Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.11.2011

19:26 Uhr

Oliver Stock - was vom Tage bleibt

Große Flut, schlapper Schirm

VonOliver Stock

Es lohnt sich fast nicht über einzelne Unternehmen zu reden, wenn Operationen vom Ausmaß der heutigen konzertierten Aktion der Notenbanken alles andere übertünchen. Dennoch kommt hier ein Versuch.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Guten Abend Ihnen allen,

Große Flut

die Märkte, also diese amorphe Ansammlung von Geldausgebern, waren noch nie besonders helle. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum sie die konzertierte Aktion der Notenbanken, die heute überraschend beschlossen, das Ausleihen von Dollars billiger zu machen - warum sie die gefeiert haben. Mehr als fünf Prozent ging es mit dem Dax nach oben. Dabei ist die große Flut ein Alarmzeichen. Sie wurde nötig, weil sich die Banken kein Geld mehr untereinander leihen, weil Dollar aus Europa abgezogen werden, weil europäische Banken Mühe haben, sich mit den Greenbacks zu versorgen. All dieses kennen wir aus Zeiten von Subprime-Krise und Lehman-Kollaps. Es sind die Zeiten, in denen das große Zittern angefangen hat. In denen auf fünf fette zwei magere Jahre folgten. Es gibt leider keinen Grund anzunehmen, dass es dieses Mal sehr viel anders kommt.

Schlapper Schirm

Dass das Geld so nötig ist, hängt auch damit zusammen, dass sich die Politik in Europa auf keinen gemeinsamen Nenner verständigen kann. Nicht mal auf einen gemeinsamen Hebel. Wir erinnern uns: Der Hebel ist bei Gelddingen dieses verdächtige Werkzeug, mit dem aus wenig viel wird. Viel Gewinn oder viele Schulden. Im Fall der Euro-Rettungsaktionen sollte der Schirm auf eine Größe gehebelt werden, die ausreichen würde, um sogar ein Land wie Italien auffangen zu können. Das hat auch heute nicht geklappt, weil sich die Finanzminister nicht auf einen entsprechenden Mechanismus einigen konnten und Investoren für so ein Modell auch nicht gerade Schlange stehen. Für uns Steuerzahler, die wir am Ende für die Risiken der Hebelwirkung hätten gerade stehen müssen, ist das an sich eine gute Nachricht. Das Dumme ist nur: Wenn nun der Rettungsschirm im Ernstfall schlapp macht, haben wir ein noch größeres Problem.

Lauer Streik

Einen Entlastungsangriff haben gestern diejenigen gestartet, die die britische Botschaft in Teheran gestürmt und verwüstet haben. Es war ein Entlastungsangriff für den britischen Premier David Cameron. Der widmet sich seither nämlich vornehmlich den diplomatischen Folgen, zog sein gesamtes Personal aus dem Iran ab und musste sich so weniger intensiv um den Streik im öffentlichen Dienst kümmern, den England heute auch erlebt hat. Den ersten seit Maggi Thatcher. Aber so war es schon immer: Das Primat der Außenpolitik gilt vor allem dann, wenn es innenpolitisch schwierig wird. Deutschland und andere Länder handhaben das genauso und haben heute ihre Botschafter aus Teheran zurückgerufen. Zu einseitig gesehen? Stimmt.

Großer Name, kleine Wirkung

Es gibt zwei Produkte, die es auch in meinem Leben geschafft haben, dass ihre Markennamen als Synonym für eine ganze Produktfamilie stehen. Wenn was geklebt wird, nehme ich Tesa, wenn die Haut juckt, Nivea. Beides kommt von Beiersdorf und dass ausgerechnet dieses Unternehmen heute ein Sparprogramm mit 1000 Stellenstreichungen bekannt gegeben hat, ist schon erstaunlich. Es bedeutet: Im Konsumgeschäft geht es beinhart zu. Die Margen sind überschaubar. Und ein großer Name allein hilft auch nicht mehr weiter.

Herzlichst Oliver Stock

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Blickensdoerfer

30.11.2011, 20:26 Uhr

Guten Abend Oliver Stock - gut formuliert, leicht zu verstehen. Nur,wie soll ich mir nun Ihre Erklärungsnot dazu erklären, dass die nur scheinbar amorphe Erscheinung von Geldausgebern, das Ausleihen von Dollars billiger zu machen, gefeiert haben. Denn Sie wissen es gewiss, dass zu dieser Erscheinung auch die, wiederum nur scheinbar amorphe, der "Geldeinnehmer" gehört. Diese "Gedleinnehmer", welche die "Struktur" dieser Erscheinungen bestimmen, "feiern" eine weitere und noch größere Möglichkeit des "Produzierens" und Handelns von auf Geld lautenden Papieren als profitabel Geldware, von der ihre Käufer glauben (sollen), sie hätten damit "Wert" in der Hand.
Für die miteinander konkurierenden "Produzenten" und Händler dieser Geldware kommt es nur darauf an, den Folgen der sich dadurch weiter zuspitzende Krise der "Realwirtschaft" (weil die andere nicht wirklich als Wirtschaft zu bezeichnen ist) zu entkommen, den Verkauf der dadurch immer mehr an "Wert" verlierenden Papieren gegen wirkliches Geld nicht zu verpassen. Zwar sind sie trotzdem nicht "helle", denn ein Immer-Mehr-Geld führt in den gleichen wertlosen Abgrund.

Freundlich zugeneigt
Peter Blickensdörfer

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×