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19.02.2013

10:53 Uhr

Walter direkt

Banken müssen ihre Stärken bündeln

VonHerbert Walter

Die deutschen Banken müssen ihr Geschäft radikal reformieren. Anderenfalls droht ein Stellenabbau, der in zehn Jahren weit über die Marke von 100.000 hinausgehen könnte.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Fast 25 Jahre ist es her, da sagte Ulrich Cartellieri, damals Vorstand der Deutschen Bank, in einem Vortrag einen Satz, der seitdem untrennbar mit ihm verbunden ist: „Die Banken sind die Stahlindustrie der 90er-Jahre.“ Für ihn stand fest, dass den Banken ein ähnlicher Stellenkahlschlag drohe, wie ihn die deutsche Stahlindustrie gerade durchgemacht hatte.

In der Sache hatte Cartellieri recht. Zwar wuchs die deutsche Bankenbranche, gemessen an der Zahl ihrer Mitarbeiter, noch fünf weitere Jahre. Seit 1994 aber kennen die Beschäftigtenzahlen nur eine Richtung – bergab.  Seitdem sank die Zahl der Mitarbeiter um gut 130.000 auf unter 650.000, ein Rückgang von annähernd 20 Prozent.

Das ist über knapp 20 Jahre sicherlich kein Stellenabbau à la Stahlindustrie; nur leider ist er noch keineswegs vorbei.  Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage unter Führungskräften bei Banken ergab, dass 42 Prozent der deutschen Kreditinstitute in den nächsten sechs Monaten ihren Personalbestand reduzieren wollen, nur 18 Prozent wollen zusätzliche Mitarbeiter einstellen. So sieht es derzeit nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa aus. Dort wollen 45 Prozent der Kreditinstitute Stellen abbauen und 21 Prozent aufstocken.

Dieser Trend wird aus meiner Sicht jedoch viel länger anhalten als nur die nächsten Monate und er wird sich massiv beschleunigen. Ich halte es für einigermaßen wahrscheinlich, dass in den nächsten zehn Jahren mindestens weitere 100.000 Arbeitsplätze im deutschen Kreditgewerbe verloren gehen.

Das längerfristig moderate Wachstum, das historisch einzigartig niedrige Zinsniveau, weitere Regulierungen und der Abbau nicht-strategischer Geschäfte werden die Kreditinstitute zwingen, ihre Kostenbasis anzupassen. Das ist aber nur die eine Seite des Pflichtenheftes. Die andere lautet: Überprüfung des Geschäftsmodells.

Praktisch alle Banken in Europa sehen aktuell die größten Chancen im Geschäft mit Privat- und Firmenkunden. Das Kapitalmarktgeschäft wird derzeit als weniger attraktiv betrachtet.  Sollte diese Sicht von Dauer sein, wäre das schon ein deutlicher Meinungsumschwung im Kreditgewerbe, der auch unweigerlich zu Reformen des Geschäftsmodells führen muss.

Kommentare (3)

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verkehrteWelt

19.02.2013, 13:40 Uhr

Lieber Herr Walter, schöne Worte - und aus der Distanz heraus leicht zu formulieren - leider haben Sie in Ihrer Zeit als Dresdner Bank Vorstand massgeblich zu deren Niedergang beigetragen. Das konsequente Kopieren der Deutschen Bank Strukturen, natürlich mit einer Zeitverschiebung von 3-4 Jahren sucht seinesgleichen. Leider wurden auch die Fehler gleich mitkopiert und das grenzte schon an Arroganz. Sie lebten leider in Ihrem Glasturm in Frankfurt und haben rein gar nichts davon mitbekommen was auf den Filialen passierte und wo die Bank tatsächlich im Markt stand. Die Entwicklungen im Bankensektor sind die Konsequenzenz eines komplett abgehobenen und kundenfernen Missmanagements der Vorstände und ihr Name ist hiermit leider unweigerlich verbunden...

Mazi

19.02.2013, 15:57 Uhr

Ich möchte es anders formulieren:
Cartellieri hatte den Abgang zahlreicher Bankvorstände und deren Nachwuchs gesehen und vor diesem Hintergrund besagten Spruch formuliert. Cartelliere war gewiss einer der letzten Bankvorstände in Deutschland.

Cartellieri hat die schwere Zeit der Deutschen Bank, das Auslaufmodell gesehen. Wer dieses Modell dann noch kopierte hat nicht nur die Fehler der Deutschen Bank dubliziert sondern auch den Anpassungsprozess verpasst.

Die Dresdner Bank wurde dreimal "ausgenommen". Zuerst vom eigenen Vorstand, was dann noch übrig blieb wurde noch von der Allianz abgenagt und letztlich von der Commerzbank. Nur muss man festhalten, dass an der Dresdner Bank zu dem Zeitpunkt schon "nichts mehr dran war". Die abgefressenen Knochen mussten nach der Allianz erst noch einmal schmackhaft gemacht werden. In diesem Zusammenhang ist wohl die Finanzspritze des Bundes mit 18 Mrd. Euro zu sehen.

@verkehrteWelt scheint wohl aus einer Filiale der Dresdner Bank zu stammen. Er weiß nichts von dem, was erst in der Zentrale los war. Mit welchen Mitteln dort gekämpft wurde. Er hat offensichtlich auch nichts davon mitbekommen wie falsch die Zahlen waren, die Ihnen, Herr Walter, auf den Tisch gelegt wurden. Es wird Ihnen bekannt sein, dass man Ihnen vieles "zugerufen" hat und sie mit diesen Informationen die Bank steuern durften/mussten.

Also kein Wunder, dass das Abenteuer so enden musste. Aber man muss anmerken, dass die zweitgrößte deutsche Bank vom Markt genommen werden musste, ohne dass die Aufsichtsbehörden überhaupt nur "angeschlagen" haben.

Wenn es 2.000 Mitarbeiter in der BaFin gibt, die sich ausschließlich mit der Aufsicht beschäftigen dürfen, also kein aktives Geschäft managen müssen und nichts, absolut nichts merken, dann bleiben doch Fragen unbeantwortet.

Es war nicht eine kleine Bank, es war die zweitgrößte Bank! Das muss man nach kürzester Zeit drauf haben oder mit einer Binde mit drei Punkten Bankenaufsicht betreiben.

fwm

21.02.2013, 11:48 Uhr

Herr Walter wurde nicht mit zugerufenen falschen Zahlen getäuscht. Er und seine Gefolgsleute ließen sich die Welt so darstellen, wie sie sie sehen wollten. Wer da nicht mitmachen wollte, wurde entsorgt.
Mit der Steuerung des Investmentbanking war er sowieso überfordert, an dem Desaster, das damit in der Dresdner Bank angerichtet wurde, war allerdings auch die Allianz maßgeblich beteiligt.

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