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15.03.2014

10:24 Uhr

Sportjournalismus

Hoeneß oder der Sport als Mikrokosmos

VonMichael Steinbrecher

In allen großen TV-Talkshows gab es nur ein Thema: Den Fall Uli Hoeneß. Und wer war zu Gast? Vor allem Politiker, Steuerexperten und Polit-Journalisten. Haben Sportjournalisten außerhalb des Stadions nichts zu sagen?

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Vorab: Die Entscheidung der Talkshow-Redaktionen ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Rund um den Prozess war vor allem steuerrechtliche Fachkompetenz gefragt. Aber bedeutet das nun, dass Sportjournalisten sich in ihrer Berichterstattung  auf die sportliche Leistung der Spieler und Funktionäre konzentrieren und ansonsten die Klappe halten sollten? Nein! Der Sport-Journalismus darf nicht zur Entertainment-Industrie mutieren.

So sehr sich vieles in der TV-Berichterstattung auf den Live-Sport konzentriert: Hintergründige Berichterstattung muss weiterhin seinen Platz im Sportjournalismus verteidigen. Denn auch der Fall Hoeneß zeigt vor allem eins: Der Sport ist ein Mikrokosmos, in dem sich vieles abbildet, was die Gesellschaft insgesamt beschäftigt.

in eigener Sache: Steinbrecher schreibt neue Sport-Kolumne „Spielmacher“

in eigener Sache

Steinbrecher schreibt neue Sport-Kolumne

Michael Steinbrecher zählt zu Deutschlands bekanntesten Sportmoderatoren. Als unser neuer Kolumnist wirft er ab sofort immer samstags einen kritischen Blick hinter die Kulissen des internationalen Spitzensports.

Schon kurz nach dem Urteil begann die Folge-Diskussion. Wie reagiert der FC Bayern? Wie reagieren Sponsoren? Welchen internen Standards sind (börsennotierte) Unternehmen in diesem Zusammenhang verpflichtet? Einige der Fragen haben sich nach dem Hoeneß-Rückzug aus allen Ämtern zwar schnell erübrigt. Doch könnte man sie zum Anlass nehmen, auch das Fußball-Geschäft genauer unter die Lupe zu nehmen.

Wie seriös wirtschaften nationale und internationale Fußball-Clubs? Der Sportjournalismus kann und darf sich aus den politischen und ökonomischen Dimensionen des Sports nicht heraushalten. Diese Form der Berichterstattung kostet Zeit und Geld, ist aber für die Glaubwürdigkeit des Berufsstandes elementar.

Wenn Putin bei den Paralympics auftaucht und gleichzeitig weltweit über die Krim-Krise diskutiert wird, ist genauso eine journalistische Einordnung gefragt wie im Fall Hoeneß. Das bedeutet nicht, dass Sportjournalisten sich als Experten für alle gesellschaftlich relevanten Inhalte aufspielen sollten.

Sportjournalisten haben eine Kernkompetenz in der Beurteilung des Sports. Aber sie bleiben auch Journalisten, die sich kompetent in Themen einarbeiten und am Mikrokosmos des Sports gesellschaftliche Bezüge aufzeigen können. In crossmedialen Zeiten, in denen Mediengrenzen verschwimmen, sollten sich auch die Ressorts mit ihren Stärken in Teamarbeit ergänzen und den kurzen Draht untereinander pflegen.  Politik, Wirtschaft und Sport lassen sich nicht trennen. Dazu ist der Sport als gesellschaftliches und kulturelles Phänomen zu groß geworden.

Sport, als Mikrokosmos verstanden, ist ein faszinierendes Thema. Sport, auf den Spiel- und Wettkampfbetrieb reduziert, bleibt spannend, aber eindimensional. Deshalb sollten Sender und Verlage in sportjournalistische Recherche und Hintergrundberichterstattung investieren, sonst nehmen sie dem Beruf die Relevanz.

Michael Steinbrecher ist Journalist, Fernsehmoderator und seit 2009 Professor für Fernseh- und crossmedialen Journalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Von 1992 bis Mitte 2013 hat er das ZDF-Sportstudio moderiert und war für das ZDF als Moderator bei zahlreichen Sport-Großereignissen wie Fußballwelt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen vor Ort. Bis zum Ende der Fußball-WM 2014 in Brasilien wirft er – künftig immer samstags – einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen des internationalen Spitzensports.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

17.03.2014, 08:48 Uhr

Fernseh-Sport-Journalisten sind noch schlimmer als ihre politischen Kollegen dem Mainstream untertan.
Der von Brot-und-Spielen zugedröhnte Fan erwartet keine kritische Betrachtung der ausufernden Sport-Aktivitäten.
Hier gehts um fan-orientierte Berichterstattung und sonst nichts.
Man hat auch fast nie von Herrn Steinbrecher in seiner Zeit beim ZDF irgeneine kritische Bemerkung zu dem täglichen Wahnsinn gehört.
Wenn er jetzt damit anfängt, ist ihm das Desinteresse gewiss.

Account gelöscht!

18.03.2014, 13:32 Uhr

leider beherzt das öffentlich rechtliche fernsehen dieses plädoyer für sportjournalistische recherche und hintergrundberichterstattung nicht immer. da wäre mehr kritische distanz wünschenswert. von den paralympics gibt es da ein schönes beispiel über andrea eskau:
www.youtube.com/watch?v=PtPLoOrQhe0
gern mehr davon!! viele grüße

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