Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.09.2013

12:26 Uhr

Walter – Der Finanzlotse

Ratlos durch die Krise

VonHerbert Walter

Die Ökonomenzunft steckt untereinander im Grabenkampf und haut sich öffentliche Briefe mit höchst gegensätzlichen Inhalten um die Ohren. Sie bewegt sich selbst ins Abseits, weil sie keine Entscheidungshilfen liefert.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Widersprüchlicher geht es nicht: 1992 warnten etwa 60 vorwiegend deutsche Ökonomie-Professoren vor der Europäischen Währungsunion. Rund fünf Jahre später machten gut 50 Kolleginnen und Kollegen das genaue Gegenteil – sie sprachen sich öffentlich für die Europäische Währungsunion aus.

Im Juni 2012 unterzeichnete eine Armada von internationalen Wirtschaftswissenschaftlern ein „Manifest für ökonomische Vernunft“ gegen die Sparpolitik der Regierungen in der Euro-Zone (inzwischen haben fast 10.000 Ökonomen unterschrieben).

Seitdem geht es Schlag auf Schlag: Einen Monat später monierten 172 überwiegend deutsche Wirtschaftsprofessoren die Beschlüsse des EU-Gipfels, weil diese den Reformdruck für die überschuldeten Euro-Staaten verringern und den verordneten Sparkurs aufweichen würden. Im Dezember des gleichen Jahres widersprachen nahezu die gleichen Akademiker auch den EU-Beschlüssen zur Bankenunion.

Diese Kritik rief rund 200 Entrüstete auf den Plan, die im August dieses Jahres der Europäischen Zentralbank und deren Anleihekauf-Programm den Rücken stärkten. Das wiederum veranlasste etwa 140 Ökonomen vor wenigen Tagen erneut zu einem öffentlichen Protest, weil sie in der EZB-Politik eine durch kein Gesetz gedeckte Staatsfinanzierung sehen.

Das alles verstehe, wer will. Was, bitte schön, soll der normale Mensch damit anfangen? Sollte man vielleicht dem Aufruf zustimmen, der die meisten Unterschriften aufzuweisen hat – getreu nach dem Motto „Millionen Lemminge können nicht irren“? Das wäre absurd.

Für die Wirtschaftswissenschaft hat dieser Pro- und Contra-Modus ihrer Protagonisten fatale Folgen: Ausgerechnet in der Zeit der größten wirtschaftlichen Krise seit Generationen gerät sie ins Abseits; ihre Aufrufe verhallen ungehört im Nirgendwo, ohne jegliche Folgen für das politische Handeln. Was aber soll dann eine politische Wissenschaft, welche die Lehre von den Regeln des Marktes doch ist?

Natürlich hat es Meinungsstreit, ja sogar Glaubenskriege, in der Nationalökonomie schon immer gegeben: Adam Smith gegen Kameralisten, Karl Marx gegen David Ricardo, Wiener Schule gegen Historische Schule oder Monetaristen gegen Keynesianer, um nur einige Beispiele zu nennen. Daran zeigt sich, dass die Ökonomie eben keine exakte Wissenschaft ist, jedenfalls nicht so wie etwa die Mathematik oder die Physik.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

R.Rath

17.09.2013, 13:05 Uhr

Primat hat die Politik, sie entscheidet. In Sachen Einheitseuro kennen wir seit langem das Lied, "Der Euro ist mehr als eine Währung".
Eigentlich sollte nach der Feststellung von Gertrude Stein, "Eine Rose,ist eine Rose, ist eine Rose" analog auch gelten "Eine Währung ist eine Währung, ist eine Währung". Somit hätte eine Währung wie der Euro auch nur die Aufgabe einer solchen und nichts anderes.

Da der Euro aber eine Art ploitischer Quasi-Religion ist und mit Dogmen mancherlei Art befrachtet ist, wozu gehört, dass sein jetziger Zustand mit allen beteiligten Ländern unbedingt erhalten bleiben muß, darf man sich nicht wundern, dass wie bei Religionsstreitigkeiten vergangener Jahrhunderte, etwa ob nur göttlich Gnade dem Gläubigen helfen kann oder auch angesammelte Verdienste,
auch in Sachen Euro-Religion sich verschiedene Fraktionen bilden, die dann, auch weil Ölonomie keine Wissenschaft im eigentlichen Sinn ist, sich hefig bekämpfen.

Für den Privaten bleibt nur übrig sich seine Meinung selber zu bilden und wie Sören Kierkegrad allein vor seinem "Gott" zu stehen und zu hoffen er sei gnädig gestimmt, oder sich anderen Göttern zuzuwenden, etwa dem sehr alten Gott, dem Gold, das von der Sonne stammt und Sternenstaub ist. LOL

Account gelöscht!

17.09.2013, 13:06 Uhr

Was dezent verschwiegen wurde, ist, dass der Aufruf mit den rund 200 (Fratzscher) interntaional war, der Vorgänger und die Antwort war jedoch nur in Deutschland durchgeführt worden... wäre eine Erwähnung wert gewesen.

Vernunft

17.09.2013, 13:42 Uhr

Ein guter Kommentar, den wir als "User" wollen nur Lösungen!
Eine tatsächliche Lösung hat doch niemand wirklich in der Hand, nur eine Ziel- und Wegbeschreibung.
Ich finde ein ehrlicher Diskurs nach der BT-Wahl wäre dem Land nur zu wünschen.
Ein AfD-Mitglied

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×