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08.01.2009

13:13 Uhr

Ratingagentur S&P

Wachhund mit Biss gesucht

VonDwight Cass, breakingviews.com

In ihrem jüngsten Versuch, ihren schwer angekratzten Ruf wieder aufzupolieren, hat die Rating-Agentur S&P einen Ombudsmann ernannt. Ein solcher Posten kann schnell zu einer zahnlosen PR-Übung verkommen. Um seine Aufgabe sinnvoll erfüllen zu können, muss dem Wächter die Macht übertragen werden, auf die notwendigen, wenn auch schmerzhaften Reformen zu drängen. Nur Beschwerden vorzutragen, reicht nicht.

Zeitungen wie die "New York Times" haben es vorgemacht: Im Nachgang zu Skandalen wird ein Ombudsmann ernannt. Diesem Modetrend folgend hat die Rating-Agentur Standard & Poor?s, die sich auf den in der US-Verfassung garantierten Schutz der freien Meinungsäußerung beruft, um für ihre Fehler nicht haften zu müssen, einen ähnlichen Schritt unternommen, um ihren schwer angekratzten Ruf wieder aufzupolieren. Damit das Ganze nicht als PR-Gag endet, muss das Unternehmen dem neuen Ombudsmann zugestehen, mit echtem Biss vorzugehen, wenn er seine Überwachungsfunktion wirkungsvoll ausfüllen soll.

Die Rating-Agentur hat sich für diesen Posten den langjährigen Chef von Ernst & Young, Ray Groves, ausgesucht und ihn direkt Harold McGraw III, dem Leiter der S&P-Muttergesellschaft McGraw-Hill, unterstellt, was ihm vermutlich dem S&P-Management gegenüber eine größere Unabhängigkeit oder Macht einräumen soll. Groves scheint eine kluge Wahl zu sein. Schließlich sollte der Veteran, der 37 Jahre lang bei dem Wirtschaftsprüfungsriesen gedient hat, die nötigen forensischen Fähigkeiten besitzen, um Probleme zu identifizieren, und über genug Management-Expertise verfügen, um auf Lösungen zu drängen.

Aber die Probleme, unter denen S&P leidet, werden nur schwer zu richten sein. Alle großen Rating-Agenturen haben mit einer tief greifenden Erosion des Vertrauens zu kämpfen, die enorme Folgen für die Kapitalmärkte hatte. Der Vertrauensschwund hat zum Beispiel dazu beigetragen, dass der Verbriefungsmarkt in die Schockstarre verfallen ist. Die Fehler der Rating-Firmen sind zu einem großen Teil auf die Faktoren zurückzuführen, die ihre Geschäfte in den guten Jahren so immens rentabel gemacht hatten: dass sie Hand in Hand mit den Strukturierern und Emittenten gearbeitet haben, dass sie von dem de facto Oligopol profitiert haben, das dadurch entstanden ist, dass ihre Bonitätsbewertungen in verschiedene Arten aufsichtsbehördlicher Investitionsbestimmungen eingebettet wurden und dass die Investoren dazu bereit waren, schwierige Kreditanalysen an Drittparteien auszulagern.

Sicher, die Transparenz, die ein Ombudsmann herstellen kann, ist zu begrüßen. Tatsächlich könnte die vollständige Offenlegung der Konditionen und Komponenten von Abschlüssen dazu führen, die Investoren ihrer bisher so gern herangezogenen Ausrede dafür zu berauben, ihre Hausaufgaben erst gar nicht zu machen. Aber selbst ein wohl meinender Wächter wird es schwer haben, Reformen durchzudrücken, die die Gewinn- und Verlustrechnung einer Firma in einem ohnehin schon ernsten Abschwung noch weiter schmälern könnten - außer natürlich, wenn er den nötigen Biss haben darf, der seinem Bellen entspricht.

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