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22.08.2012

08:19 Uhr

Professor Chiffre

Das deutsche Geschäftsmodell - (k)ein Auslaufmodell?

VonBert Rürup

Bei wirtschaftlichem Abschwung wird das deutsche Geschäftsmodell infrage gestellt, wohingegen Exporterfolge zu Exportexzessen führen. Das „Modell des exportbetriebenen Wirtschaftswachstums“ ist nicht zufällig entstanden.

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Jedes Mal, wenn sich ein wirtschaftlicher Abschwung ankündigt, wird das deutsche Geschäftsmodell, das exportorientierte Wirtschaftswachstum, infrage gestellt – nicht nur von niedergangsverliebten Wirtschaftsjournalisten, sondern auch von so renommierten  Ökonomen wie Paul Krugman oder Josef Stiglitz. Exporterfolge werden zu Exportexzessen, und die ausgeprägte Integration in die internationale Arbeitsteilung lässt die deutsche Wirtschaft „wie ein Korken auf der Weltkonjunktur schwimmen“ (Hans-Werner Sinn). Deshalb war es am Montag dieser Woche für die Financial Times Deutschland klar, dass die Gleichzeitigkeit einer sich abzeichnenden  wirtschaftlichen Abkühlung in China und des Durchwirkens der Eurokrise auf die europäische Konjunktur zeigen werde, dass weder  dieses Geschäftsmodell noch die bemerkenswerte Reindustrialisierung Deutschlands in der jüngeren Vergangenheit „nachhaltig“ seien.

Durch ihre permanente Wiederholung wird diese seit vielen Jahren vorgebrachte Kritik nicht überzeugender. Das „Modell des exportgetriebenen Wirtschaftswachstums“ ist weder zufällig in den letzten Jahren entstanden, noch wurde es von irgendwelchen Wissenschaftlern am Reißbrett entworfen und von hörigen Politikern umgesetzt, sondern ist das Resultat von sich in über 150 Jahren herausgebildeten komparativen Kostenvorteilen unserer Volkswirtschaft.

Es spricht nichts dagegen darüber nachzudenken, ob dieses  Modell auch im Falle kürzer und heftiger werdender Schwankungen  der Weltwirtschaft  erfolgreich sein kann. Forderungen allerdings, die unbestreitbaren Wachstums- und Beschäftigungserfolge unserer Ökonomie mit dem Verweis auf zu hohe Leistungsbilanzüberschüsse heute zur Disposition zu stellen und die Exporte durch einen kräftigen  Anstieg der Lohnstückkosten, sprich der Produktivitätsentwicklung vorauseilende  Löhne zu dämpfen, sollte mit  Skepsis begegnet werden. Denn das Trendwachstum des Weltsozialprodukts liegt bei etwa 4 Prozent, und der Welthandel wächst fast doppelt so schnell wie die globale Produktion. Abnehmende Exportquoten würden dazu führen, dass unsere alternde Gesellschaft in geringerem Maße  an dieser  weltwirtschaftlichen Dynamik partizipieren könnte. Eine ökonomisch klügere Antwort auf als zu hoch angesehene Leistungsbilanzüberschüsse wäre eine Politik, die die Gründung neuer, zumeist  binnenwirtschaftlich tätiger Unternehmen fördert und vor allem Tarifabschlüsse anstrebt, die den gesamtwirtschaftlichen Verteilungsspielraum vollständig ausschöpfen. Dieser Spielraum entspricht der Summe aus dem gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs und dem Preisniveaustabilitätsziel der EZB von knapp 2 Prozent - also über alle Branchen gerechnet von etwa 3,5 Prozent pro Jahr.  

Bei den kritisierten Leistungsbilanzüberschüssen handelt es sich aus einer gesamtwirtschaftlichen Kreislaufperspektive um  Ersparnisse. Und solche Ersparnisse können für  alternde Gesellschaften eher von Vorteil als ein Defekt sein. Denn sie können – sofern diese Sparüberschüsse nicht in Schrottimmobilien oder Ramschpapiere angelegt wurden - zurückgeholt werden und ermöglichen es, in Zeiten eines schwächeren Wachstums den privaten Verbrauch auszuweiten - so in der Zeit nach dem Jahr 2020, wenn bei uns als Folge des ausgeprägten Rückgangs der Erwerbsbevölkerung mit einem dann abnehmenden Wachstumspotenzial auch die Konsummöglichkeiten beeinträchtigt werden. Mit diesem Rückgang der Anzahl der produktiv Tätigen im Vergleich zu den nicht erwerbstätigen Konsumenten, sprich den  Älteren und den Kindern, werden sich dann die Leistungsbilanzüberschüsse unserer Volkswirtschaft ganz von selbst zurückbilden.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

Kommentare (14)

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SWILHEL

22.08.2012, 08:42 Uhr

Wahre Worte.........Krugmann und Stiglitz brauch kein Mensch. Ist ist auch immer verblüffend, wenn jeder mehr für das Alter (Altersarmut) vorsorgen soll aber gleichzeitig laut EU mehr konsomieren sollte. Das beisst sich ja schon sehr! Ausserdem haben die Deutschen schon viel Leid erfahren und werden ihr Erspartes mit Sicherheit nicht wie die Amerikaner verkonsumieren! Lieber sparsam wie ein Schwabe als oberflächlich und konsumsüchtig wie die Amis!

Account gelöscht!

22.08.2012, 09:39 Uhr

Die Produktivitätssteigerungen der letzten 20 Jahre sind in keiner Wiese bei den Beschäftigten angekommen. Sie führten ausschließlich zu Gewinnsteigerungen der Eigner.
Dies ist ein Auslaufmodell!

Nostradamus

22.08.2012, 10:20 Uhr

Steuersenkungen würden die Binnenkonjunktur erhöhen. Leider wird bald das Gegenteil davon eintreten, weil D bald die einzige Kuh im Euroland ist, die noch gemolken werden kann.

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