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04.09.2012

22:57 Uhr

Walter Direkt

Gegen Nahrungsknappheit ist die Euro-Krise ein Klacks

VonHerbert Walter

Die Spekulation mit Agrarrohstoffen hat erschreckende Ausmaße angenommen. Das ist ethisch fragwürdig. Agrarinvestments dürfen nicht zu steigenden Preisen, sondern müssen zu einem höheren Nahrungsangebot führen.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Steigende Nahrungsmittelpreise sind ein gewaltiges, globales Problem, das direkt die Gesundheit von Millionen Menschen bedroht. Erst vor wenigen Tagen warnte Weltbank-Präsident Jim Yong Kim vor „brutal gestiegenen Preisen“ für Mais und Soja, die sich allein in den Monaten Juni und Juli um 25 und 17 Prozent erhöht hätten. Der Grund für diese Teuerung sind laut Weltbank extreme Dürren in den USA und in Osteuropa.

Das ist nun schon die dritte Preisexplosion bei Grundnahrungsmitteln innerhalb von nur fünf Jahren. Für die vorhergehenden in den Jahren 2008 und 2010/11 wurden vor allem zwei Entwicklungen verantwortlich gemacht: die stark zunehmende Produktion von Treibstoffen aus Agrarrohstoffen und die ebenso rasch wachsende Spekulation mit Agrarrohstoffen. Hunderte Milliarden Dollar werden inzwischen von Anlegern in Derivate, in Indexfonds oder Terminkontrakte für Agrarrohstoffe investiert. Nur ein sehr kleiner Bruchteil davon dient der Absicherung des Geschäfts von Produzenten und Agrarhändlern. An der Chicagoer Terminbörse machen diese Absicherungsgeschäfte etwa bei Weizen nur knapp zwei Prozent des gesamten Futures-Volumens aus, der überwältigende Rest ist reine Spekulation.

Wer diese Relationen kennt, darf sich wirklich nicht wundern, dass die Spekulation mit Agrarrohstoffen weltweit in die Kritik geraten ist. In den USA gibt es inzwischen Initiativen, die Nahrungsmittel-Spekulation zu kriminalisieren. Die Finanzindustrie wäre also gut beraten, es nicht zum nächsten Reputationsschaden kommen zu lassen und es ist gut, dass einige Finanzdienstleister in Deutschland inzwischen Konsequenzen aus diesen Diskussionen gezogen haben.

Für manche von uns scheinen all diese Probleme weit weg zu sein, aber tatsächlich sind Nahrungsmittelknappheit und steigende Preise wahrscheinlich die größte Bedrohung für ein friedliches Zusammenleben der Menschen auf unserem Planeten. Dagegen ist die uns so heftig beschäftigende Eurokrise ein Klacks.

Jeden Tag wächst der Zahl der Menschen auf der Erde um rund 220 000. In nur einem Jahr sind das mehr als 80 Millionen Menschen, etwa so viele wie in Deutschland leben. Jeden Tag gehen rund 30 000 Hektar Agrarflächen durch Erosion, Überweidung, Naturkatastrophen oder auf andere Weise verloren. Das sind fast 110 000 Quadratkilometer jährlich oder etwas mehr als Bayern und Baden-Württemberg zusammen.

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

04.09.2012, 23:06 Uhr

Spekulationen und Finanzkrimskrams auf Nahrungsmittel oder Rohstoffe gehört schlicht verboten. Punkt!

FoCS

04.09.2012, 23:31 Uhr

Zitat: "Jeden Tag wächst der Zahl der Menschen auf der Erde um rund 220 000. In nur einem Jahr sind das mehr als 80 Millionen Menschen, etwa so viele wie in Deutschland leben. Jeden Tag gehen rund 30 000 Hektar Agrarflächen durch Erosion, Überweidung, Naturkatastrophen oder auf andere Weise verloren."

Da ist (auch) ein Übel, das an der Wurzel gepackt werden müsste.

MikeM

05.09.2012, 00:17 Uhr

Hier, im Umkreis Münchens, gibt es fast keine Wiesen mehr. Nur Mais, Getreide, Raps. Es wird viel mehr produziert denn je. Wo kommt das Zeug hin?! In den Tank. Solange wir mehr und mehr Nahrungsmittel als Brennstoffe verheizen kann das PRoblem doch nicht so schlimm sein. Ein Verbot von Spekulationen (was wünschenswert ist), wird die Not nicht lindern. Die Grünen sollten schnell umdenken.

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