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24.07.2013

15:39 Uhr

Kleinleins Klartext

Wie die Allianz den Garantiezins gestaltet

VonAxel Kleinlein

Die Kreativität der Versicherungsmathematiker ist groß, insbesondere wenn es um den Garantiezins in der Lebensversicherung geht. Das zeigt sich auch an einem neuen Produkt des Marktführers.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Mathematiker sind von Haus aus sehr kreativ. Das müssen sie sein, das haben sie im Studium gelernt. Anders als Ärzte, Juristen oder Biologen müssen Mathematiker im Studium nämlich nichts auswendig lernen, sondern alle Theoreme, Beweise und Lemmata immer eigenständig herleiten können. Da ist Kreativität von Nöten. 

Auch Versicherungsmathematiker (im Fachjargon Aktuare) können diesen Drang zur Kreativität nicht ablegen. Zwei Beispiele dieses unbändigen Einfallsreichtums durften wir in den letzten Wochen kennenlernen: Die neuen Garantie-Angebote der Ergo und Allianz. Besonders letztere wartete mit einer neuen Garantiekonstruktion auf, die bislang ihresgleichen sucht (und hoffentlich auch nicht so schnell findet). 

Was ist nun das Neue an der „Perspektive“? In der Produktpräsentation wird erst einmal darauf verwiesen, dass die Kundengelder über das klassische Sicherungskapital angelegt werden, in einem „hervorragenden Spezialfonds“. Diese Kapitalanlage ist in der Tat nicht die schlechteste. Neu ist das aber nicht, sondern im Klassiktarif seit über hundert Jahren üblich. 

Ein großer Unterschied zum Klassiktarif: Es wird in der „Perspektive“ nur garantiert, dass zu Rentenbeginn mindestens soviel Kapital zur Verfügung steht, wie an Prämien insgesamt eingezahlt wurde. Anders als beim Klassiktarif scheint sich die Garantieleistung also nicht über einen Rechnungs- oder Garantiezins zu errechnen. Bedeutet das nun, dass die „Perspektive“ bis zum Rentenbeginn keinen Rechnungszins kennt? 

In den Versicherungsbedingungen gibt es einen Paragrafen, in dem ausdrücklich die für den Vertrag gültigen „Rechnungsgrundlagen“ aufgeführt werden. Demnach gibt es sogar einen Rechnungszins von 1,75 Prozent, der aber anscheinend nur zur Ermittlung der garantierten Rentenhöhe verwendet wird. Ansonsten gibt es keinen Hinweis auf eine Verzinsung auch vor Rentenbeginn. 

Wer sich dann mit dem Produktinformationsblatt beschäftigt stellt fest, dass es ein sogenanntes „Deckungskapital“ gibt. Dieses errechnet sich über den „verzinslich angesammelten Teil des Beitrags“. Es gibt also doch auch von Anfang an einen Zins, der irgendwie auf einen Teil des Beitrags angesetzt wird. Nur wie hoch der ist, das ist schwer zu erkennen. 

Kommentare (10)

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LV2013

24.07.2013, 16:22 Uhr

Sehr informativer Beitrag von Herrn Kleinlein, der auf Kundenfallen der Allianz hinweist. Ich hatte mich kürzlich auch intensiver mit dem Thema beschäftigt, da uns über den AG eine betriebliche AV, ebenfalls bei einer großen, deutschen Versicherung, angeboten wurde und bin auf viele weitere, gängige "Kundenfallen" wie überhöhte Abschlussprovision, fällig in den ersten Jahren, in unserem Fall 2% berechnet auf die Beiträge der nächsten 30 (!) Jahre sowie die langjährige Einzahlung des Sparbeitrags (aufgrund der Kapitalgarantie), in einen quasi unverzinslichen Deckungsstock, für den sich der Anbieter auch noch eine saftige Verwaltungsgebühr herausnimmt usw. Da investiere ich doch lieber privat in einen Aktienfonds, bevor ich am Ende vielleicht nur meine eingezahlten Beiträge (nominal!) wiederbekomme.

Allianzgeschaedigter

24.07.2013, 17:22 Uhr

Habe Info für gekuerzte Auszahlung meiner LV 2014 erhalten.
Nie wieder Allianz für mich und Angehörige.

Mazi

24.07.2013, 17:29 Uhr

Den Lobgesang auf die Mathematiker verstehe ich, aber es gibt größere!

Wenn ich Paragr. 153 VVG lesen, dann bescheinige ich der BAFin, dass sie zaubern kann? Hier der Beweis:

Paragr. 153 VVG
"(3) Der Versicherer hat die Bewertungsreserven jährlich neu zu ermitteln und nach einem verursachungsorientierten Verfahren rechnerisch zuzuordnen. Bei der Beendigung des Vertrags wird der für diesen Zeitpunkt zu ermittelnde Betrag zur Hälfte zugeteilt und an den Versicherungsnehmer ausgezahlt; eine frühere Zuteilung kann vereinbart werden. Aufsichtsrechtliche Regelungen zur Kapitalausstattung bleiben unberührt."

Hier die Zauberkunst:
Der Absatz sagt, dass die anteiligen Bewertungsgewinne des Kunden ermittelt und ihm bei Fälligkeit zur Hälfte ausgezahlt werden.

Die Frage ist, wo die zweite Hälfte der anteiligen Bewertungsreserven hin verschwinden. Sie sind einfach weg.

Folglich muss die BAFin gezaubert haben.

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