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24.05.2014

10:53 Uhr

Mit Rangnick fing es an...

Ein Nachruf auf die Fußball-Traditionalisten

VonMichael Steinbrecher

Daten werden im Sport immer wichtiger. Um die Mechanismen eines Spiels zu verstehen, müssen sich Sportjournalisten mit taktischen Details beschäftigen. Den Grundstein dafür legte 1998 Zweitligatrainer Ralf Rangnick.

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Bald haben die Fußball-Experten wieder Hochkonjunktur. Die WM-Spiele werden taktisch seziert. Spielerdaten wie „Anzahl der Sprints“, „gewonnene Zweikämpfe“ und „Passquoten“ sind nur der Anfang. Sogenannte „Heatmaps“ zeigen, in welchen Zonen des Platzes Spieler in welcher Intensität unterwegs sind.

Mit 3-D-Animationen werden Spielzüge nachempfunden und Fehler markiert. Das ist erst der Anfang. Daten werden im Sport immer wichtiger. Wenn der Sportjournalismus nach wie vor den Anspruch hat, die Mechanismen eines Spiels, die Entscheidungsgrundlagen für Trainer, die Maßstäbe für die Leistung der Sportler zu verstehen, dann müssen sich auch Journalisten in der Tiefe mit Daten und taktischen Details beschäftigen.

Das, was heute selbstverständlich erscheint, war vor gar nicht langer Zeit noch undenkbar. Es war einmal eine Zeit, in der Fußball in Deutschland noch ganz einfach schien. Trainer waren bekannt für Einsichten wie „Entscheidend is aufm Platz“ oder „Wir müssen über den Kampf ins Spiel finden“. Komplizierte taktische Systeme wie der italienische Catenaccio galten in Deutschland als verdächtig und irgendwie unsympathisch. Was sollte dieser Schnickschnack, der das Spiel nur kaputt macht?

Natürlich gab es fußballerische Ausnahmeerscheinungen wie Franz Beckenbauer, Günther Netzer oder auch Bernd Schuster. Spieler also, die für spielerische Eleganz und Kreativität standen. Auf dem Platz waren ansonsten aber vor allem die sogenannten „deutschen Tugenden“ gefragt: Kämpfen, niemals aufgeben, immer an sich glauben. Daten über Spieler gab es auch. Aber die beschränkten sich auf das damals wesentliche: Anzahl der Spiele, Anzahl der Tore, Anzahl der gelben und roten Karten. Punkt.

Dann kam das Jahr 1998. Der aufstrebende Zweitligatrainer Ralf Rangnick erklärte im „aktuellen sportstudio“ an der Taktiktafel, wie sich Spieler in der „ballorientierten Raumdeckung“ verhalten sollten. Dabei benutzte er bis dahin im Fußball unbekannte Bezeichnungen wie „Dreiecksbildung“ oder „verschieben“. Meine Idee als Moderator war damals, die eigenartig ehrfürchtigen Diskussionen über Themen wie „Viererkette“ für die Zuschauer zu übersetzen.

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