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18.01.2008

08:52 Uhr

Merrill Lynch

Thain muss alle Register ziehen

VonAntony Currie (breakingviews.com)

Sicher, der neue Chef von Merrill Lynch hat das Kapital der Firma aufgebessert und mag den Spielraum haben, weitere Schläge zu verkraften. Aber die Abschreibungen über 15 Mrd. Dollar im letzten Quartal haben dazu geführt, dass die Aktien der „Donnernden Herde“ mit einem kräftigen 1,7fachen des Buchwerts gehandelt werden. Thain wird alle Register ziehen müssen, um das zu rechtfertigen.

Als Stan O’Neal noch Chef bei Merrill Lynch war, pflegte er seine Untergebenen auszuschimpfen, dass sie nicht die gleichen glänzenden Ergebnisse produzierten wie Goldman Sachs. Nachdem steigende Verluste bei US-Hypothekendarlehen zweitklassiger Bonität („Subprime“) die Firma gezwungen hatten, ihm den Laufpass zu geben, sieht Merrill langsam dem Wall Street-Konkurrenten ein bisschen ähnlicher. Einer von Goldmans früheren Spitzenmanagern, John Thain, hat den Platz von O’Neal im Eckbüro eingenommen. Und die Aktien der „Donnernden Herde“ werden jetzt mit dem 1,7fachen des Buchwerts gehandelt – damit ist Merrill näher an Goldman herangekommen als irgendein anderer Konkurrent.

Das scheint nicht gerechtfertigt zu sein. Goldman, eines der wenigen Wertpapierhäuser, das an der Krise auch noch verdient hat, liegt nur ganz knapp über diesem Vielfachen. Lehman Brothers und Morgan Stanley werden mit dem rund 1,3fachen des Buchwerts gehandelt, obwohl beide Unternehmen viel geringere Verluste als Merrill verbuchen.

Woher kommt die Diskrepanz? Schuld sind die Abschreibungen über 15 Mrd. Dollar. Diese haben den Buchwert von Merrill um ein Viertel verringert, wodurch sich ihr Vielfaches schlagartig erhöht hat. Das ist ohne Zweifel der Grund dafür, dass die Anleger nach der Bekanntgabe der Ergebnisse des vierten Quartals für Abschläge von bis zu acht Prozent beim Aktienkurs gesorgt haben. Nur um wieder auf das Niveau von Lehman und anderen zu kommen, müsste der Kurs um weitere 25 Prozent auf 38 Dollar je Aktie fallen.

Das zu vermeiden, könnte ein hartes Stück Arbeit werden. Gut, die Bank weist jetzt Subprime-bezogene Papiere über nur noch 4,8 Mrd. Dollar auf, die in einigen Fällen mit lediglich 20 Cents zum Dollar bewertet werden. In diesem Zusammenhang sollten also nicht mehr allzu viele Abschreibungen anstehen. Das Kapital, das Thain beschafft hat, seitdem er an Bord ist, sollte der Bank den Spielraum geben, diese zu absorbieren. Und die Geschäftbereiche Dividendenpapiere, Investment Banking und die Betreuung vermögender Privatkunden hatten sich im vergangenen Jahr ganz gut entwickelt.

Eine Rezession allerdings würde die Ergebnisse in diesen Sektoren beeinträchtigen. Und der Handel mit festverzinslichen Wertpapieren, auf den im ersten Halbjahr 2007 mehr als zwei Fünftel der Einnahmen im Investment Banking entfallen waren, wurde durch die Verluste gezügelt. Thain kürzt die Mittel für diesen Bereich und nach den Ergebnissen des vierten Quartals zu urteilen, standen die Kunden auch nicht gerade Schlange, um mit der Abteilung ins Geschäft zu kommen.

Das Vorgehen von Thain, seitdem er bei Merrill im Amt ist, mag dazu beigetragen haben, die strapazierten Nerven der Herde zu beruhigen. Aber es ist unwahrscheinlich, dass die Firma in absehbarer Zeit vorneweg donnern wird.

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