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04.01.2008

10:30 Uhr

Kreditkrise

Winter in der Finanzwelt

VonIan Campbell (breakingviews.com)

Die Stimmung unter den britischen Banken hat sich dramatisch verändert. Dies geht aus einer Umfrage der Bank of England hervor. Harte Monate stehen vor der Tür, während die Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte zurückgeschraubt wird. Die britische Notenbank wird mit weiteren Zinssenkungen reagieren, aber vorerst wird der Winter in der Finanzwelt die Oberhand haben.

Das neue Jahr fängt frostig an. Wie aus der Quartalsumfrage der Bank of England (BoE) unter Kreditinstituten hervorgeht, haben die britischen Banken im dritten Quartal ihre Kreditvergabe gekürzt und wollen sie weiter zurückfahren. Sie haben die Aufschläge auf die Kreditzinssätze, die sie Kapitalgebern in Rechnung stellen, erhöht und sie gehen von weiteren Anhebungen aus. Bisher haben sie noch keine wachsenden Ausfälle erlebt, aber sie erwarten sie. Es wäre keine Überraschung, wenn das, was Großbritannien durchmacht, auch auf der anderen Seite des Atlantik zu spüren wäre – und, in geringerem Ausmaß, auf der anderen Seite des Ärmelkanals.

Das Bild ist so klar wie eine glitzernde Schneelandschaft am Morgen. Nachdem sie jahrelang auf einem Platz in der Sonne expandiert haben, richten sich die Banken jetzt darauf ein, einen harten Winter zu überstehen. Die britischen Unternehmen und privaten Haushalte werden den Sparkurs zu spüren bekommen. Es stehen harte Zeiten ins Haus. Und die „Old Lady“, wie die Briten ihre Zentralbank liebevoll bezeichnen, wird ohne Zweifel ausziehen und gütig Zinssenkungspakete verteilen.

Die Ergebnisse der BoE-Umfrage kommen wohl kaum überraschend. Aber sie sind dennoch drastisch. Im vierten Quartal haben unter den Unternehmen nur die Finanzinstitutionen selbst um mehr Geld nachgefragt. Sie mühen sich ab, ihre Bilanzen zu flicken, die von einer Schuldenlast erdrückt werden, die in den warmen Tagen des „Originate and Distribute“-Modells, bei dem Kredite kreiert, dann verbrieft und schließlich an Investoren verkauft werden, einfach weitergereicht worden wäre.

Seit September hat sich die Stimmung unter den britischen Banken dramatisch verändert. Die vier Faktoren, die ihre Kreditvergabe beeinflussen, haben plötzlich alle ein negatives Vorzeichen. Vor drei Monaten wollten sie risikofreudiger agieren und ihren Marktanteil erhöhen. Jetzt wollen sie geringere Risiken und einen reduzierten Marktanteil. Ihre Finanzierungskosten haben sich erhöht. Und ihre Einschätzung der wirtschaftlichen Aussichten ist von eingetrübt auf eisig umgeschwenkt.

Was dies alles für die britische Wirtschaft bedeutet, stellt sich genau so klar und kühl dar. Es werden wahrscheinlich Arbeitsplätze abgebaut werden, da die Unternehmen ihre Investitionen zurückschrauben. Der monatliche Rückgang der Immobilienpreise wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit fortsetzen, denn erstens sind Kredite nicht mehr so leicht zu haben und zweitens haben die Käufer Angst vor einem Absturz des Marktes. Der Abzug von Kapital aus dem Wohnbesitz, der 2007 lange Zeit rund fünf Prozent zum Nachsteuereinkommen beigetragen hat, dürfte zusammenschrumpfen. Die britischen Konjunkturdaten werden Anfang 2008 sicherlich schlecht ausfallen.

Die neuen Perspektiven haben bereits zu einer Veränderung des geldpolitischen Kurses der BoE geführt. Im Dezember war der Basiszins zurückgenommen worden. Eine weitere Senkung in einer Woche sieht jetzt wahrscheinlich aus und möglicherweise auch im Februar. Die „Old Lady“ wird nicht zusehen wollen, wie Familien ihr Heim verlieren. Der Winter hält Einzug in der Finanzwelt, aber mit ihm kommen auch die Rettungsversuche. Für einige Zeit wird allerdings zweifelsohne der Winter die Oberhand behalten.

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