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20.06.2012

07:38 Uhr

Professor Chiffre

„Ein ewigwährender Untergang“

VonBert Rürup

Die Geburtenraten sind niedrig, die Lebenserwartung dagegen steigt. „Vergreisung“ oder „Deformierte Gesellschaft“ nennt man diese Entwicklung angsterfüllt in Deutschland. Dabei ist das Problem nur temporärer Natur.

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

So lautet der Titel eines 2007 erschienen Buches von Thomas Etzemüller. In dieser bemerkenswerten Arbeit beschreibt und analysiert dieser junge Professor für Neue Geschichte, die fast sehnsüchtige Neigung vieler Meinungsführer in einer ganzen Reihe etablierter Industriestaaten – und nicht zuletzt in Deutschland -, das Menetekel eines demografischen Kollaps als Folge des Bevölkerungsrückgangs massenmediengerecht an die Wand zu malen.

Kaum jemand wird ernsthaft bestreiten, dass eine Verschiebung der Bevölkerungsstruktur als Folge niedriger Geburtenraten und steigender Lebenserwartung sowohl mit einer Beeinträchtigung der Wachstumsperspektiven verbunden ist als auch einen Anpassungsdruck auf umlagefinanzierte Sozialversicherungen ausübt. Es gibt eine ganze Reihe von Ländern, die mit sehr ähnlichen demografischen Gegebenheiten konfrontiert ist wie Deutschland: Aber in keinem anderen Land werden Schrumpfung und Alterung so angstbesetzt und damit irrational diskutiert wie hier. "Vergreisung", "Verglühen des produktiven Kerns" oder "Deformierte Gesellschaft" sind eigentlich nur bei uns zu hören.

Und die Metapher von der "demografischen Zeitbombe" ist beliebt aber grottenfalsch. Viel eher ist demografische Entwicklung in unserem Land mit einer Gletscherschmelze zu vergleichen, also einem schleichenden Prozess, der kaum aufzuhalten ist, auf den man sich aber vorbereiten kann. Und die wirtschaftlichen Herausforderungen, mit denen die Politik konfrontiert ist, resultieren dabei in erster Linie aus der Alterung der Bevölkerung, also einem markanten Anstieg des Altenquotienten, nicht aber aus dem  Bevölkerungsrückgang.

In den nächsten 40 Jahren wird die Wohnbevölkerung in Deutschland um etwa 10 Prozent - von derzeit knapp 82 auf etwas weniger als 74 Millionen Personen - zurückgehen, die Personen im erwerbsfähigen Alter im gleichen Zeitraum aber um deutlich mehr als 20 Prozent, nämlich von etwa 50 auf knapp 39 Millionen. Das langfristige Produktivitätswachstum beträgt bei uns seit Langem etwa 1,5 v.H. pro Jahr. Da nicht mit einem Anstieg zu rechnen ist, bedeutet der Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials eine Dämpfung nicht nur des gesamtwirtschaftlichen Wachstums, sondern vor allem des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf. Diese demografische Wachstumsbremse kann allerdings durch eine Politik der Erwerbsquotenerhöhung gelockert werden Die auf den Weg gebrachte Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters leistet hierzu einen nicht unbedeutenden Beitrag. Der Bevölkerungsrückgang wird aber anhalten. Denn es ist nicht damit rechnen, dass die Geburtenraten deutlich ansteigen werden oder dass die langfristige demografische Entwicklung von der Zuwanderung in relevantem Maße  beeinflusst werden kann.

Kommentare (20)

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verapfler

20.06.2012, 08:35 Uhr

die 30 jahre rürup beratung haben unserem gemeinwesen nicht gur getan.

der egogreis mit seinen ein gemeinwesen d,hat verspielteformierenden neoliberalen ansichten,die nur neue gerechtigkeitsdefizite schaffen und von unten nach oben verteilen

Account gelöscht!

20.06.2012, 08:39 Uhr

Eine bestellte und sicherlich gutbezahlte Arbeit in wessen Interesse?

Im Interesse der bekannten Kreise, die hier die Macht ausüben. Tatsache aber ist, daß jedes Jahr 200.000 Babies im Mutterleib ermordet werden, fast auschließlich deutsche Kinder. Seit Beginn der systematischen und steuerfinanzierten Ausmordung mehr als 8 Millionen.

Davor verblaßt jedes professorale Schönschreiben. Daß jedes Ding zwei Seiten hat, und neben vielen Nachteilen und Unglück es auch schön sein könnte, wenn auf der Erde nur noch 200.000 Menschen insgesamt leben würden, das ist banal.

Solche Schreibtischtäter gehören dann aber mit Sicherheit nicht dazu.

Fuenfzigplus

20.06.2012, 08:46 Uhr

Ich finde die Schlussfolgerung des Autors wonach die Erhöhung des Renteneintrittsalters automatisch die Probleme der umlagenfinanzierten Rentenversicherung abmildert komplett falsch. Richtig ist, dass Millionen von kleinen Selbstständigen ab Anfang 50 so wenig erwirtschaften, dass für eine angemessene Altersvorsorge kein Geld zur Verfügung steht. Die Auswirkungen bekommen wir in etwa 10 Jahren zu spüren, wenn die Altersarmut drastisch steigt. Solange in Wirtschaft und Behörden keine Bereitschaft besteht Menschen ab 50+ sozialversicherungspflichtig zu beschäftigen fahren wir weiter auf den Eisberg zu.

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