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16.01.2008

12:49 Uhr

US-Einzelhandel

Nach dem Gelage kommt die Buße

VonRobert Cyran (breakingviews.com)

Erst Immobilien, jetzt der Einzelhandel: Die Verkaufsflächen im US-Einzelhandel sind in den vergangenen zehn Jahren um über 20 Prozent gestiegen. Sie liegen bei weitem über der Fläche, die in anderen Industriestaaten pro Kopf verfügbar ist. Wie schon beim Platzen der Immobilienblase sind es Überkapazitäten das Problem. Da die Einzelhandelsumsätze im Dezember gesunken sind, werden nun die Folgen der Völlerei sichtbar.

Die Ursachen für das Platzen der US-Immobilienblase zu finden, ist keine große Kunst: Es wurden zu viele Häuser gebaut. Jetzt steht eine Rekordzahl an Häusern leer und die Preise fallen. Könnten die Verkaufsflächen im US-Einzelhandel als Nächste an der Reihe sein? Der Umsatz des Sektors war im Dezember überraschend zurückgegangen. Und die Einkaufszentren, die in den vergangenen Jahren in großem Stil hochgezogen wurden, sehen jetzt plötzlich reichlich übertrieben aus.

In der vergangenen Dekade haben die Verkaufsflächen im US-Einzelhandel um mehr als 20 Prozent zugenommen. Den amerikanischen Verbrauchern stehen pro Kopf rund 3,25 Quadratmeter an Einkaufsfläche zur Verfügung, berichtet Credit Suisse. Das liegt weit über dem Platz, den die Käufer in anderen Industrienationen beanspruchen können. Pro Kopf gerechnet hat ein US-Kunde dreimal so viel Bewegungsfreiheit wie sein britisches Gegenüber. Sicher, in den USA gibt es viel mehr billiges Bauland in den Vorstädten als etwa in Großbritannien. Aber selbst im geräumigen Australien wird dem Kunden pro Kopf nur ein Platz von rund zwei Quadratmetern zugestanden. Und die amerikanischen Bautrupps machen munter weiter. Die Ausgaben für den Bau neuer Einkaufszentren sind laut der Handelsgruppe ICSC vier Mal höher als vor einem Jahrzehnt.

Zwar ist die Gesamtkapitalrentabilität im Einzelhandelsbereich stetig gesunken, eine Ernüchterung hat aber noch nicht eingesetzt. Der Umsatz pro Quadratfuß ist in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, da sich das verfügbare Einkommen der Verbraucher kräftig erhöht hat. Jetzt prognostizieren viele Volkswirte, dass die USA in eine Rezession abgerutscht sind oder bald abrutschen werden. Das könnte diesen Trend vermasseln. Tatsächlich ist der Einzelhandelsumsatz auf vergleichbarer Verkaufsfläche im Dezember bei Nordstrom, Macy’s, Kohl’s, J.C. Penney und Sears rückläufig gewesen.

Die Verbraucherkredite könnten die Auswirkungen einer wie auch immer gearteten Rezession verschlimmern. Während eines wirtschaftlichen Abschwungs nehmen die Verbraucher gewöhnlich mehr Kredite auf, um ihren Lebensstandard zu halten. Aber da die Sparquote bereits negativ ist, ist der Spielraum hier nicht besonders groß. Und da die Immobilienpreise sinken, wird es für die Verbraucher immer schwieriger, sich Geld gegen den fallenden Wert ihrer Häuser auszuleihen. Sie haben zwar immer noch ihre Kreditkarten, aber steigende Ausfallquoten werden die Kreditkartenunternehmen vermutlich dazu veranlassen, auch diesen Hahn abzudrehen.

Natürlich können die amerikanischen Verbraucher immer noch den einen oder anderen Nickel aus der Sofaritze kratzen oder jemanden finden, der ihnen etwas leiht. Aber werden sie in den Laden gehen und Geld ausgeben? In der Vorweihnachtszeit war der Online-Umsatz um fast zwanzig Prozent gestiegen, das ist fast fünf Mal höher als die Einzelhandelsumsätze im Allgemeinen. Es gibt keinen Grund zu der Vermutung, dass sich diese ungleiche Entwicklung bald wieder umkehrt. Der Trend, der sich im Einzelhandel in den großen Einkaufszentren vor der Stadt bald am deutlichsten abzeichnen wird, dürfte das immer lauter werdende Zirpen der Grillen sein.

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