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14.02.2012

10:19 Uhr

Walter direkt

Bittere Pille

VonHerbert Walter

Die Industrieländer setzen zur Krisenbewältigung auf die Null-Zins-Politik. Das kann eine bittere Pille für die kriselnden Nationen werden. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Notenbanker.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Notenbanken haben sich dem ZIRPen verschrieben. ZIRP steht für die von der Bank of Japan, der amerikanischen Federal Reserve sowie der Europäischen Zentralbank vertretene Null-Zins-Politik, auf Englisch: Zero-Interest-Rate-Policy (ZIRP).

Zum Standardwissen der Ökonomen dieser Welt zählt, dass die Zinspolitik auch ein probates Instrument zur Steuerung der Wirtschaft ist. Erhöht die Notenbank ihre Zinsen, soll das Wirtschaftswachstum gebremst, senkt sie ihre Zinsen, soll die Wirtschaft angekurbelt werden. In der aktuellen Situation vieler Industrieländer wäre es demnach sinnvoll, wenn die Notenbanken Zinsen senken würden, denn das Wirtschaftswachstum in den USA, in Japan und in der Eurozone lässt doch sehr zu wünschen übrig.

Das aber ist kaum möglich, denn in den genannten Regionen wird geZIRPT. Dort gibt es so gut wie keinen Spielraum für Zinssenkungen mehr, weil die Zinsen, kurzfristig wie langfristig, schon nahe der Nullgrenze liegen. Stattdessen fluten die Notenbanken – seit kurzem auch die europäische - die Märkte mit Liquidität und es kostet deren „Kunden“ nahezu nichts. Geld im Überfluss und ohne Kosten wird Otto-Normalverbraucher wie eine Geschichte aus dem Schlaraffenland vorkommen. Sie ist es aber leider nicht.

Wenn eines klar ist, dann das: Die Null-Zins-Politik der Notenbanken kann für die kränkelnden Industrieländer zu einer bitteren Pille mit schweren Nebenwirkungen werden. Das gilt für die Wirtschaft als Ganzes und jeden einzelnen Sparer oder Anleger. In den vergangenen 20 Jahren haben wir das in Japan beobachten können und wir sehen es derzeit in den USA und in der Eurozone. Im schlimmsten Fall schafft das ultra-billige Geld die Voraussetzungen für die nächste Bankenkrise in ein paar Jahren.

Kommentare (2)

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azaziel

14.02.2012, 11:22 Uhr

Im Wesentlichen stimme ich zu. Nachtragen moechte ich, warum das moeglicherweise so ist. Das Motiv der Niedrigzinspolitik ist vorrangig nicht Wirtschaftswachstum, sondern um die Kosten fuer Staatsschulden niedrig zu halten. Bei steigendem Ausfallrisiko insbesondere in den Krisenlaendern verlangt der private Investor hoehere Zinsen. Bei niedrigen Zinsen wird er sich verweigern. Notenbanken muessen also, damit die Krisenlaender fluessig bleiben, fuer sich verweigernde private Investoren einspringen (Kauf von Staatsanleihen). Gleichzeitig fluten Notenbanken den Markt mit zusaetzlicher Liquiditaet (Notenbankkredite fuer Banken). Die anlagesuchende Ueberschussliquiditaet sorgt fuer niedrige Zinsen. Mittelfristig wird Ueberschussliquiditaet Anlage in Sachwerten suchen und ueber Rohstoffpreissteigerungen zu allgemeinen Preissteigerungen fuehren. Bleibt die Nachfrage aus (ausbleibendes Wirtschaftswachstum), kommt es zum bekannten Phaenomen Stagflation. Bekaempft man selbige mit den gleichen Mitteln, die schon seit Jahrzehnten versagt haben, wird sich das Problem durch Hyperinflation und Waehrungsreform loesen muessen.

Querdenker

14.02.2012, 12:11 Uhr

Warum sollen denn die Kapitalsammelstellen nicht wieder dorthin zurückkehren, wo sie vor dem "Mehr Geld durch Geld" schon einmal waren? Die Allianz hatte Mitte der 80-er Jahre ein branchenrisikogewichtetes Beteiligungsportfolio, das durch die großartige Politik der Entflechtung der Deutschland AG vernichtet wurde. Die Allianz bekam statt der Aktien/Unternehmenbeteiligung nur noch Wertzettel Anderer, die viel intelligenter investierten (Private Equity, Hedge Fonds)! Natürlich hatte dies den Vorteil dass Unternehmenfinanzierungsleverageeffekte multipliziert werden konnten, aber leider nur "mehr Geld durch Geld" entstand, das wiederum statistisch auch noch Wachstum generierte. Geben Sie doch jetzt nicht der Nullzinspolitik die Schuld. Diese Politik bewertet die Mengenausweitungseffekte durchaus richtig, indem sie deren Ertragsaussichten mit Null bewertet. Schade eigentlich, dass das Schneeball-Mehr-Geld-durch-Geld-Spiel nicht mehr so läuft, wie gehabt.

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