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01.01.2013

14:14 Uhr

Walter direkt

Branche mit mangelhaftem Selbstverständnis

VonHerbert Walter

Die Finanzindustrie beschäftigt sich viel zu wenig mit ethischen Fragen. Die intensive Diskussion in der Medizin zeigt, wie man Antworten und Lösungen für Interessenkonflikte finden kann.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Jahreswechsel sind beliebte Anlässe, gute Vorsätze zu fassen und Wünsche zu formulieren.  Egal, wer von wem wo befragt wird, ganz oben auf den Wunschlisten der Deutschen steht die Gesundheit. Auf einem ebenfalls prominenten Spitzenplatz folgt dann regelmäßig der Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit. Frauen wünschen sich etwas mehr als Männer, soviel Vermögen aufzubauen, um im Alter gut davon leben zu können.

Auf den ersten Blick mag die Vorstellung ein wenig abwegig sein, auf Grund der prominenten Platzierung auf der Wunschliste Parallelen zwischen den Dienstleistungssektoren Medizin und Finanzen oder dem Arzt und dem Finanzberater zu ziehen. Das ist es aber nicht. In beiden Bereichen geht es offensichtlich darum, elementare Bedürfnisse der Menschen zu decken. Überspitzt formuliert heißt das, Gesundheit und Geld sind nicht alles, aber ohne Gesundheit und Geld ist alles nichts. So etwa muss man die Wunschliste der Deutschen wohl interpretieren.

Noch etwas kommt hinzu: Sowohl in der Medizin, als auch im Finanzbereich geht es darum, Dienstleistungen auf der Basis von Vertrauen zu erbringen. Wohl niemand würde freiwillig zu einem Arzt gehen, von dem er weiß, dass dieser seine Vertrauensstellung missbraucht. Genauso verhält es sich mit dem Berater einer Bank oder einer Versicherung.

Was mich schon seit Jahren beschäftigt und fasziniert, ist, wie intensiv in der Medizin – in der Praxis und in der Wissenschaft – über ethische Fragen dieses Berufsstandes nachgedacht wird. In einer gewaltigen Zahl von Abhandlungen, Sach- und Lehrbüchern geht es um die Suche nach ethischen Ansätzen zur Analyse von realen Problemfeldern in der Medizin, etwa im Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Im Zentrum steht dabei, durch philosophisch-wissenschaftliche Methoden (Interessen-)Konflikte verstehbarer und damit lösbar zu machen. Letztlich geht es in der Medizinethik also um die Suche nach einer Antwort auf die Frage „Was soll ich tun?“.

Über die Antworten darauf wird innerhalb der Medizin, von Ärzten, Medizin- und Bioethikern, lebhaft diskutiert. Das betrifft in vielen Fällen auch ökonomische Fragen, etwa die Verhältnismäßigkeit von Nutzen und Kosten oder das Spannungsverhältnis zwischen Medizin und Ökonomie. Ein ganz aktuelles Beispiel dafür ist die Diskussion um Leitlinien für Ärzte, um einerseits eine Zwei-Klassen-Medizin zu verhindern und andererseits die Solidargemeinschaft nicht finanziell zu überfordern. Solche Diskussionen haben zwangsläufig Auswirkungen auf  das Tun und Lassen von Medizinern und damit natürlich auch auf deren Selbstverständnis.

Kommentare (6)

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btw

01.01.2013, 14:17 Uhr

Heute ist der 1. Januar 2013 und nicht der 1. April 2013.

AlexDettig

01.01.2013, 16:33 Uhr

Seit mehreren Jahren wird auf diesem Feld bereits eine "Diskussion" geführt, die dadurch geprägt ist, dass einige Meinungsmacher erheblich gegen Banken Stimmung machen. Oftmals waren diese Kommentare und Anmerkungen sachlich nicht gerade fundiert. Besonders wichtig sollte es daher jetzt sein, darauf zu achten, die Diskussion zu strukturieren und auf eine sachliche Grundlage zu stellen. Denn nur so können wir aus einer angestossenen Diskussion auch einen konstruktiven Nutzen ziehen, der bei der Diskussion wie sie bis heute geführt wird ausbleibt. Bis dato hat diese Diskussion konstruktiv sehr wenig gebracht und diente primär der Profilierung Einzelner. Dies sollte geändert werden, denn sonst droht ein Eingriff des Staates, der sich nicht positiv auf die nationale und internationale Wettbewerbsfähigkeit der privaten Banken Deutschlands auswirken dürfte, wie die Vergangenheit oft genug gezeigt hat.

Mazi

01.01.2013, 17:54 Uhr

Früher wurden Unternehmen von "Führungskräften" gelenkt. Da war es selbstverständlich, dass die Belegschaft zu ihnen aufschaute und an deren Verhalten erkennen konnte, wo die Reise hinging.

Heute ist dies anders.

Schauen Sie sich einmal die Wirtschaft und das Beispiel Commerzbank, Herrn Blessing, an. Kaum einer kann innerhalb und außerhalb der Bank aus dessen Verhalten erkennen, was die Bank als richtig oder falsch ansieht.

Schauen Sie sich die Politik an. Nicht anders! Ich denke da nicht zuletzt an den alten Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Oder das systematische Schröpfen der kleinen Leute im Zusammenhang mit der privaten Altersvorsorge nur um einige Millionen Euros an Versicherungsprovisionen zu generieren. Ich halte es für ausgesprochen mies, ein ernsthaftes Thema zu missbrauchen, um sich selbst die Taschen voll zu machen. Ich halte es für noch mieser, wenn Aufsichtsbehörden, die solche Tricks verhindern sollen, auch noch mitmachen.

Schauen Sie sich die Justiz an. Nicht anders! Ich denke aktuell u.a. an den Fall "Mollath".

Schauen Sie sich die Kirchen an. Ich denke da an die kath. Kirche, die aufgrund der eigenen Schwäche aufgrund der Kinderschänderfälle sich nicht mehr zu Wort meldet und als ethische und moralische Instanz versagt. Nicht anders!

Wie soll die Gesellschaft erkennen, was richtig und falsch ist? Uns fehlen in der Tat die Führungskräfte.

Woher nehmen die Abgeordneten das Recht, Abgeordnetenbestechung nicht als Straftatbestand im Strafgesetzbuch verankert zu sehen?

Wenn Herr Walter schreibt: "Ethisch richtiges Handeln kann jeder lernen, wenn es denn gelehrt wird. Letzteres ist aber eine Führungsfrage und da, meine ich, sollten die Verantwortlichen in der Finanzwirtschaft und –wissenschaft sich den Diskurs in der Medizin einmal ernsthaft anschauen und daraus konkrete Schlussfolgerungen für ihre Branche ziehen.", dann greift er viel zu kurz.

Der Führungskräftemangel ist nicht ein Banken- sondern ein Gesellschaftsproblem!

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