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17.04.2013

11:29 Uhr

Kleinleins Klartext

Die Paranoia der Lobbyisten

VonAxel Kleinlein

Kaum eine Branchenvertretung ist so mächtig wie der Verband der Versicherer. Doch bei Kritik von Verbraucherschutz und Medien zeigen die Lobbyisten Nerven. Dabei haben sie doch kaum etwas zu befürchten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Die Versicherungslobby ist stark. Zumindest die der Lebens- und Sachversicherer, die sich im „Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft“ (GDV) organisiert.

Ein Bundestagsabgeordneter erklärte mir einmal, dass er früher bei seiner Arbeit im Verteidigungsausschuss von der Lobby der Rüstungsindustrie beeindruckt war. Nachdem er aber die Arbeit des GDV kennenlernte, weiß er, dass die Waffenlobby doch noch so einiges zu lernen hat. Die Versicherungslobby hat sich also den Ruf erarbeitet, sehr effizient und sehr erfolgreich zu arbeiten.

Da verblüfft es, wie der starke Lobbyverband bei Kritik von Seiten des Verbraucherschutzes doch immer wieder seine Souveränität verliert. Erst letzte Woche durfte ich dies wieder erleben, bei einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion während einer Vermittlerveranstaltung in Hildesheim. Man setzte sich zusammen, um Probleme in der Altersvorsorge zu besprechen und vielleicht auch Lösungsansätze zu diskutieren.

Dazu kam es allerdings nur zum Teil. Zum Ende der Veranstaltung hin hat der Funktionär des Lobbyverbandes einen ganz bestimmten Verbraucherschützer – nicht zum ersten Mal – beschimpft und dessen Arbeit verunglimpft. Der Vorwurf lautete, dass Verbraucherschützer zusammen mit Journalisten „Medienkampagnen“ fahren würden.

Auch wurde mal wieder behauptet, ich (denn er meinte mich), ich würde mit „finanzmathematischen Taschenspielertricks“ arbeiten, und meine Arbeit wäre „unseriös“. Anders als bei früheren Veranstaltungen gelang es ihm diesmal diese Schimpfkanonade in etwa zwei Minuten zu absolvieren, in der Vergangenheit dauerte das schon einmal fünf Minuten oder länger.

Derartige Szenen musste ich also auch schon früher erleben. Egal ob bei einer anderen Podiumsdiskussion auf Einladung der Bundesverbraucherministerkonferenz (dort saß ich nur im Publikum) oder wie im letzten Herbst bei dem Fachgespräch eines Beratergremiums der Bundesregierung. Auch dort verlor der gleiche Lobbyist seine Contenance und polemisierte in meinem Beisein ohne sich auf echte Argumente zu beziehen.

Damals wehrte der Lobbyvertreter meinen Wunsch nach Mäßigung (schließlich wollten wir ja eigentlich eine Sachdiskussion führen) brüsk ab. Seine damalige Unterstellung lautete: Wenn ein Verbraucherschützer seine ungeliebten Thesen in der Öffentlichkeit – gar im Fernsehen – vertritt, dann wäre per se keine Diskussion mehr möglich, denn diese Thesen seien ja sowieso falsch und nicht diskussionswürdig. Und deshalb wäre es auch richtig, eine Sachdiskussion von vornherein durch Verbalattacken zu würzen und zu erschweren.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

17.04.2013, 12:49 Uhr

Lobbyismus wird immer aggressiver und unverschämter,je schlechter das Geschäft läuft.Konnte man auch sehr schön zu Zeiten des Atomausstieges verfolgen,als plötzlich sturm gelaufen wurde gegen die Energiewende.Und wo Otto-Normalverbraucher fast ausschließlich dafür war,fanden sich plötzlich überraschend polemische und aggressive Statements dagegen.Da wurden Konzerne,Atom und Kohle plötzlich gepriesen,als sei man ohne sie zur Steinzeitexistenz verdammt.
Versicherungen waren schon immer von einer Art Drückerkolonnenmentalität geprägt,und die zeichnen sich nicht durch Kundenfreundlichkeit aus.

hermann.12

17.04.2013, 12:52 Uhr

Kaum eine Lobby wäre mächtiger als die Versicherungslobby?

