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27.11.2012

12:28 Uhr

Walter direkt

Die Mär von der Kannibalisierung

VonHerbert Walter

Unternehmen, die das Zusammenwachsen von realer und digitaler Welt ignorieren, werden zu den Verlierern gehören. Jetzt trifft es Printmedien, aber schon bald werden viele Bankfilialen vor gewaltigen Problemen stehen.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Wenn ein Produkt eines Unternehmens am Markt nicht so läuft wie gewünscht, dann gibt es unter Managern eine viel genutzte Ausrede: Der Kunde habe das Produkt nicht so angenommen, wie es zu erwarten war. Trotz aller Marktforschung werde der Kunde leider immer unergründlicher und rätselhafter.

Damit ist dann das Ende des Produkts besiegelt, es verschwindet vom Markt. So geschieht es augenblicklich bei der Financial Times Deutschland und der Frankfurter Rundschau, so erging es vielen Reisebüros und Buchhändlern und so droht es Bankfilialen in den Industrieländern.

Auch die Ursache des Übels ist von den Gescheiterten schnell ausgemacht: Die unerbittliche Konkurrenz durch die Entwicklungen im Internet. Die würden genutzt von knauserigen Konsumenten, die nur auf den billigsten Preis schauen und schlimmer noch, sich vorher in den Filialen beraten lassen und dann Online ordern.

Für diesen Kampf zwischen realer und virtueller Einkaufswelt haben die Manager der realen Welt auch rasch einen anstößigen Begriff gefunden: Kannibalisierung. Dieses Wort war das Totschlagargument gegen Versuche, dem Kunden beide Welten gleichzeitig zugänglich zu machen. Welcher Vorstandschef will schon, dass in seinem Unternehmen die Onliner dem angestammten stationären Geschäft Kunden abjagen und das wahrscheinlich auch noch zu Lasten der Gewinnmargen?

Also blieb alles schön sauber getrennt und die Manager der realen Welt durften weiterhin ihre Nase hoch tragen, weil sie ja ordentlich Geld verdienten und die Onliner nur ein teurer Kostenblock waren.

Wenn sie sich schon nicht selbst um die Bedürfnisse ihrer Kunden kümmern wollten, hätten sich diese Manager wenigstens intensiver mit den vielen Studien über das Kundenverhalten befassen sollen, denn historisch gesehen nur einen Wimpernschlag später, begann sich diese Hochnäsigkeit zu rächen. Der Einkauf im Internet hat gewaltig zugenommen, in Deutschland allein in den vergangenen zwölf Monaten um 16 Prozent. Von solchen Wachstumsraten kann das stationäre Geschäft nur träumen. Bei Büchern, Musik, Filmen, Elektronik und Computern ordern Onlinekäufer hierzulande schon mehr über das Internet als in der Filiale und die Zahlen werden weiter spürbar steigen.

In eine ähnliche Richtung geht es bei den Bankkunden. Gut 10 Prozent aller neuen Verträge schließen Kunden mit ihrer Bank jährlich online ab. Bei Standardtransaktionen ist die Onlinequote schon zwei- bis dreimal so hoch, bei anspruchsvolleren Themen liegt sie noch im einstelligen Prozentbereich. Ein Viertel aller Kunden und die Hälfte der Onlinekunden würden das Internet gerne intensiver für Bankgeschäfte nutzen, wenn ihnen ihre Bank dazu eine Chance gäbe. Kein Wunder also, wenn die Kunden von Direktbanken deutlich zufriedener sind als die Filialkunden von Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Großbanken.

Kommentare (7)

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norbert

27.11.2012, 12:44 Uhr

Es sind weniger die Banken, die - wenn sie es für wirtschaftlich erforderlich halten - so einen onlinedienst problemlos einrichten werden.
Es ist eher der Kunde, der Aufgrund seiner Bequemlichkeit einen onlinedienst nutzen möchte.
Mir haben alte Kunden im Geschäft immer vorgejammert, daß sie es so weit zum Kaufmann haben, und altersbedingt jetzt nicht mehr Auto fahren könnten. Das sind die gleichen Kunden, die in den zechzigern in die Supermärkte gelaufen sind, und der Kaufmann um die Ecke mußte schließen. Den vermeintlichen Vorteil des bequemen dürfen sie im Alter nun bezahlen.
Es hat alles Folgen, auch die Geschäftserledigung per Internet.

leserTeil2

27.11.2012, 13:33 Uhr

Die Qualität der Zeitung, insbesondere der Wirtschaftszeitung, hängt maßgeblich vom Wissen und Können der Journalisten ab. Je besser sie sind, je besser sie recherchieren, desto größer ist die Akzeptanz in den Fachkreisen und die Bereitschaft dafür zu bezahlen. Wenn man ihnen etwas vorwerfen kann, ist, was sie geritten hatte, alles auf Online und das auch noch kostenlos umzustellen. Gut, hätten sie die Papierform abgeschafft, aber (fast) alles gleich kostenlos online zu stellen? Wofür? Nur um jeden kleinen Furz auf der Welt gleich veröffentlichen zu können? Dann kann ich auch gleich t-online.de oder ähnliches lesen. Es bleibt dabei leider manchmal etwas auf der Strecke, was die Zeitungen vorher ausgemacht hat, nämlich gute Berichte, die gut recherchiert und ausgearbeitet wurden. Aber das ist auch eher selten der Fall - nur an der Qualität kann es letztendlich nicht liegen. Wenn man Dinge/Artikel legal und offen für alle online stellt, was soll dann passieren? Wer wird sich dann noch ein Abo machen? Das hat nicht mit Geiz-ist-geil Mentalität zu tun, das wäre eher etwas für einen Intelligenztest (wenn mir jemand was kostenlos anbieten, was ich BRAUCHE, dann nehme ich das doch an - auch ohne BWL Studium, oder).

LeserTeil3

27.11.2012, 13:34 Uhr

Wenn ich aber eine gute Zeitung sowie handelsblatt oder ftd lesen will, dann muss ich halt für die Inhalte (und zwar für alle) bezahlen, fertig. Ich kann doch nicht etwas kostenlos und legal online stellen und dann erwarten, dass jemand dann dafür noch bezahlt. Ich müsste dann schon genug Einnahmen aus der Werbung reinholen, damit sich das überhaupt noch rechnet. Hat es aber nicht, sonst gäbe es die Zeitungen noch im nächsten Jahr. Bei dieser Strategie, gleich alles Online zu veröffentlichen und zu warten, wer bereit ist zu bezahlen, dann kannst du den Verlag gleich in einen Verein umwandeln und von Spendengeldern leben. Das ist meine Meinung, aber ich bin auch nicht aus der Verlagsbranche und möchte mir auch nicht anmassen, irgenwelche Belehrungen zu machen. Irgendwie machen das ja alle, also muss da ja ein Sinn dahinter stecken. Leider nur das einige richtig gute Zeitungen (wie die ftd) dabei drauf gehen müssen:-(

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