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01.04.2013

12:50 Uhr

Kolumne „Off Screen“

Die analoge Rettung Güterslohs

VonHans-Peter Siebenhaar

Random House, der weltgrößte Buchverlag, hat seine Konzernmutter Bertelsmann vor einer desaströsen Bilanz bewahrt. Doch Europas größter Medienkonzern kommt bei der digitalen Aufholjagd nicht richtig voran.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt immer montags seine Kolumne „Off Screen“.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt immer montags seine Kolumne „Off Screen“.

Wenn die Rede auf Jeff Bezos kommt, gerät der weltgrößte Verleger, Markus Dohle, sichtlich ins Schwärmen. Er strahlt über das ganze braun gebrannte Gesicht. Der Vorstandsvorsitzende des Buchkonzerns Random House (C. Bertelsmann, DVD, Heyne, Siedler, Gütersloher Verlagshaus) ist dem Gründer und Chef des Internethändlers Amazon nämlich zutiefst dankbar.

Denn Amazon hat der Buchbranche mit der Einführung elektronischer Lesegeräte laut Dohle eine legale Plattform für den Verkauf ihrer Inhalte beschert – ein unschätzbarer Vorteil im Vergleich zu den Zeitschriften- und Zeitungsverlagen. Denn die kämpfen seit vielen Jahren hart, bisweilen verzweifelt um die Durchsetzung von Bezahlinhalten.

Die Geschäftsfelder von Bertelsmann

Bücher

Das Buchgeschäft ist die Keimzelle von Bertelsmann: Gründer Carl Bertelsmann erhielt 1835 die Konzession der preußischen Regierung zur Einrichtung einer Buchdruckerei. Unter dem Dach des Konzerns ist inzwischen die größte Publikumsverlagsgruppe der Welt entstanden: Zunächst unter dem Namen der US-Tochterfirma Random House, seit 2012 in einem Joint Venture mit Pearson, an dem die Gütersloher 53 Prozent halten. Penguin Random House heißt der Gigant mit seinen 11.800 Mitarbeitern.

Fernsehen

Die RTL Group betreibt 53 TV- und 28 Radiosender in neun Ländern Europas sowie Indien. Gerade in Deutschland ist das Unternehmen stark – mit den Stationen RTL, Vox, RTL II, Super RTL, RTL Nitro und n-tv. Bertelsmann hält 92,3 Prozent an der Sendergruppe.

Zeitschriften

Ob „Stern“, „Geo“ oder „Brigitte“: An europäischen Kiosken sind die Zeitschriften von Gruner + Jahr nicht zu übersehen. Bertelsmann hält seit den 70er Jahren die Mehrheit an den Verlag, Ende 2014 will der Medienkonzern die verbliebenen Anteile von der Jahr-Familie kaufen.

Dienstleistungen

Arvato ist die wohl vielseitigste Tochter von Bertelsmann: Die Dienstleistungssparte erstellt digitale Medien, ist im E-Commerce tätig, bietet aber auch zahlreiche Unternehmenslösungen für Kundenpflege, Produktionsplanung und Datenmanagement, außerdem IT-Services. Die Sparte hat mehr als 66.000 Mitarbeiter.

Druck

Bertelsmann gliederte die Druckaktivitäten 2012 in die Sparte Be Printers aus. Diese fertigt Zeitschriften, Kataloge, Prospekte, Bücher und Kalender. Zudem bietet sie Dienstleistungen an. Die Bertelsmann-Tochter betreibt Druckereien in Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien sowie den USA und Kolumbien und hat 6200 Mitarbeiter.

Musik

Musik gehörte lange zum Kerngeschäft von Bertelsmann. Allerdings verkaufte der Konzern 2006 seinen Musikverlag BMG, 2008 gab er auch seinen Anteil am Gemeinschaftsunternehmen Sony BMG ab und verabschiedete sich so aus dem Tonträgergeschäft. 2013 holten die Gütersloher die Musik vom Finanzinvestor KKR zurück in den Konzern. Das Geschäft gehört zum Bereich Corporate Investments, der alle übrigen operativen Aktivitäten von Bertelsmann umfasst.

Dohle, der einstige Buchlogistiker und Druckerei-Manager, kennt Bezos seit Jahren persönlich. Der Wahl-New Yorker mit Zweitwohnsitz in Gütersloh, dem Stammsitz von Bertelsmann, erzählt dies auch laut und gerne. Was der Wirtschaftsingenieur hingegen selten zum Thema macht: Das gedruckte Buch – die Erfindung von Johannes Gutenberg aus dem 15. Jahrhundert – bestimmt noch immer das Geschäft der größten Buchverlagsgruppe dieses Planeten.