Das ist höchst unglaubwürdig.
Wäre es so, gäbe es keine Rürup- und Riesterverträge, die Lebensversicherung würde immer noch steuerfrei sein.
Der Einfluss von Lobbys in Deutschland bestimmt sich durch ihr Erpressungspotential hinsichtlich von Arbeitsplätzen.
Sobald die bedroht werden ist wenig auszurichten.
das sieht man ja überdeutlich in den gesetzlichen Sozialversicherungen.
Da sowohl Banken als auch Versicherungen Personalintensiv sind, hört jede Reform dort auf, wo sie zu Personalabbau führen müssen. Egal ob das sinnvoll wäre oder nicht.

Der Staat hat u.a. auch deshalb viele Marktbedingungen im Laufe der Zeit so verändert, dass mit immer zweifelhafteren Geschäftskonzepten gearbeitet werden muss, um Gewinn zu machen.
Viele Probleme im Versicherungswesen sind im Prinzip einfach zu lösen, nämlich durch funktionierenden Wettbewerb. Solange der unerwünscht bleibt, weil das den Einfluss der Politik begrenzt ist es sinnlos sich über die Versicherer aufzuregen.
Allerdings für Verbraucherschützer ist das eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme, denn bei funktionierenden Märkten würde der Markt die meisten Probleme alleine beseitigen.
Doch das ist nicht gewollt, weil echte Bereinigungen Besitzstände derjenigen bedrohen, die nicht mehr marktkonform produzieren.

H.

Account gelöscht!

17.04.2013, 12:53 Uhr

Selbst dem Bund der Versicherten war doch ihre Polemisierung und unsachliche "Ich bin gegen alles und jeden"-Prinzip am Ende zu lästig. Da sind sie hochkant nach 1 1/2 Jahren als Vorstandsvorsitzender raus geworfen worden. Nichts gegen den Verbraucherschutz. Auch ich sehe so manches Produkt sehr kritisch. Der geneigte Leser hier weiß, dass ich z.B. klar das physische Gold- und Silberinvestment favorisiere, weil ich eben kaum den Produkten vertraue. Sie aber rechnen z.B. in der Rentenversicherung einfach die Lebenserwartung nach den Sterbetafeln des stat. Bundesamts. Was aber eindeutig falsch ist, und das wissen Sie als Diplommathematiker. Schließlich beinhalten diese Sterbetafeln ausdrücklich nicht den medizinischen Fortschritt. Das sagt selbst das stat. Bundesamt. Interessiert Sie aber wenig.

Wie gesagt: Es gibt genügend faule Tricks von Lebensversicherern. Das wissen wir beide. Warum muss man aber den Versicherern Sachen vorwerfen, die fachlich nicht richtig sind? Oder ein anderes Beispiel: Seit Jahren sagt uns der Verbraucherschutz, dass Lebensversicherungen "baba" sind. Nun aber, in der Niedrigzinsphase, erzählt uns der Verbraucherschutz, dass Lebensversicherungen, welche in der Hochzinsphase abgeschlossen sind, toll wären und bitte nicht gekündigt werden sollten. Aha? Disqualifiziert sich da der Verbraucherschutz nicht selbst?

Oder anders gefragt: Warum gibt es in Verbraucherschutzzentralen bei der Beratung kein Beratungsprotokoll? Ein Test der Beratungsqualität der Verbraucherschützer zeigten schon in der Vergangenheit große Defizite. Warum testet sich der Verbraucherschutz nicht einmal selbst?

Man kommt nicht weiter in dem man alles und jeden verteufelt. Auch eine Riesterrente _kann_ gut sein. Es kommt aber immer auf die Rahmenbedingungen an. Es gibt keine Eierlegende Wollmilchsau. Ich kann Ihnen jedes Produkt, selbst ein Tagesgeldkonto, so negativ anpreisen, dass jeder Leser hier denkt, es wäre Betrug am Kunden. Das ist es aber nicht.

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