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11.09.2012

12:40 Uhr

Walter Direkt

Die kalte Enteignung der Sparer

VonHerbert Walter

Die Politik der Notenbanken drückt die Zinsen unter die Inflationsrate. Diese finanzielle Repression ist eine traumatische Situation für Anleger. Hilfe versprechen allerdings Investitionen in Sachwerte.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

In diesen stürmischen Zeiten stehen viele Anleger vor einem großen Problem. Sie wagen es nicht, ihr Geld am Kapitalmarkt anzulegen und später ärgern sie sich schwarz, weil sie es nicht getan haben. Das ist beileibe keine deutsche Eigentümlichkeit, sondern in Europa wie in den USA zu beobachten.

Auch die Argumente für das Zögern sind fast immer gleich: Kurzfristig sei die Börse – wie in den vergangenen drei Monaten – schon gut gelaufen, daher sei jetzt die Gefahr eines erneuten Rückschlags größer, also zu groß für einen Einstieg, geworden. Mittelfristig könne niemand auch nur annähernd erahnen, wie es mit der Euro-Zone weitergehe und ob bei einem Zusammenbruch des Euro die Konjunktur weltweit in die Knie gehen werde. Langfristig sei sowieso alles vollkommen undurchsichtig und wer wisse schon, wie das Schuldenproblem der Industriestaaten gelöst werde – ganz abgesehen von neuen Überraschungen, die wir noch gar nicht im Blick haben.

Aus diesen Argumenten spricht eine tiefe Verunsicherung der Anleger und Investoren. Nach den vielen Krisenjahren in diesem doch noch recht jungen Jahrhundert ist das auch kaum verwunderlich. Trotzdem schlägt die Verunsicherung dann um in Ärger über sich selbst, wenn man sieht, welche Entwicklung die Kurse an den Märkten genommen haben.

In den vergangenen zwölf Monaten sind beispielsweise der Dax um 32 Prozent, der Dow um 16 Prozent und der FTSE 100 um 8,5 Prozent gestiegen. Kaum anders sieht das Bild aus, wenn man die vergangenen drei Jahre seit Ausbruch der Staatsschuldenkrise und der Turbulenzen um den Euro betrachtet. Dow: plus 40 Prozent, Dax: plus 31 Prozent, FTSE 100: plus 17 Prozent. Da hätte man dabei sein können, sollen, müssen, wenn . . .

Das Dilemma der Anleger wird zudem durch eine neue Entwicklung verstärkt: So wie es heute aussieht, haben sich Politik und Notenbanken in den Industrieländern auf unabsehbare Zeit dazu entschlossen, das Staatsschuldenproblem auf eine Weise zu entschärfen, die mit dem Fachbegriff „finanzielle Repression“ umschrieben wird. Das bedeutet im Kern, dass die Notenbanken die Zinsen so niedrig halten, dass die Inflationsrate höher ist, als der Zins, den die Staaten für ihre Schulden zahlen müssen.

Auf diesem Wege entwertet sich – in realer Rechnung - die Staatsschuld automatisch, womit das Staatsschuldenproblem auf längere Sicht ebenso automatisch gelöst wird. Das ist gut für den Staat, aber schlecht für die Anleger, es ist faktisch eine kalte Enteignung der Sparer. Relativ risikoarme Anlagen, etwa deutsche Staatsanleihen oder Geldmarktanlagen, bringen eine Rendite, mit der man nach einem Jahr – wieder real gerechnet – ärmer ist als zwölf Monate zuvor.

Kommentare (12)

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Einanderer

11.09.2012, 14:10 Uhr

Die Wertspeicherfunktion des Geldes ist mit 0 % Realzins perfekt erfüllt, ein leichter Wertverlust ist noch kein großer Fehler -- ein risikoloser Gewinn dagegen unrealistisch. Wer meint, das Ausbleiben eines risikolosen Gewinns sei eine finanzielle Repression, der ist einer Verschwörungstheorie aufgesessen.

otternase

11.09.2012, 14:45 Uhr

"Diese finanzielle Repression ist eine traumatische Situation für Anleger."

Endlich weiss ich, warum ich so schlecht träume. Danke, Herr Walter, Sie sind ein Heiler.

Mal im Ernst. Eine traumatische Situation entstünde, wenn die EZB nichts machen, und der Zinswahnsinn der letzten Monate weiter getrieben würde.

Es wäre gut, wenn damit wieder Normalität einkehrt. Die hohen Zinsen hatten nichts mit den realen Risiken zu tun, sondern waren von surealer Angst - und von extrem spekulativen Anlegern - getrieben.

Die größten Zocker sind mit ihren Wetten gegen den Euro schon mal vorsichtig geworden. Eine gute, richtige Entwicklung.

Rechner

11.09.2012, 15:09 Uhr

Die kalte Enteignung der Sparer?

Eine Enteignung ist ein Zwangseingriff, eine "kalte Enteignung" wäre der Fall wenn die Inflationsrate nachhaltig steigen würde.

Davon ist aber nichts zu sehen - in Deutschland lag die Geldentwertungsrate im August bei 2%.

Die in Deutschland und anderswo niedrigen Zinsen für gute Schuldner ist dem im Vergleich zum Anlagebedarf niedrigen Angebot an solchen Schuldnern zu verdanken.

Wer die Zinssätze da - verständlicherweise - zu niedrig findet, der muß eben auf riskantere Anlagen in der Knoblauchzone oder auf explizite Risikoanlagen wie Aktien zurückgreifen.

Der einzige in diesem Zusammenhang erkennbare Fall von Repression - finanzieller oder sonstiger Art - liegt in der gesetzlichen Beschränkung von Versicherungsträgern auf "mündelsichere" Anlagen. Diese Beschränkung sollte deutlich gelockert werden, um nicht die Inhaber von Lebensversicherungen weiterhin zwangsweise zur kostenlosen Finanzierung der öffentlichen Haushalte heranzuziehen.

Eine "kalte Enteignung der Sparer" liegt jedenfalls nicht vor - wer die Zinsen für Sparbüchern, Tagesgeld oder Bundesanleihen zu niedrig findet kann andere Anlageformen wählen.

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