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20.02.2013

13:26 Uhr

Kleinleins Klartext

Warum die PKV einen „Nichtzahlertarif“ braucht

VonAxel Kleinlein

Wenn Kunden kein Geld mehr haben, um ihre Beiträge für die private Krankenpolice zu begleichen, wird es für die Versicherer teuer. Die Politik lässt die Branche ebenso wie die Versicherten im Stich.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Manchmal verfolgen sogar Verbraucherschützer und Versicherer gemeinsame Ziele. Eigentlich jedoch nie, wenn es um Lebensversicherungen oder Altersvorsorge geht und auch nur sehr selten, wenn die private Krankenversicherung diskutiert wird. Manchmal aber dann doch. Auch wenn ich kein großer Freund der PKV bin, so hat der Lobbyverband doch in einem Punkt recht. Nämlich dann, wenn es darum geht, einen „Nichtzahlertarif“ zu fordern.

„Nichtzahlertarif“ ist ein klassisches Oxymoron. In einem Oxymoron werden Gegensätze miteinander verbunden. Das Oxymoron kann dabei zum Beispiel ein Sprichwort sein („Eile mit Weile“) oder auch ein stehender Begriff („virtuelle Realität“). Auch der „Nichtzahlertarif“ ist ein solches Oxymoron. Es geht schließlich zunächst um einen „Tarif“, d. h. um ein Versicherungsprodukt für das eine Prämie zu bestimmen ist, die dann gezahlt werden soll. Zum anderen geht es aber um „Nichtzahler“, also gerade um solche Menschen, die eben kein Geld bezahlen. Das Oxymoron bringt damit das Problem auf den Punkt: Wie kalkuliert man einen Tarif für Menschen, die eigentlich nichts bezahlen?

Erst einmal fragt man sich natürlich, warum ein Versicherer einen solchen Tarif überhaupt braucht. Eigentlich würde man ja meinen, dass eine Person nur dann Versicherungsschutz bekommt, wenn sie auch die Prämien bezahlt. Durch die Krankenversicherungspflicht ist das seit 2009 anders. Es ist seit dem für keinen Bürger mehr möglich, einfach einen Versicherungsvertrag zu kündigen und dann ohne Absicherung dazustehen.

Normalerweise fliegt man aus einer Versicherung raus, wenn man nicht bezahlt. Nicht so in Sachen Krankenversicherung. Wenn zum Beispiel ein kleiner Selbstständiger seine PKV nicht mehr bezahlen kann, dann stellt er zunächst die Zahlung ein. Anders als bei jedem anderen Versicherungsvertrag kündigt ihm das Unternehmen aber nicht. Er wird vom Versicherer immer wieder angemahnt zu bezahlen. Je mehr Zeit verstreicht, desto höher werden die Schulden, denn für jeden weiteren Monat wird ja eine neue Prämie fällig.

Eigentlich hat der nicht zahlende Selbstständige in dieser Zeit auch weiterhin Anspruch auf bestimmte Versicherungsleistungen. Dies bedeutet, er darf sich bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen sowie bei Schwangerschaft und Mutterschaft behandeln lassen, soweit diese Behandlungen erforderlich sind. Er könnte also eigentlich dieses eingeschränkte Leistungspaket abfordern. Normalerweise tun dieses aber gerade diejenigen nicht, die bereits die Prämienzahlung eingestellt haben. Sie haben oft auch Skrupel zum Arzt zu gehen. Das hilft aber natürlich nicht um die Schulden einzudämmen, die Schuldenlast steigt mit jedem Monat stetig weiter, in dem er keine Prämie zahlt.

Kommentare (11)

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Thomas-Melber-Stuttgart

20.02.2013, 13:53 Uhr

Die Frage ist: wenn man als Nichtzahler nur noch sehr eingeschränkte Ansprüche auf Heilfürsorge hat, weshalb soll man dann die volle Prämie bezahlen?

thowe

20.02.2013, 14:05 Uhr

Vielen Dank! Endlich ein fachlich guter Artikel zum Thema. Liest man derzeit selten!

Account gelöscht!

20.02.2013, 14:37 Uhr

Man sollte die gesamte private Krankenvollversicherung abschaffen, und eine gesetzliche Pflichtkrankengrundversicherung schaffen. Die privaten oder auch die gesetzlichen Krankenversicherung können dann Tarife für zusätzlichen Versicherungsschutz anbieten. Es wäre meines Erachtens allen damit mehr geholfen. Die PKV ist in der Zukunft nicht mehr bezahlbar und tragbar, und gehört daher abgeschafft.

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