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07.02.2012

10:36 Uhr

Walter direkt

Europa darf nicht Japan werden

VonHerbert Walter

Nullzinspolitik, Mini-Wachstum – Japan kann nicht Vorbild für Europa sein. Die europäischen Krisenstaaten brauchen Wachstum. Europa muss es schaffen, dass privates Investitionskapital in die Schuldenstaaten fließt.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Der Leitzins tendiert gegen Null, das nominelle Wirtschaftswachstum liegt im Durchschnitt der vergangenen zwanzig Jahre nur leicht über Null. Nein, das ist kein Rückblick auf die Euro-Zone aus dem Jahr 2032. Das ist die aktuelle Situation Japans und unmittelbare Folge des Platzens der japanischen Immobilienblase Anfang der 90er-Jahre einschließlich des darauf folgenden Deleveragings. Immer mehr Stimmen meinen nun, das kriselnde Europa ebenso wie die USA hätten den japanischen Weg mit zwei verlorenen Dekaden noch vor sich: jahrelanger Schuldenabbau, chronisch deflationäre Tendenzen und ein Wirtschaftswachstum, das nur wenig über die Nulllinie hinauskommt.

Der Chef der japanischen Notenbank, Masaaki Shirakawa, versuchte kürzlich in einem Vortrag in London, den Europäern die Angst vor solch einem Szenario zu nehmen. Japan komme damit gut zurecht, und er empfahl der Euro-Zone, sich für den japanischen Weg zu interessieren. Auch die Euro-Zone könne die Krise so überwinden und wieder zurück in ein ruhigeres Fahrwasser gelangen.

Ich halte das für keine gute Idee. Auch wenn die Rückführung der hohen Schulden ohne Zweifel wirtschaftlichen Schwung kosten wird, für Europa wäre dies ein Holzweg. Das ist allein schon deshalb so, weil die Rahmenbedingungen in Japan ganz anders sind als in der Euro-Zone. Darüber darf man sich trotz vieler Gemeinsamkeiten in den bisherigen Krisenverläufen beider Regionen nicht täuschen lassen.

Die wichtigste Gemeinsamkeit ist aus meiner Sicht die Geldpolitik der japanischen Notenbank und der Europäischen Zentralbank (EZB). Beide sorgen mit einer Niedrigzinspolitik und einer nahezu grenzenlosen Liquiditätspolitik dafür, dass in Japan der Staat und in Europa die überschuldeten Euro-Staaten, insbesondere Italien und Spanien, ihre Staatsschulden zu verkraftbaren Konditionen platzieren können.

So kaufen beispielsweise italienische Banken italienische Staatsanleihen für zurzeit rund vier Prozent und sie refinanzieren sich bei der EZB mit einem Prozent. Dafür hinterlegen sie einfach die Staatsanleihen als Sicherheit bei der EZB und machen damit ein glänzendes Geschäft. Rund 300 Basispunkte sind eine Marge, von der auch die italienischen Banken im Großkreditgeschäft nur träumen können. In diesem Sinne wirken die mittelfristigen Liquiditätshilfen der EZB wie eine Mixtur aus Banken-Rekapitalisierung durch unerwartete Zusatzgewinne, quantitativer Lockerung im japanischen und angelsächsischen Stil sowie vorweggenommenen Euro-Bonds.

Kommentare (7)

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Banksterlevitenleser

07.02.2012, 11:00 Uhr

Ein Banker. Soso... Privates Kapital in die PIGS? Wovon träumt er denn nachts?

Bella_Eurotika

07.02.2012, 11:04 Uhr

Italien ist viel reicher als Deutschland! Pro Kopf gibt es in Italien dramatische Ersparnisse - bald doppelt so viel wie in Deutschland. Und wir sollen die Italiener "retten"?
Die Italiener sind nicht dumm. Vorweggezogene Eurobonds durch die EZB - Monti wird die Italiener schützen auf Kosten der Deutschen.
Aber denkt dran: Die Deutschen haben am meisten vom Euro gehabt. Gemeint ist der Anteil am gemeinsamen Schuldenkuchen.
Widerlich ist das Lügen und Tricksen der eigenen Regierung. Die verkaufen das Volk für blöd und ergeifern sich an diesem "politischen Projekt". Andere Regierungen würden das ihrem Volk niemals antun, was die deutschen Politiker mit ihrer Bevölkerung machen. Nicht besser als die Nazis und die Betonsozialisten im Osten.

Account gelöscht!

07.02.2012, 11:43 Uhr

"Europa muss es schaffen, dass privates Investitionskapital in die überschuldeten Länder fließt und auf diesem Wege die heimische Industrie wieder wettbewerbsfähig wird." Satire? Zynismus? Oder einfach nur stumpfes Wunschdenken? Europa in seiner gegenwärtigen Verfassung und Verfasstheit schafft nicht mal die - zurückhaltend - als nicht aureichend kritisierten Reförmchen. Stattdessen Symbolpolitik, Durchhalteparolen und immer neue Vertragswerke, Beschwörungen und Pakte, an die sich dann wieder niemand hält. Dieses Europa wird den Weg der UdSSR und Jugoslawiens gehen: Stümperhaft zusammengepresst, was nicht zusammenpasst, der Untergang ist sicher. Möge er schnell kommen, damit wir uns ans Wegräumen der Trümmer machen können - alles andere ist Verschwendung von Zeit und Geld.

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