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25.06.2013

11:03 Uhr

Walter direkt

Doppelter Donnerschlag

VonHerbert Walter

Die USA und China kündigen das baldige Ende der Politik des ultrabilligen Geldes an und stürzen damit die Märkte in Turbulenzen. Die Koinzidenz mag unglücklich sein, aber ein Rückzieher hätte noch viel schlimmere Folgen.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Wer denn noch nach Beweisen dafür suchte, ob Notenbanker mit  einer simplen Bemerkung auch wirklich gewaltige Schockwellen an den Finanzmärkten auslösen können, der wurde in diesen Tagen fündig.

Vor einer Woche kündigte Ben Bernanke , der Chef der US-Notenbank, an, dass die Fed aufhören werde, monatlich für 85 Milliarden US-Dollar Staats- und Hypothekenanleihen zu kaufen. Damit läutete er unzweifelhaft die Endphase der Politik des reichlichen und billigen Geldes ein. Kaum gesagt, stürzten Aktien- und Anleihekurse in den Keller, prompt gefolgt vom Goldpreis. Panikartig wurde Kapital aus Schwellenländern zurückgeholt, das doch zuvor so hoffnungsfroh dorthin geflossen war. Auch dort das gleiche Bild: Die Börsenkurse brachen ein, die Zinsen kletterten nach oben und die Angst vor einer Kreditklemme breitete sich wie eine Flutwelle aus.

Noch rieben sich Anleger rund um den Globus verwundert die Augen, da teilte die People´s Bank of China (PBOC), die chinesische Zentralbank, an diesem Montag mit, sie werde nicht weiter grenzenlos Bargeld in das Finanzsystem pumpen und sie forderte die Banken des Landes auf, ihre Liquiditätssteuerung zu verbessern – sprich: vorsichtiger und risikobewusster bei der Kreditvergabe zu sein. Kaum gesagt, gingen die Kurse an den asiatischen Börsen in die Knie und urplötzlich schien den chinesischen Bankern und Investoren zu dämmern, dass ja wohl gerade eine Kreditblase geplatzt ist und möglicherweise eine neue Bankenkrise droht.

Dafür spricht zumindest einiges. Seit 2008, dem Jahr der Lehman-Pleite, ist die Verschuldung des privaten Sektors in China um 8,5 Billionen US-Dollar gestiegen oder –  gemessen am Bruttoinlandsprodukt – um sagenhafte 60 Prozentpunkte. Und: Im gleichen Zeitraum ist das Wirtschaftswachstum kontinuierlich geringer geworden. Das heißt nichts anderes, als dass die mit Krediten finanzierten Investitionen nicht die erhoffte Rendite abwarfen. Mit anderen Worten, diese Kredite hatten in Wahrheit ein viel höheres Risiko, als es bei der Vergabe von den Banken angenommen wurde. Dieses Treiben wollte die chinesische Notenbank offensichtlich nicht länger zulassen.

Worüber ich mich allerdings am meisten wundere, das ist die Koinzidenz dieser beiden Ankündigungen. Immerhin geht es da um die beiden größten nationalen Volkswirtschaften auf unserem Globus, die zusammen für mehr als ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung verantwortlich zeichnen. Wenn die beide gleichzeitig auf die geldpolitische Bremse treten oder das auch nur ankündigen, dann wird das ungleich stärkere Auswirkungen auf die weltweite Konjunkturentwicklung  haben.

Es gehört zum allgemeinen Sprachgebrauch der Kommentatoren des Wirtschaftsgeschehens, dass eine strengere Geldpolitik immer zur Unzeit kommt, weil davon stets eine Gefahr für Konjunktur und Wachstum ausgeht. So etwas mag niemand, kein Investor, kein Unternehmer, kein Arbeitnehmer und kein Politiker.

Kommentare (6)

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25.06.2013, 12:11 Uhr

'Wahrscheinlich haben die Notenbanker die Wirkung ihrer Worte unterschätzt, zumal diese ja nicht wirklich neu waren.'

Das denke ich zumindest für den Fall der Fed auch. Bernanke hat nicht mit dermaßen heftigen Reaktionen gerechnet. Ich hoffe, dass ihn sein Tapering Talk nicht den Aufschwung und nennenswert Arbeitsplätze bzw. neue Stellen gekostet hat.

'So heftig die Reaktionen der Märkte jetzt waren, es wäre fatal, wenn Fed und PBOC deswegen von ihrem neuen Kurs abwichen. Bei Bernanke wäre so etwas ja nicht das erste Mal.'

So haben sich die Fed Vertreter eigentlich nicht ausgedrückt. Sie geben deutlich zu verstehen, dass sie in Zukunft flexibel handeln werden. Das kann sogar bedeuten, die Anleihekäufe falls nötig auszuweiten. Die angekündigte Phase lautet nicht 'strikt zurückfahren' sondern 'agiles Vorgehen'.

Sollte sich allerdings herausstellen, dass die Konjunktur an Schwung verloren hat, glaube ich nicht, dass Bernanke seinen Tapering ernsthaft weiter betreiben wird. Andernfalls kann die Fed sich gleich eine Strategie für ein deutlich ausgedehnteres QE4 überlegen. So billig wie mit QE3 kommt die Fed in den nächsten Jahren bei gleicher Wirkung nicht mehr weg;)


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25.06.2013, 13:57 Uhr

Lieber Herr Walter, Ihr Kommentar ist in Ordnung, aber ich habe da Hintergedanken.

Absprache zwischen China und den USA? Niemals, dazu sind die Interessen zu konträr. Also doch Zufall? Auch wieder nicht.

Fangen wir bei den USA (und Bundesgenossen) an. Die Märkte sind hypernervös, weil es weder Vorbilder noch Schablonen für die gegenwärtige Situation gibt. Bernanke sieht bereits das Ende seines Mandats und will sich einen möglichst guten Abgang sichern. Wie Greenspan auch, aber der ist inzwischen in die Kritik geraten. Richtig bremsen kann B. nicht, die Folgen würden ihn gerade beim Abschiedsdinner einholen. Nichts tun ist auch nicht opportun. Er laviert dazwischen. Sie haben recht, er ist selbst überrascht über die heftige Reaktion der Märkte, also rudert er zurück. Wir werden keine nennenswerte Kursänderung des Fed sehen.

Nun China: Die meinen es ernst und treffen die USA genau im Moment der Entscheidungsschwäche. Das Wachstum ist hoch und jetzt durch die Binnennachfrage stabiler denn je, die Staatsschulden sind vernachlässigbar im Gegensatz zu den USA. Das ist der Zeitpunkt, den Hinterhof aufzuräumen, denn das große Ziel ist, den Yuan als Weltwährung zu etablieren, oder zumindest die $-Dominanz zu brechen. Die negativen Begleiterscheinungen sind in einer Kommandowirtschaft beherrschbar. Die Börsenkurse interessieren nur sekundär, das ist ein Problem der $/€-Seite.

Was wir zur Zeit sehen, Präferenz für $/€-Staatsanleihen, Aktien- und Gold-Baisse entspricht der westlichen Gemütslage, ist aber kontraproduktiv und verschärft den exit. Dagegenhalten ist weitsichtiger.

Account gelöscht!

25.06.2013, 14:04 Uhr

Es gibt zum Glück noch Länder wie china und USA, die Politik nach Sachlage machen und nicht, wie die Europäer, angeführt von Deutschland, nach politischer Gutmenschenkorrektness, um ja keiner Wählerin auf die Füße zu treten.

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