Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.01.2012

12:50 Uhr

Professor Chiffre

Sehnsucht nach dem Big Bang

VonBert Rürup

Viele sehnen sich heutzutage nach einer Art wohlwollender Diktatoren: Sie wollen schnelle, eindeutige Entscheidungen - Kompromisse sind nicht mehr en vogue.

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Mitte der 1970er Jahre schrieb Helmut Schmidt im Vorwort zu einem wirtschaftspolitischen Reader: „In einer Demokratie muss jedem gestaltenden Schritt ein Mehrheiten beschaffender Prozess vorausgehen“. Hinter dieser leicht gespreizten Formulierung verbirgt sich die wichtige aber nicht selten verdrängte Tatsache, dass selbst ein wissenschaftlich bestens abgesichertes Konzept zur Lösung eines Problems politisch wertlos ist, wenn es nicht gelingt, die Mehrheiten zu organisieren, um es umzusetzen.

Unternehmer, Journalisten, Wirtschaftsprofessoren und nicht zuletzt Oppositionspolitiker sind bekanntlich notorisch ungeduldig - sogar bei so komplexen Problemen wie der Finanzierung des Gesundheitssystems, dem Ausstieg aus der Kernkraft, der Abschaffung der Wehrpflicht oder der Rettung der Europäischen Währungsgemeinschaft. Gefordert werden schnelle und  große Würfe, „Big Bang“-Lösungen – um in den Worten der im Herbst 2005 führenden Oppositionspolitikerin und heutigen  Bundeskanzlerin zu sprechen –  ein „zügiges Durchregieren“.

Solche Hoffnungen und Erwartungen schwinden im Übrigen schnell, wenn Oppositionspolitiker auf der Regierungsbank Platz nehmen und dann erkennen müssen, dass das Regieren allenfalls halb so schön ist, wie man es sich in der Opposition vorgestellt hat. Und das ist gut so. Denn die Sehnsucht nach den „Big Bang“-Lösungen entspringen nicht selten einer heimlichen Sehnsucht nach einem weisen Diktator, der sich nicht um das lästige Kleinklein der Gruppeninteressen scheren muss und zügig das „sachlich Gebotene“ oder das „sozial Gerechte“ in Interesse des Ganzen durchsetzen kann.

Derartige Wünsche sollten Träume bleiben, denn auf die Weisheit von Diktatoren kann man sich nicht verlassen und sollte es nie tun. Und es ist gut zu akzeptieren, dass sowohl das  „sachlich Gebotene“ wie die „soziale Gerechtigkeit“ nur Worthülsen sind und es die Aufgabe der politischen Willensbildung ist, diese Leerformeln mit Inhalt zu füllen. Es ist daher nichts Schlechtes, wenn in unserer Demokratie, in der es Gott sei Dank immer nur eine Herrschaft auf Zeit gibt, die inhaltliche Füllung von Allgemeinwohl oder von sozialer Gerechtigkeit immer nur so etwas sein kann, wie die jeweiligen Diagonalen im Parallelogramm der gesellschaftlichen Kräfte. Kompromisse – auch wenn sie zeitraubend sind - oder eine Politik der kleinen Schritte sind daher kein Übel, sondern der Kitt für den Zusammenhalt in einer offenen Gesellschaft.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

JohannesSchmidt

04.01.2012, 14:27 Uhr

Viele sehnen sich nicht nach Diktatoren, sondern dem guten alten Sozialismus, der derzeit unter dem Begriff der "staatlichen Regulierung" präsentiert wird.

Dr.NorbertLeineweber

04.01.2012, 16:33 Uhr

Herr Prof. lassen Sie das Kommentieren sein. Sie sind nicht mehr der, der den Kern trifft. Was Sie als Kitt für den Zusammenhalt der offenen Gesellschaft halten ist in Wahrheit das gelebte, unverantwortliche muddling through ohne Zielorientierung. Das Unvermögen in politisch-ökonomische Sachfragen regiert und nicht die Politik der kleinen Schritte. Ein Konsens in Bewertung und Dringlichkeit von Sachfragen ist gefordert, das mit Ihrem vermeintlichen Diktator überhaupt nichts zu tun. Ihr Beitrag ist sachlogisch inkonsistent und verkennt den Wesenskern der Problematik. Die politischen Akteure sind vom Posten her Manager ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben was managen bedeutet. So können sie Ihren Anforderungen auch nicht gerecht werden und verlieren sich in heillosem Parteiengezänk statt Sachfragen strategisch anzugehen.

General_Windelbrand

04.01.2012, 18:26 Uhr

Ich persönlich kann auf Diktatoren gerne verzichten. Wer darauf wirklich scharf sein sollte, der kann sich eine schöne Diktatur in Afrika aussuchen, aber nicht vergessen, dort sind wir die Ausländer, und zudem auch noch weiss. Wie hat Churchill doch so schön gesagt: "Demokratie ist die zweitbeste Staatsform". Was er damit gemeint hat ist hoffentlich jedem klar.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×