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21.02.2012

09:37 Uhr

Walter direkt

Die Armutsfalle droht

VonHerbert Walter

Die gesetzliche Rente reicht nicht aus, den Lebensstandard im Alter zu sichern. Staat, Wirtschaft und Verbraucher müssen mehr tun, um das Vertrauen in langfristiges Sparen zu stärken.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Am vergangenen Freitag erst mahnte die EU-Kommission, die staatlichen Rentensysteme in den Mitgliedsländern konsequenter zu reformieren. Es reiche bei weitem nicht aus, nur das Einrittsalter in die Rente heraufzusetzen. Wenn das Problem nicht gelöst werde, würden Millionen  im Alter unter Armut leiden, warnte der ungarische EU-Sozialkommissar Laszlo Andor bei der Präsentation des neuen EU-Weißbuchs.

Tatsächlich wird in Deutschland bereits seit Mitte der 90er-Jahre das staatliche Rentensystem beinahe permanent reformiert. Der Grund dafür ist die demografische Entwicklung, die dazu zwingt, das Versorgungsniveau mehr oder weniger drastisch zu senken, um einen Kollaps zu vermeiden. Wie ernst diese Gefahr ist, hat die EU-Kommssion ausgerechnet: In der Europäischen Union wird die Zahl der Menschen über 60 schon bis 2020 um rund 20 Millionen steigen. Im gleichen Zeitraum verringert sich die Zahl der Erwerbstätigen um sechs Millionen.  Das ist eine gewaltige Belastung für die Staatsfinanzen.

Wie auch immer die Politik auf diese Herausforderung reagieren wird, jeder tut gut  daran, sich darauf einzustellen, dass die gesetzliche Rente künftig kaum mehr als eine Absicherung gegen Altersarmut sein wird, nicht aber eine Vorsorge, mit der man nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben seinen Lebensstandard sichern kann.

Um Letzteres zu erreichen ist unweigerlich mehr privates Engagement notwendig. Zwar hat der Staat mit einigen Produkten (Riester, Rürup) sowie mit beträchtlichen Förderzuschüssen viel getan, um die Attraktivität der privaten Altersvorsorge zu erhöhen. Das Ergebnis allerdings ist ernüchternd, folgt man den zahlreichen Untersuchungen von Marktforschern und Wissenschaftlern zu diesem Thema.

Die große Mehrheit der Bundesbürger hat nicht einmal eine Ahnung von ihren gesetzlichen Rentenansprüchen, wobei sie diese regelmäßig auch noch überschätzen. Jeder zweite sieht für sich keinen Spielraum, in die private Altersvorsorge zu investieren und vier von zehn Bundesbürgern sehen überhaupt keinen Anlass, privat fürs Alter vorzusorgen. Immerhin haben 90 Prozent der Befragten bei diesem Thema ein schlechtes Gewissen, weil sie nach ihrer Meinung nicht ausreichend vorsorgen.

Ebenso Besorgnis erregend ist die Tatsache, dass – egal, ob in Deutschland oder international – mehr als jeder zweite Erwachsene seine Altersvorsorge in den vergangenen zwei Jahren entweder eingeschränkt, zur Schuldentilgung verwendet oder auf später verschoben hat.

Das alles sind deutliche Anzeichen dafür, dass in vielleicht zwanzig oder dreißig Jahren nicht nur ein großer Teil der Bundesbürger in eine Armutsfalle tappen dürfte, sondern auch die Gesellschaft insgesamt vor gigantische Probleme gestellt werden wird. 

Kommentare (26)

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ALLE_zahlen_ein

21.02.2012, 09:55 Uhr

Sind Sie privatversichert @ Herr Walter?
Oder zahlen Sie in die gesetzlichen Sozial- und Krankenversicherungssysteme ein?
Unser Problem ist, das sich ein Großteil der Besser- und Spitzenverdiener (Ärzte, Politiker, Beamte, Journalisten, Juristen, Berater, freie Berufe) von den deutschen Sozialsystemen verabschiedet haben.
Sie versichern sich privat gegen Krankheit und Alter ab.
Der Vorteil, vor allem bei der Altersvorsorge, diese Berufsgruppen zahlen für sich selbst ein und erhalten genau den eingezahlten Betrag plus Laufzeitins ausbezahlt.
Der Normalarbeitnehmer kriegt seine Rentenzuschüsse direkt mit der Gehaltsabrechnung abgezogen und zahlt für die heutigen Rentner ein (Generationenvertrag).
Ich bin dafür, das zukünftig ALLE abhängig von ihrem Einkommen und ihrer Vermögenswerte solidarisch in die Sozial-, Kranken- und Rentensysteme einbezahlen.
Da wird dann der Aufschrei bei den Besser- und Spitzenverdienern wieder richtig laut sein, jammern über ihren Spitzensteuersatz, anstatt mal dankbar zu sein, überhaupt soviel Geld in einem hochqualifizierten Beruf zu verdienen. Gerade diejenigen sollten sich mal an die eigene Nase fassen, und wieder auf den Boden der Tatsachen zurückfinden. Nicht immer nur nehmen, sondern auch etwas an die Gesellschaft zurückgeben, daß ist es, was wir brauchen. Keine Egoisten die nur an sich selbst denken, sondern verantwortungsbewußte Leistungsträger, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen, anstatt nur an sich selbst zu denken. Das gleiche gilt für Wirtschaftsunternehmen, die nicht länger ihr Humankapital ausbeuten, sondern für anständige Arbeit, gerechte faire Löhne und Gehälter bezahlen. Leiharbeit muss zukünftig geächtet oder gleich bezahlt werden.

gugginga

21.02.2012, 10:15 Uhr

seit 10 Jahren gibt es im Gegensatz von dem linken Gelaber keinen realen Kapitalzuwachs! D.h. Ertrage, die Lebensversicherngen oder Pensionsfondsmanager erzielen können und natürlich auch der durchschnittlich erfolgreiche Privatinvestor bringen nach Steuern und Infaltion gerade mal GAR NIX! wieso sollte man da sparen, wo das Risiko das aus GAR KEIN ERTRAG auch KAPITAL FUTSCH werden kann

Koboldo

21.02.2012, 10:18 Uhr

Solange die Politik ihre Wünsche verwirklicht, indem sie in diese Rentenkassen greift und damit Leistungen zahlt (sog. versicherungsfremde), die nicht im Sinne der Einzahler sein können, und mit den zig Milliarden im Rahmen der Griechenlandrettung nur so um sich schmeißt, kann man nicht erwarten, dass Arbeitnehmer, die zusehends verarmen, auch noch eine weitere Säule der Altersversorgung aufbauen sollen. Diese Pflicht zur Verhinderung einer drohenden Altersarmut hat der Staat vollumfänglich zu übernehmen!

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