Random House macht vier Fünftel seines globalen Umsatzes von knapp 1,75 Milliarden Euro mit analogen Medieninhalten – trotz des Siegeszuges von Tablet-PCs wie Kindle, iPad oder Galaxy. In Deutschland ist die Situation sogar noch viel analoger. Schenkt man Branchenteilnehmer hierzulande Glauben, liegt der Anteil von E-Books am Gesamtumsatz des Verlages weiterhin im unteren einstelligen Prozentbereich.

Auch wenn es Bertelsmann-Chef Thomas Rabe nicht gerne hört, ausgerechnet die analogen Geschäfte im Buchbereich haben Europas größten Medienkonzern gerettet. Nur Dank gedruckter Bücher ist Bertelsmann an einem bilanziellen Desaster vorbeigeschrammt.

Gruner + Jahr startete vor 50 Jahren mit Wirtschaftsmedien

1962

Das Magazin „Capital“ kommt heraus. Es versteht sich als Generalist und informiert über Unternehmen, Geldanlage, Steuern und Immobilien. Im Jahr der Finanzkrise 2008 wurde es von 14-täglicher auf monatliche Erscheinungsweise umgestellt. Im 3. Quartal 2012 wies das Heft im Vergleich zum Vorjahreswert stabil knapp 165 000 verkaufte Exemplare aus. Die sogenannte harte Auflage - sie umfasst Abonnement und Einzelverkauf - ist nach Berechnungen des Branchenfachdienstes „Horizont“ im Berichtszeitraum um 8,2 Prozent zurückgegangen.

1987

Das Anlegermagazin „Börse Online“ informiert über Anlageformen von Aktien bis Zertifikaten. Gebeutelt von Börsenturbulenzen und Rückzug der Anleger aus den Finanzmärkten hat die Auflage gelitten. Im 3. Quartal wies das Heft 57 681 verkaufte Exemplare aus (minus 18,6 Prozent). Auch die harte Auflage ging zweistellig zurück (minus 19,5 Prozent).


2000

Die lachsfarbene Wirtschaftszeitung „Financial Times Deutschland“ (FTD) erscheint. Das in Hamburg produzierte Blatt wendet sich an Entscheider in Politik und Wirtschaft und private Kapitalanleger. Ein Novum war, dass die Redaktion im Newsroom (Großraumredaktion) das Blatt mit dem täglichen Online-Angebot verknüpfte. Die „FTD“ hatte zuletzt eine verkaufte Auflage von 102 101 Exemplaren, aber auch eine rückläufige harte Auflage (Horizont: minus 8,9 Prozent).

2008

Gruner + Jahr zieht Konsequenzen aus der weltweiten Finanzkrise und absackenden Werbeerlösen. Der Verlag konzentriert seine Wirtschaftstitel komplett in Hamburg. Die Standorte Köln und München werden geschlossen. Alle Titel werden von März 2009 an von einer Redaktion am Verlagssitz Hamburg herausgegeben. Rund 330 Mitarbeiter arbeiten für die G+J-Wirtschaftstitel.

Seit fast eineinhalb Jahren steuert Thomas Rabe nun die Geschicke Bertelsmanns. Seitdem redet der ehemalige Finanzvorstand gebetsmühlenartig von der digitalen Transformation des Konzerns. Im vergangenen September schwor der Chefstratege des Gütersloher Familienunternehmens die versammelte Führungsriege in Gütersloh auf das neue Mantra ein.

Doch die entscheidenden Erfolge im weit verzweigten Bertelsmann-Imperium blieben bisher aus. Ein Negativbeispiel ist Gruner + Jahr. Europas größter Zeitschriftenverlag hat in der vergangenen Woche zum zweiten Mal in seiner fast fünfzigjährigen Geschichte rote Zahlen verkünden müssen. Die Chancen auf eine nachhaltige Besserung bei den Hamburgern sind eher gering. Stan Sugarman, der seit vergangenen Herbst mit dem stolzen Titel „Chief Digital Officer“ bei Gruner + Jahr ausgestattet ist, kam kürzlich von einer USA-Reise ziemlich ernüchtert zurück.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

01.04.2013, 13:48 Uhr

Bertelsmann hat nicht das Problem Rabe sondern das Problem Mohn. Wenn die permanent dazwischenfunken, gehts mal hin und mal her. So wurde auch der Vorgänger zermürbt - und dankte vorzeitig ab.

Wenn man sich mal die Ausbildung und die wirtschaftlichen Erfolge quer durch die heutige Familie anschaut, kennt man auch den Hintergrund des Status Quo. Unternehmertum vererbt sich nicht auf Wunsch. Heirat ist ebensowenig die Standardlösung für die wirtschaftliche Zukunft.

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