, ohne später etwas davon zu haben.

Und wenn ich 70 bin, dann habe ich >45 Jahre gearbeitet und Steuern und SV bezahlt. Da erwarte ich, dass der Staat mich dann die letzten 10 Jahre noch (auf niedrigem Niveau) finanziert. Das habe ich mir dann verdient.

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