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05.10.2011

10:34 Uhr

Professor Chiffre

Kein Wachstum ist unsozial

Wir sehnen uns nach Entschleunigung. Und wir stellen die Frage nach dem Sinn des Wachstums. Daraus entsteht eine Kapitalismuskritik, die sich an sich nur die Reichen leisten können, mein Bert Rürup.

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Es gibt ein Megathema, welches Vertreter höchst widerstreitender Interessen und ideologischer Standpunkte eint: die Kritik am Streben nach Wirtschaftswachstum und die Sehnsucht nach einer Entschleunigung der wirtschaftlichen Entwicklungsdynamik. Kritik und Sehnsucht schmieden eine Koalition aus saturiertem Konservatismus und ökologisch camouflierter Kapitalismuskritik. Das Plädoyer von Meinhard Miegel beispielsweise, die westliche Kultur müsse ihre Abhängigkeit von der materiellen Wohlfahrtssteigerung lockern, ist die konservative Variante der Forderung etwa von Attac, dass es darum gehen müsse, mit dem Wachstum und einer Schrumpfung der Ökonomie den Kapitalismus zu überwinden. Nichts spricht gegen harte Umweltauflagen mit scharfen Sanktionen, aber alles gegen den Verzicht von Produktivitätsfortschritten und dadurch mögliche Einkommenssteigerungen. Denn Produktivitätssteigerung und Wachstum eröffnen politische Gestaltungs- und Umverteilungsspielräume, und Einkommenszuwächse neue Freiräume für individuelle Entscheidungen. Auf beides zu verzichten wäre unsozial. Auch in Deutschland gibt es noch viele Menschen, die nicht so viel haben, dass mehr Konsummöglichkeiten sie nicht glücklicher machen würden.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

06.10.2011, 17:58 Uhr

"Kein Wachstum ist unsozial"

Wie meinen Sie das? Liegt die Betonung hier auf "Kein Wachstum" oder lediglich auf "kein"?
Also, ist Ihrer Meinung nach nur das sozial, was wächst oder etwa stufen Sie jede Form des Wachstums bedingungslos als sozial ein?

Erstere Variante implizierte, dass jedwede Art von Verzicht, also Schrumpfung, unsozial wäre und daher Nehmen stets sozialer als Geben. Das klingt eher absurd.

Oder wenn man die zweite Interpretation wählte, hieße das, dass jegliche Form der Bereicherung sozial wäre, was nicht weniger absurd ist.

Es gibt ein gesundes Wachstum, wie es auch ein gesundes Schrumpfen gibt, so, wie es krankhaftes Wachstum und krankhaftes Schrumpfen gibt. Das derzeitige finanzwirtschaftliche Wachstum ist jedenfalls weder sozial noch gesund, sondern gleicht eher einem raumfordernden Prozess, der überlebenswichtige Organe verdrängt und/oder diese ideologisch-metastasierend befällt.
Denn, wo der eine (Bank) seinen Gewinn einfährt, wächst beim anderen (Bürger) die Schuld.
Und die Mär vom alterwürdigen Giesskannenprinzip dürfte in den vergangenen wirtschaftlichen Boomjahren gerade in Deutschland gründlichst widerlegt worden sein.

mike22

07.10.2011, 10:49 Uhr

Hallo Herr Rürup, ich hätte da auch so ein paar Thesen: Entschleunigung heißt für viele Burnouter aus der Tretmühle zu steigen. Produktivitätssteigerung bedeuted inzwischen für weniger Lohn mehr zu leisten. Innovation beschränkt sich größtenteils auf technische Prozesse und stellt gesellschaftliche Aspekte als Folge dar. Wirtschaftliches Wachstum, das durch zwangsweise steigende Kreditausreichung generiert werden muß führt wegen des Zinseszinseffektes zur Verschuldung ganzer Völker von Ungeborenen. Das global agierende Großkapital kauft in der Zwischenzeit alles was materiellen Wert besitzt, z.B. Ackerland, Öl, genetische Vielfalt, Politiker. Letztenendes führt das jetzige Finanzsystem zur totalen Versklavung der Massen. Während die Systemrelevaten in grünen Oasen, bewacht von privaten Militärs, wie Feudalherren leben, darf zukünftig die Mehrheit der Weltbevölkerung eingepfercht, reglementiert und ausgesaugt die kümmerlichen Reste eines menschlichen Daseins fristen.

Herr Rürup - Ihre Ansichten mögen kurz- und mittelfristig alternativlos sein. Im großen historischen Maßstab bedeuten sie den Untergang des Planeten.

Faehnchen_im_Wind

08.10.2011, 11:58 Uhr

„Auch in Deutschland gibt es noch viele Menschen, die nicht so viel haben, dass mehr Konsummöglichkeiten sie nicht glücklicher machen würden.“
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Rürup, Sie kapieren es einfach nicht!
Wir wollen keine dummen Konsumenten mehr sein, denen Sie ihre Ideologie widerspruchslos indoktinieren können.
Brot und Spiele war gestern.
Ich erinnere nur an die Rürup und Risterrente.
Für diese Abbaureform der staatlichen Rente wurde Ihnen 2005 das Bundesverdienstkreuz verliehen.
Im Januar 2010 gründete Maschmeyer gemeinsam mit dem ehemaligen Wirtschaftsweisen und Ökonomen Bert Rürup die MaschmeyerRürup AG. Dieses Unternehmen berät Banken, Versicherungen wie auch Regierungen international ausgerichtet bei Fragen der Alters- und Gesundheitsvorsorge.

Mehr über Rürup hier:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=320
Solche selbsternannten „Eliten“ wie sie, kotzen mich nur noch an.

Rürup trat häufig als Referent und auf Podiumsdiskussionen von Versicherungs- und Finanzdienstleistern auf, z. B. für die Credit Suisse. Rürup war bis Frühjahr 2009 Vorstandsvorsitzender des Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und demographischer Wandel, dessen Anschubfinanzierung vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft bereitgestellt wurde. Diese Kooperationen standen nach Ansicht des Publizisten Albrecht Müller im Konflikt mit Rürups Aufgaben als unabhängiger Berater der Regierungsinstanzen und der Öffentlichkeit.
Transparency International kritisierte die geschäftlichen Verbindungen Rürups mit Walter Riester und dem AWD als "Beispiel für politische Korruption

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