Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.11.2011

09:47 Uhr

Professor Chiffre

Dreibeinige Tische wackeln nicht

VonBert Rürup

Der Euro muss als eine von drei Weltwährungen erhalten bleiben. Auch um den Preis der Souveränität der Euroländer.

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die USA – gemessen an der Produktionsleistung – die größte Ökonomie der Welt, lösten nach dem ersten Weltkrieg Großbritannien als führende Weltmacht ab und wurden spätestens mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum „Master of the Universe“ – wirtschaftlich wie militärisch. Im Jahre 2000 wurden über 30 Prozent der Weltproduktion in diesem Land erzeugt, und die Weltwährungsreserven bestanden zu 70 Prozent aus US-Dollar. Doch diese Vormachtstellung bröckelt seit Jahren – nicht im Militärischen wohl aber im Ökonomischen.

Heute steht dieses Land vor den Trümmern seines seit der Präsidentschaft von Ronald Reagan (1981 – 1989) verfolgten Geschäftsmodells, durch niedrige Zinsen, hohe staatliche Defizite, kräftige Kapitalimporte und niedrige Steuern über eine Stimulierung der Binnennachfrage das Wachstum anzukurbeln. Zudem ist diese Nation politisch blockiert. Das jüngste Scheitern des Kongressausschusses, der Vorschläge zur Haushaltssanierung vorlegen sollte, ist ein weiterer Beleg dafür.

Der globale ökonomische Bedeutungsrückgang der USA wird beschleunigt durch die seit mehr als zehn Jahren zwischen acht und zehn Prozent liegenden Wachstumsraten insbesondere Chinas. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis dieses Land die größte Volkswirtschaft der Welt sein wird. Der US-Dollar wird zwar noch lange Zeit die wichtigste Währung der Welt bleiben, gleichwohl wird das selbstbewusste China  alles daran setzen, den Renminbi zumindest neben dem US-Dollar als Weltwährung zu etablieren.

Die Europäische Union ist gemessen an der Produktionsleistung das größte Wirtschaftsgebiet der Welt, und die Euro-Gemeinschaft ist – trotz der aktuellen Krise – fiskalisch nicht so angeschlagen wie die USA. Europa täte gut daran, angesichts der sich abzeichnenden Verschiebung der weltwirtschaftlichen Gravitationszentren näher zusammen zu rücken - politisch wie wirtschaftlich.

Ein Zerbrechen der Euro-Zone und eine Rückkehr zu nationalen Währungen würden zu einer weltwährungspolitischen Bipolarität von US-Dollar und Renminbi führen. Das kann weder im Interesse Europas noch im Interesse Deutschlands sein. Europa sollte daher alles daran setzen, den Euro dauerhaft zu stabilisieren und als dritte Weltwährung zu etablieren – auch wenn dies nur um den Preis eines Verzichts auf nationale Souveränitätsrechte möglich ist. Dreibeinige Tische wackeln nicht.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

Kommentare (12)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

23.11.2011, 11:06 Uhr

In der Tat, das einzige Argument, welches mich für Euro stimmt, ist die Rolle des Euros in der zukünftigen globalen Finanzwelt. Europa braucht eine starke Währung, um sich weder von China noch von den USA erpressen zu lassen. Jedoch diese Rechnung wird nie aufgehen, solange in der Europäischen Währungsunion irgendwelche Sorgenkinder stets für die Instabilisierung des Euros beitragen. Solange diese Sorgenkinder in der Währungsunion drin sind, wird das Eurohaus bei jedem kleinen Beben starke Risse bekommen. Es ist erstaunlich, dass nur drei Rating-Agenturen aus Übersee in der Lage sind die Lungen des Euroraumes so zu pressen, dass sie keine Luft zum atmen bekommen. Im Klartext: Um auf internationale Bühne mit einer stabilen und starken Währung sich behaupten zu können, muss eine Währungsunion gebildet werden, die nur aus wirtschaftlich starken Euro-Ländern besteht. Aber wenn Euro nur dazu dient, um eine Transferunion zu etablieren, wird es nur eine Frage der Zeit sein, wann er verschwindet. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird Europa von China und USA richtig erpressbar werden. Genau hier liegt der Denkfehler von Herrn Rürup.

Account gelöscht!

23.11.2011, 11:09 Uhr

Herr Rürup führt den wirtschaftlichen Niedergang der USA u.a. auf ihre jahrelange defizitäre Haushaltspolik zurück, redet aber gleichzeitig der Eurorettung das Wort, wobei gerade die Einführung des Euro eine nie dagewesene Verschuldung mit sich brachte. Hier sehe ich einen Widerspruch.
Zufällig und beiläufig wird die Abgabe der Souveränitätsrechte schmachkhaft gemacht. So, als ob er nicht wüsste was er da sagt. Unglaublich.

Account gelöscht!

23.11.2011, 11:22 Uhr

"Dreibeinige Tische wackeln nicht"
Ergänzung.
Dieses Bild beschreibt vor allem auch unsere verfassungsrechtlich verankerte Gewaltenteilung in Legislative, Judikative und Exekutive, welche seit 65 Jahren massgeblich zu unserem innenpolitischen Frieden beiträgt.
Der Euro und sein "Rettung" schickt sich gerade an, selbiger den Todesstoss zu versetzen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×