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10.01.2010

15:47 Uhr

Marsh on Monday

Was Island, Cadbury und Gordon Brown gemeinsam haben

VonDavid Marsh (London & Oxford Capital Markets)

Befreiungsschläge machen Eindruck. Aber häufig schaden sie mehr als zu nutzen.

"Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte." Mit diesem Zitat aus Goethes Faust hat mir vor mehr als 30 Jahren das langjährige Direktoriumsmitglied der Deutschen Bundesbank, Leonhard Gleske, mit beachtlicher Überzeugungskunst erklärt, wie sich die Notenbank in eine Sackgasse manövrieren könnte, wenn sie durch große D-Mark-Verkäufe gegen einen Abwärtstrend des Dollars intervenieren würde.

Eine vermeintlich im Interesse der Stabilität betriebene Devisenmarktpolitik könne zunächst hilfreich erscheinen, um Finanzmarktunruhen abzudämpfen. Sollte sich aber die Auffassung verstärken, dass die Bundesbank eine künstliche Barriere gegen einen Dollar-Kollaps aufbaue, die über kurz oder lang aufgrund des massiven Drucks gegen die US-Währung zerbröckeln müsse, erlebte die Bundesbank die schlechteste aller Welten. Zum einen würde sie sich als machtlos gegen eine D-Mark-Aufwertung erweisen, die den Export verteuere. Zum Zweiten hätte die Notenbank während des fruchtlosen Devisenmarkteingriffs größere D-Mark-Mengen an die Banken verteilt, welche die Liquidität aufblähen und inflationären Tendenzen zusätzliche Kraft verleihen würden.

Das Fazit der Bundesbank: In solch einer Situation dreimal nachdenken, ob man wirklich handeln sollte. Ein vermeintlich positiver Schritt könnte allzu leicht eine Kette negativer Reaktionen auslösen.

Dieser Tage haben in den verschiedensten Instanzen politische und wirtschaftliche Akteure ihr Glück in Befreiungsschlägen gesucht - und herbe Rückschläge einstecken müssen. So hat sich in Island Präsident Olafur Ragnar Grimsson geweigert, ein Gesetz zur Entschädigung Hunderttausender Bankkunden im Ausland zu unterzeichnen. Eine Rettungsaktion? Keineswegs. Die Konditionen für Auslandsanleihen werden sich verschlechtern. Ein Konflikt mit dem Internationalen Währungsfonds bahnt sich an. Der schnelle Weg in die Europäische Union ist versperrt. Isolierung droht. Island rutscht tiefer in die Krise.

Auf ähnliche Weise kämpft seit Wochen der britische Schokoladenhersteller Cadbury dagegen, vom amerikanischen Genussmittelgiganten Kraft geschluckt zu werden. Das Übernahmeangebot haben die Briten als "lächerlich" zurückgewiesen. Kraft-Investor Warren Buffett eilt ihnen scheinbar zu Hilfe, indem er die Wirtschaftlichkeit der Offerte infrage stellt. Schon wieder kontraproduktiv. Das Übernahmefieber an der Börse sinkt, der Wert der Cadbury-Aktie auch - und die britische Firma wird erschwinglicher.

Drittes Beispiel aus der Politik: Der angeschlagene britische Premierminister Gordon Brown weiß, dass seine Labour-Partei die bevorstehende Wahl wegen der unsicheren Konjunktur wahrscheinlich an die Konservativen verlieren wird. So baut er eine offensichtliche Brücke in Richtung der dritten Partei, der Liberal-Demokraten, auf, in der Hoffnung, nach der Wahl eine neue Regierungskoalition zu bilden und so seine Haut zu retten. Die Reaktion ist aber verheerend. Die Finanzmärkte sind von den Perspektiven einer wackeligen Koalition gar nicht angetan. Die Kurse der Staatsanleihen sinken. Browns Parteikollegen werfen ihm vor, seine Führungskraft sei verschwunden. Eine innerparteiliche Anti-Brown-Revolte wird jeden Tag sichtbarer.

Die drei Episoden zeigen: Goethe, Faust und Mephistopheles weilen tagtäglich unter uns. Das Gesetz der Kontraproduktivität floriert. Mit dem ersten Schritt sind wir frei, beim zweiten aber sind wir Gefangene.

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