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07.01.2009

07:12 Uhr

Penthouse-IPO

Was hat die Wall Street gegen Porno?

VonJeff Segal, Rob Cox, breakingviews.com

Trotz einer historischen Dürre im IPO-Geschäft hat keine Investmentbank – abgesehen von der zyprischen Sparte einer russischen Bank – die Hand gehoben, als es um den 460 Millionen US-Dollar schweren Börsengang der Muttergesellschaft des Nacktmagazins Penthouse ging. Vielleicht deswegen, weil dieses Geschäft etwas zu frivol für den Geschmack der Banker ist.

Hier kommt ein Schocker: Wall Street wird offenbar von Porno nicht angeregt. Wie soll man sonst interpretieren, dass keine der großen US-amerikanischen oder europäischen Banken den geplanten 460 Millionen US-Dollar schweren Börsengang der Muttergesellschaft des Nacktmagazins Penthouse übernehmen wollte? Nach einem Jahr extremer Flaute im traditionell lukrativen Geschäft mit Börsengängen klingt das seltsam. Allerdings nur solange, bis man die Details der Transaktion untersucht.

Penthouse, seit Jahrzehnten die ärmere, aber schärfere kleine Schwester von Hugh Hefners Playboy, ging vor einigen Jahren pleite. Die neuen Eigentümer erweiterten die Marke in den Bereich sozialer Netzwerke, Höhepunkt war der Kauf des Betreibers von Internetseiten wie Adultfriendfinder.com oder der christlich orientierten Big Church für 500 Millionen US-Dollar im letzten Jahr. In den ersten neun Monaten des Jahres 2008 verbuchte Networks, so lautet der Name der neuen Gruppe, Umsätze von 244 Millionen US-Dollar.

Nun bändelt man mit den eher frigiden Börsen an und nimmt dabei ein Angebot ins Visier, das weniger als das Doppelte des Umsatzes bringen soll. Es ist noch nicht klar, wie viele Anteile des Unternehmens platziert werden sollen, doch es erscheint nicht allzu verrückt. Facebook, das Glanzstück unter den sozialen Netzwerken, wird zwar nicht börsengehandelt, doch beim privaten Handel mit den Aktien des Unternehmens unter Angestellten und Investoren ergab sich eine Bewertung, die dem zehnfachen des erwarteten Umsatzes entspricht.

Zudem entfällt Comscore zufolge auf die Friendfinder-Seite mehr als 2,5 Prozent des täglichen Internetverkehrs. Und anders als zugeknöpftere Rivalen wie Facebook, MySpace und ihresgleichen kann Friendfinder sogar durch Mitgliedschaften echte Umsätze erzielen, das durchschnittliche Mitglied bezahlt monatlich 19 US-Dollar Gebühren. Zu einer Zeit, in der Werbeausgaben sinken, bietet dieses Modell das Potenzial, die Gewinne stabiler zu machen.

Man könnte also meinen, die Wall Street verschmäht den ersten größeren Börsengang in den USA seit Monaten. Die einzige den Börsengang betreuende Bank ist bislang die in Zypern ansässige Wertpapiersparte der russischen Investmentbank Renaissance Capital. Das Unternehmen hofft, noch andere ins Boot holen zu können. Dies könnte allerdings ein schweres Unterfangen werden.

Auch wenn Investmentbanken nichts mehr mögen als Geld, so sind sie nach einem Jahr öffentlicher Schelte wegen des Auslösens der Kreditkrise verständlicherweise darauf bedacht, nicht noch mehr negative Aufmerksamkeit zu erregen. Berichte brachten aber Vorwürfe ans Tageslicht, dass viele der Gelegenheitssex-Einträge bei Adultfriendfinder.com tatsächlich auf Prostitution beruhen. Eine neue US-Regierung, die es allen recht machen will, könnte schnell Internetseiten an den Kragen gehen, die, wenn auch nur indirekt, Online-Prostitution fördern.

Die Angst vor gesetzlichen Beschränkungen hielt US-Banken auch von Börsengängen europäischer Internetspiele-Firmen wie Partygaming vor ein paar Jahren ab. Sie schreckten vor den Geschäften zurück, weil sie Repressalien der US-Regulatoren befürchteten. Diese Vorahnung wurde zum Volltreffer, als ein Jahr später der Kongress das Internet-Wettgeschäft praktisch untersagte. So verlockend ein Penthouse-Börsengang auch sein mag, es sieht so aus, als ob die Wall Street eine Gebührenorgie diesmal vernünftigerweise auslässt.

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