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23.09.2015

19:18 Uhr

Kommentar zum Rücktritt von Winterkorn

Wir haben sie zu lieb gehabt

VonOliver Stock

Der Rücktritt Winterkorns ist ehrenwert. Er ändert aber nichts am System VW: In Deutschland sind Autohersteller und Politik viel zu eng verwoben. Ein Kommentar.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Der mächtigste Manager Deutschlands tritt zurück. Martin Winterkorn sagt, er will den Weg für einen Neuanfang freimachen. Bei allem Respekt vor seiner Entscheidung: Winterkorn überschätzt sich. Er ist allenfalls das Symbol. Das System VW und die tiefe Verstrickung von Politik und Autoindustrie in Deutschland sind das wahre Problem.

Das System VW besteht darin, einen Konzern konstruiert zu haben, der wie ein Hybrid-Auto von allem etwas ist: Er ist ein Staatskonzern, weil das Land Niedersachsen an ihm 20 Prozent der Aktien hält und die damit verbundenen Stimmrechte auch noch mit einem Vetorecht gegen alle Entscheidungen ausgestattet sind. Wieso jetzt eine staatliche Untersuchungskommission VW durchleuchten soll, wo doch ein Ministerpräsident im Aufsichtsrat des Unternehmens sitzt, der eigentlich alles wissen müsste – darin liegt ein Mysterium des Systems VW.

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VW ist aber auch ein Gewerkschaftskonzern. Kein anderes Unternehmen in Deutschland wird so sehr von der Metallgewerkschaft mitbestimmt wie VW. Im Präsidium des Aufsichtsrats haben am Mittwoch drei Vertreter von Gewerkschaft und Betriebsrat zwei gewerkschaftsunabhängigen Mitgliedern gegenübergesessen. Sie haben über Winterkorns Zukunft entschieden. Die Macht der Gewerkschaft führt zu einer herausgehobenen Stellung des Betriebsrats. Neben Winterkorn war bisher Betriebsratschef Bernd Osterloh eine der stärksten Personen im VW-Führungszirkel – und das, obwohl die Erinnerungen an gemeinsame Reisen und Ausschweifungen von Managern und Betriebsräten bei VW noch nicht verblasst sind.

VW ist aber vor allem auch ein Familienunternehmen, kontrolliert von den Familien Porsche und Piëch. Sind sie sich einig, geht was in dem Laden. Sind sie es nicht, geht gegen sie dennoch nichts. Winterkorn hat in diesem Jahr selbst erfahren, welche Machtkämpfe die Familien innerhalb des Konzerns lostreten können. Die Aufgabe, ein gewerkschaftsnahes staatliches Familienunternehmen zu führen, ist eine, die auch den stärksten Manager erledigen kann. VW hat das jetzt geschafft.

Damit nicht genug. Es gibt noch einen weiteren Beteiligten am System VW: Es ist die jeweils amtierende Bundesregierung, es ist Deutschland, es sind wir alle. Kein Kanzler und keine Kanzlerin, kein Wirtschaftsminister und auch kein Finanzminister kann sich der Bedeutung der Automobilindustrie für Deutschland entziehen. Arbeitsplätze, Wohlstand, Wachstum – das alles hängt hierzulande an den Autoherstellern und ihren Zulieferern. Wir Deutsche lieben unsere Autos und lassen uns die freie Fahrt so schnell wie möglich niemals verbieten. Wir glauben, unsere Autos sind die saubersten, und merken nicht, dass Autos von anderswo längst umweltfreundlicher ans Werk gehen. Ökonomen sprechen in so einem Fall von einem Klumpenrisiko.

Um das Risiko überschaubar zu halten, sind Autohersteller und Regierung eineiige Zwillinge. Wenn der Eine etwas will, spürt es der Andere sofort. Nur so sind Merkwürdigkeiten erklärbar, wie die, dass überall auf der Welt Diesel als dreckiger Treibstoff gilt, in Deutschland aber, wo die Hersteller auf die Dieseltechnik setzen, als billigster Sprit an der Zapfsäule zu haben ist.

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Nur so ist zu erklären, dass die Messmethoden der Hersteller zum Spritverbrauch seit Jahren nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, aber die Diskrepanzen bisher in keinem Fall zu einer ernsthaften Konsequenz geführt haben. Und nur so ist zu erklären, dass bei Vorschriften wie der zum Flottenverbrauch abenteuerliche Rechenmethoden zugelassen werden, die immer hervorragende Werte ergeben, die es aber stets nur auf dem Papier und niemals in der Luft zu bestaunen gibt.

Das Klumpenrisiko – es hat sich in dieser Woche zum ersten Mal als brandgefährlich gezeigt. Das, was wir im Umgang mit Banken in den vergangenen zehn Jahren gelernt haben, blüht uns jetzt im Umgang mit unsere Lieblingsindustrie. Wollen wir das Klumpenrisiko entschärfen und Gefahren rechtzeitig erkennen, brauchen wir das, was wir gegenüber den Banken schon aufgebaut haben: Distanz.

Lassen Sie sich den Abend nicht verderben, Ihr

Oliver Stock

Kommentare (6)

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Herr Klaus Emerott

23.09.2015, 19:30 Uhr

Sind wir ehrlich: Wir - also Deutschland - brauchen die Automobilindustrie. Sie zahlt Steuern, und ihre Arbeitnehmer zahlen ebenfalls feste Steuern. Und die werden dringend benötigt, um unseren Sozialstaat zu finanzieren, incl. Rente, den vielen Sozialpädagogen und ihren Millionen an neuen Kunden. Dazu kommen noch Totalausfälle wie BER, Stuttgart21 oder die Energiewende ohne Stromtrassen. Außerdem ist die Luft in den letzten 50 Jahren viel sauberer geworden. Wer stirbt denn heutzutage noch an Pseudokrupp? Und Raucher dürfen sich schon zweimal nicht beklagen. Also hat Deutschland die Wahl: Geht die Autoindustrie kaputt, dann auch der Sozialstaat und die Beamtenprivilegien.

Sergio Puntila

23.09.2015, 19:39 Uhr

"Wir alle" sind VW?

Nicht umsonst schreibt Herr Stock von "Klumpenrisiko"...
Nachwievor bleibt VW wie eine Bank mit inzwischen ramponiertem Image: allerdings ist so etwas nicht irreparabel.
Ob der VV mit seiner Entscheidung der Marke tatsächlich einen guten Dienst erwiesen haben wird - nunja.
Und ja: analytische Betrachtungsweisen - ua zum Betrugsvorwurf - können allemal nicht schaden.
Und nocheinmal ja: das Leben, auch von Marken, muss nicht unbedingt ein Ponyhof sein.
Und nocheinmal ja:

Sergio Puntila

23.09.2015, 19:41 Uhr

... Schach ist kein Mensch ärgere Dich nicht....

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