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02.05.2012

09:56 Uhr

Professor Chiffre

Mindestlohn: Fakten statt Meinungsstärke

VonBert Rürup

Die Einführung eines Mindestlohns kann schaden, wenn dieser zu hoch angesetzt wird. Er kann sogar das Risiko der Armutsgefährdung erhöhen. Es gibt aber durchaus Mindestlöhne, die Arbeitnehmern ohne Negativeffekt helfen.

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Zwischen den Regierungsparteien ist - wieder einmal - Streit ausgebrochen. Dieses Mal über die Einführung von Mindestlöhnen. Die Union hat sich in den Worten von Ursula von der Leyen auf ein „bestechendes Modell“ verständigt, was aber in Tat und Wirklichkeit nur zu einem ein höchst grobmaschigen Netz von verbindlichen Lohnuntergrenzen führen würde.

Zu loben ist allerdings die Politikferne des Gremiums, das diese Grenzen  festlegen soll. Die FDP lehnt diesen Vorstoß - kategorisch wie reflexartig - ab und wird dabei - kategorisch wie reflexartig - vom Chef der Wirtschaftsweisen mit der Behauptung unterstützt, dass die Einführung selbst moderater Lohnuntergrenzen mehrere hunderttausend Jobs vernichten könnten. Wolfgang Franz dürfte damit für viele deutsche Ökonomen sprechen. Glaubenstreue und Meinungsstärke sind das eine, empirische Befunde das andere.

Mindestlöhne oder allgemein verbindliche Tariflöhne sind im internationalen Vergleich die Regel. Zusammen mit der Schweiz nimmt Deutschland innerhalb  der OECD-Länder, also der Gruppe der entwickelten Volkswirtschaften, inzwischen eine Ausnahmestellung ein. Fakt ist zudem, dass – im Gegensatz zu den in Deutschland beliebten Simulationsrechnungen auf der Basis orthodoxer neoklassischer Arbeitsmarktmodelle - die vorliegenden empirischen Untersuchungen zu den ökonomischen Wirkungen von etablierten Mindestlöhnen alles andere als klare negative Antworten geben.

Natürlich gibt es - wie den SMIC in Frankreich - zu hohe und damit beschäftigungsfeindliche Regelungen. Es gibt aber auch Mindestlöhne - wie z.B. in vielen Staaten der USA oder in Großbritannien -, die den Betroffenen helfen, ohne negative Beschäftigungseffekte zu haben. Ja, es gibt sogar Beispiele dafür - so der 1996 eingeführte Mindestlohn in der westdeutschen Bauwirtschaft -, dass Lohnuntergrenzen mit positiven Beschäftigungseffekten verbunden sein können. Und die OECD, ein unverdächtiger Zeuge, weist seit langem darauf hin, dass ein klug gesetzter Mindestlohn eine sinnvolle Ergänzung von Kombilohnmodellen, wie es das Arbeitslosengeld II ist, darstellt. Denn damit könnte verhindert werden, dass sich die Arbeitgeber durch ihre Marktmacht Teile der staatlichen Unterstützungszahlungen aneignen können, die eigentlich für die Arbeitnehmer gedacht sind.

Kommentare (15)

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Account gelöscht!

02.05.2012, 10:12 Uhr

Woraus sollte sich ein 15% niedrigerer Mindestlohn im Osten 21 Jahre nach dem Anschluß ergeben? Die Ausgaben der Arbeitnehmer sind dort insbesondere für Nahrungsmittel, Energie, Mieten keineswegs niedriger als in der Bundesrepublick.
Damit werden dort wiederum Arbeitgeber auf Kosten der Steuerzahler subventioniert. Die Produktivität ist längst nur noch auf dem Papier schlechter als in den alten BL. Oftmals sind die AN über Sklavenhändler in den alten BL beschäftigt, und verdienenden dennoch nur Ostlohn.

xyz

02.05.2012, 10:24 Uhr

und genau deshalb hat Ostdeutschland diesen massiven Braindrain--- aus der Region kann man in 30 Jahren eh einen Nationalpark machen. Weitgehend entvölkert bis auf ein paar "nationalbefreite Zonen"
in irgendwelchen abgelegenen Dörfern. Um die 1,8 Millionen haben die Region schon verlassen. Weitere vornehmlich junge Frauen werden folgen. Der Tod der Region ist damit vorprogrammiert und die Lohnentwicklung hat daran eine mitschuld. Abgesehen davon, dass es auch kaum gut bezahlte Stellen gibt. Viele verdienen Niedriglöhne. Das Leben dort ist nicht attraktiv -- ich kenn allein Dutzende die in Skandinavien arbeiten.

von daher hat die Lohnzurückhaltung seit 1990 auch nichts gebracht außer zur Abwanderung beigetragen und zum Schrumpfen. In Ost-DE blühen v.a. Einkindfamilien. Das hat eben auch ökonomische Gründe.

Account gelöscht!

02.05.2012, 10:51 Uhr

Weil es Strukturschwache Regionen sind. Dazu müssten fairerweise aber auch einige alte Bundesländer zählen.

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