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21.01.2010

18:32 Uhr

US-Konjunkturdaten

Ein produktiver Rückgang

VonMartin Hutchinson

Diejenigen, die der amerikanischen Wirtschaft einen Rückgang prophezeiten, müssen ihre ökonomische Götterdämmerung noch einmal verschieben. Dank der flexiblen Arbeitsmärkte ist die Produktivität im Jahr 2009 um 2,5 Prozent gestiegen. In der Eurozone war sie dagegen rückläufig. Es ist also wohl doch eher der europäische Lebensstandard, nicht der amerikanische, der durch die Konkurrenz der Emerging Markets leiden könnte.

Diejenigen, die darauf gewettet haben, dass die Vormachtstellung der amerikanischen Wirtschaft schwindet, müssen wohl noch etwas auf ihre ökonomische Götterdämmerung warten. Nach den aktualisierten Zahlen der wirtschaftlichen Gesamtstatistik, die das amerikanische Conference Board am 20. Januar veröffentlichte, führte der flexible Arbeitsmarkt dazu, dass die Produktivität der amerikanischen Arbeitnehmer 2009 um 2,5 Prozent anstieg. Die Arbeitsproduktivität in der Eurozone fiel dagegen. Die Produktivität in den Entwicklungsländern setzte ihre schnelle Aufholjagd fort. Legt man die aktuellen Zahlen zugrunde, dann ist es die Eurozone, die sich allmählich Gedanken um ihren Lebensstandard machen muss, und nicht Amerika.

Der Anstieg der US-Arbeitsproduktivität war allerdings kein Zuckerschlecken. Er wurde begleitet durch eine Schrumpfung des BIP um 2,5 Prozent, Beschäftigungseinbußen von 3,6 Prozent und einen Rückgang der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit um 1,5 Prozent. Aber der Produktivitätsgewinn stärkt die Wettbewerbsposition der Nation gegenüber Europa und Japan. Beide Regionen mussten größere BIP-Einbußen hinnehmen, bauten aber weniger Arbeitsplätze ab.

Insgesamt war 2009 das erste Jahr seit 1991, in dem die Produktivität weltweit sank. Der Rückgang war mit minus einem Prozent aber deutlich größer als 1991, als die Produktivität um lediglich 0,1 Prozent rückläufig war. Die Produktivitätsverluste der Industrieländer wurden aufgefangen von Zugewinnen in den wichtigsten Emerging Markets. Sie legten mit plus 3,6 Prozent zwar moderater zu als in den vergangenen Jahren, aber immer noch beträchtlich. Am deutlichsten stieg die Produktivität mit plus 8,2 Prozent in China, gefolgt von Indien mit plus 3,9 Prozent. Unter den anderen BRIC-Ländern konnte Brasilien um 1,5 Prozent zulegen, während die russische Produktivität um 3,6 Prozent sank.

Langfristig hängen wachsender Lebensstandard und steigende Wettbewerbsfähigkeit von Produktivitätssteigerungen ab. Andere Faktoren, wie der Rückgang der Wochenarbeitszeit oder geringere Partizipationsraten der Erwerbsbevölkerung, lassen die Lebensstandards in Frankreich und Deutschland deutlich unter den US-amerikanischen sinken, obwohl die Arbeitsproduktivität nahezu gleich hoch ist.

Dieser Trade-off ist allerdings von den meisten Ländern erwünscht. Eine Gesellschaft aber, deren Produktivitätszuwachs kontinuierlich hinter dem ihrer Wettbewerbern zurückbleibt, kann plötzlich in eine Situation geraten, in der Lebensstandard und internationale Wettbewerbsfähigkeit gleichzeitig sinken. Das Produktivitätswachstum Italiens zum Beispiel blieb seit 1995 hinter dem seiner europäischen Nachbarn zurück - infolgedessen litten auch Lebensstandard und wirtschaftliche Stabilität entsprechend.

Aus diesem Blickwinkel ist die amerikanische Produktivitätsentwicklung im Jahr 2009 durchaus ermutigend, wie tatsächlich auch schon seit 1995. Setzt sich diese Entwicklung fort, dann könnte der viel beschworene relative Verlust an Wirtschaftskraft noch eine Weile auf sich warten lassen, vielleicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

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