Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.11.2011

11:09 Uhr

Professor Chiffre

Die Platzpatrone „Fiskalunion light“

VonBert Rürup

Die von wem auch immer ins Spiel gebrachten „Elite- oder AAA-Bonds“ waren und sind eine Schnapsidee.

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Die vor einem Monat mutig und weitreichend anmutenden Gipfel-Beschlüsse von Cannes (26./27. Oktober) sollten die Märkte beruhigen und Vertrauen stiften – dieser Schuss ist offensichtlich nach hinten losgegangen. Denn es konnte nicht glaubhaft vermitteln werden, dass der erzwungene "freiwillige" Verzicht der Banken und Versicherungen auf Forderungen an Griechenland ein einmaliges Ereignis bleiben würde – zumal im Vertragsentwurf über die Errichtung des dauerhaften Rettungsschirms (ESM) Regelungen zur Gläubigerhaftung vorgesehen sind.

Es riecht nach einem Käuferstreik für Anleihen aus einer immer länger werdenden Reihe von Euro-Ländern und einer weiteren Eskalation der Turbulenzen und Irrationalitäten auf den Finanzmärkten. Ja, es mag richtig sein, dass die Euro-Länder noch nicht reif sind für eine Fiskalunion, sprich eine teilweise Entnationalisierung der Finanzpolitiken.

Es ist aber sicher falsch, daraus zu folgern, dass deshalb die Staatengemeinschaft reif für einen existenzbedrohenden wirtschaftlichen Kollaps ist, wie er nach einem Auseinanderbrechen des Euro-Systems zu erwarten wäre. Da Frau Merkel eine kluge Politikerin ist, hat sie sich für die eindeutig risikoärmere und daher richtige Variante entschieden – die Fiskalunion.

Die am Montag von wem auch immer ins Spiel gebrachten „Elite- oder AAA-Bonds“ waren und sind eine Schnapsidee, denn durch die damit gebildete „Fiskalunion light“ würden elf von 17 Euroländer – nicht nur auf den Finanzmärkten – diskreditiert. Ein dem Geist der Idee des Euro entsprechender europäischer Schulterschluss sieht anders aus.

Bis die richtige Fiskalunion in trockenen Tüchern ist, muss es - ob man es will oder nicht – darum gehen, die Märkte zu beruhigen, auch um zu verhindern, dass selbst Länder wie die Niederlande, Österreich, Finnland, Frankreich oder gar Deutschland mit dem schwer therapierbaren Misstrauensvirus infiziert werden.

Angesichts der derzeit auf den Märkten herrschenden Irrationalität vermag kein noch so ambitioniertes Konsolidierungsprogramm alleine die Spekulation gegen ein Land stoppen. Aber jeder Spekulant weiß, dass man gegen die Notenbank eines Staates nicht gewinnen kann, wie die Beispiele USA und Großbritannien aktuell zeigen, die fiskalisch keineswegs besser dastehen als viele Euro-Länder.

Deshalb muss man auch in Deutschland ehrlich sein und akzeptieren, dass eine Bewältigung der mittlerweile chronischen Euro-Krise inzwischen nur noch möglich ist durch die Ankündigung der EZB, die Bonds von Euro-Ländern ohne Mengenbeschränkung anzukaufen, wenn sie mit der EU-Kommission abgestimmte Konsolidierungspakete auf den Weg gebracht haben. Unter dieser Bedingung erhöht eine solche Garantie der EZB, die gegebenenfalls gar nicht eingelöst werden muss, den Druck auf politische Reformen. Und es wird die Zeit gekauft, die erforderlich ist, um das Euro-System auf eine neue stabile rechtliche Basis zu stellen, sprich bis die Fiskalunion mit supranationaler Kontrolle aller (!) Euro-Länder durch Änderungen aller (!) nationalen Verfassungen und des Lissabon-Vertrags etabliert ist.

Wenn die EZB nicht bald – ohne Sperrfeuer von der Politik – solche Intervention signalisiert, wird sie ihrem Mandat treu geblieben sein, aber Herr Draghi dürfte der letzte EZB-Präsident gewesen sein.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

30.11.2011, 12:27 Uhr

Fakt ist, dass die Finanzprobleme spätestens seit Mitte 2007 schon klar waren, damit möchte ich sagen, dass die Überschuldungen Griechenlands und Italiens sind keine neuen Phänomene. Also Seit Mitte 2007 bis heute 2011 sind dreieinhalb Jahre vergangen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass weder Griechenland noch Italien hatten Lust irgendetwas zu verändern. Sie fangen erst jetzt an die Hausaufgaben von Vorgestern zu machen. Dank der druck des Marktes! Würde Italien nicht 7 oder 8% Zinsen zahlen müssen, würde das Land niemals Reformen durchsetzen. Was macht für einen Sinn Milliarden aus zu geben, um für diese Länder noch mehr Zeit zu kaufen? Ehrlich gesagt, es ist gut, dass die Märkte sich nicht beruhigen lassen. Das ist der ehrlichste und effektivste Druck, welcher es gibt. All diese Rettungsmaßnahmen: EZB kauft Anleihen, EFSF, ESM, Hebel rauf, Hebel runter haben einen langfristigen Nachteil für Menschen in Deutschland: Die Sozialsysteme in D. müssen für immer gekürzt werden, damit die Rettungsmissmanagement finanziert werden kann. So etwas würde natürlich Herr Rürup finanziell weg stecken können, was ist mit Menschen, die von 1200-1500€ eine Familie ernähren müssen?

Rapid

30.11.2011, 14:03 Uhr

Herr Rürup mag zwar ein rational analysierender, denkender und handelnder Kopf sein, dem alle "Irrationalismen" irgendwie fremd und bedenklich sind, er täuscht sich allerdings in seiner Einschätzung, die gegenwärtigen Marktbewegungen seien in irgendeiner Weise ebenfalls "irrational". Sie sind es nicht, sondern schlicht ein Audruck der Einschätzungen aller Marktteilnehmer in einem komplexen System und damit hoch rational, wenn auch in Hinblick auf die Zukunft nicht wirklich einzuschätzen. An diesem scheinbaren Widerspruch leidet Herr Rürup und empfiehlt eine Einflussnahme der Politik auf das Marktgeschehen in der von ihm vorgeschlagener Weise. Diese Einflussnahme wird aus dem einfachen Grund scheitern, da die Einschätzung inzwischen sehr verbreitet ist, die Euro-Zone sei ein suboptimaler Währungsraum und Instumente wie Fiskalunion, Haushaltssteuerung der Schuldensünderländer , Änderungen von Landesverfassungen u.s.w. sind schlicht auf der Zeitschiene nicht so zu bewerkstelligen wie mancher, auch Herr Rürup eher glaubt (irrational!) als dass er darüber Gewissheit hat.

Knut34

30.11.2011, 15:17 Uhr

Die Euromantik hat ein Ende. Bald wird wieder klar gedacht und hoffentlich auch geschrieben. Der Euro is tot. Es lebe der Euro (in den Geschichtsbüchern)!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×