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08.11.2011

09:20 Uhr

Walter direkt

Heer der Angsthasen

VonHerbert Walter

Die Deutschen scheuen das Risiko – mehr als die Bürger in allen anderen Industriestaaten.

Die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland hat unbestreitbar der jetzt lebenden Generation einen Freiheitsspielraum gebracht, der deutlich größer ist als der jeder vorherigen Generation. Doch diese Freiheit scheint von den meisten Bundesbürgern nicht als Segen und Chance, sondern eher als eine Belastung durch persönlichen Entscheidungsdruck und zunehmende Unsicherheit empfunden zu werden.

Das belegen verschiedene Untersuchungen. Die Allianz zum Beispiel hat einen globalen Index der Risikobereitschaft entwickelt. Auf der Länderrangliste über die durchschnittliche Risikoneigung in den vergangenen 15 Jahren nimmt Deutschland den letzten Platz ein. In keinem der untersuchten 18 Staaten ist die Risikoaversion der Anleger und Investoren so hoch wie in Deutschland.

Ein ganz ähnliches Bild zeichnet eine aktuelle Allensbach-Umfrage im Auftrag der Postbank zum Thema Altersvorsorge. Fast jeder zweite Bundesbürger hat Angst, dass die hohe Staatsverschuldung seine gesetzliche Rente schmälern wird. Gleichzeitig hat aber wegen der aktuellen Krise jeder fünfte seine bestehenden Altersvorsorge-Verträge gekündigt oder reduziert, weil ja doch nichts mehr sicher ist.

Natürlich gehört zur gesellschaftlichen Freiheit auch das Recht, im Hier und Jetzt zu leben und sich um die Zukunft einen Teufel zu scheren. Wenn aber eine Art kollektiver Zukunftsangst das Motiv für solches Handeln ist, sieht die Sache anders aus. Denn dann geht es um ein sehr ernstes gesellschaftliches Problem, das nicht nur die Zukunft einzelner Menschen, sondern die unseres Landes gefährdet.

Auch wenn es derzeit sehr unpopulär ist, über mehr Risikobereitschaft zu reden, die Folgen einer insgesamt risikoaversen Gesellschaft sind absehbar. Unsere Wirtschaft lebt davon, dass Unternehmen Risiken eingehen, also investieren, um Marktchancen wahrzunehmen. Wo sollen die Unternehmer herkommen, wenn niemand Risiken eingehen will? Unsere Gesellschaft lebt davon, dass weit in die Zukunft reichende politische Entscheidungen getroffen werden, zum Beispiel bei Energie-, Umwelt- und Verkehrsinfrastrukturfragen. Wer trifft diese Entscheidungen, wenn niemand da ist, der das gesellschaftliche Risiko solcher Zukunftsfragen auf sich nimmt?  Und: Welcher gewählte Politiker macht das schon, wenn das Heer der Angsthasen lieber populistische Zugeständnisse als Gestaltung der Zukunft erwartet?

Es ist wirklich bemerkenswert, dass insbesondere die jungen Menschen etwa in Frankreich viel mehr Vertrauen in die Zukunft ihres Landes haben als ihre Altersgenossen in Deutschland.  Trotz der gigantischen Katastrophen in Japan blicken die Menschen dort zuversichtlicher voraus und sind viel mehr bereit als wir, Risiken einzugehen.

Wenn sich die Risikoscheu bei uns nicht ändert, werden wir nicht nur eine immer älter werdende Gesellschaft, sondern auch eine immer ärmere mit immer größer werdenden Schwierigkeiten unseres Sozialstaats.

Im jüngsten Koalitionsvertrag von Union und FDP steht ein sehr schönes Versprechen: „Wir stellen den Mut zur Zukunft der Verzagtheit entgegen.“ Genau das ist es. Jetzt müssen wir nur darangehen, dieses Versprechen einzulösen. Wir, das sind die Politik, die Wirtschaft, aber das ist auch jeder Einzelne von uns.

Herbert Walter, geboren 1953 in Prien am Chiemsee, führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank. Seine Karriere startete er nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre in München bei der der Deutschen Bank.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

08.11.2011, 18:51 Uhr

"Gleichzeitig hat aber wegen der aktuellen Krise jeder fünfte seine bestehenden Altersvorsorge-Verträge gekündigt oder reduziert, weil ja doch nichts mehr sicher ist."

Auch ich habe eine meiner bestehenden privaten Rentenversicherungen gekündigt. Allerdings nicht aus Zukunftsangst, sondern aus einem ganz simplen Grund:

Für eine Zahnsanierung darf ich an meinen Zahnarzt 7000 EUR überweisen. Von dieser Summe übernimmt die Krankenkasse 1000 EUR. Bei einem Monatsbeitrag zur Krankenkasse von rd. 700 EUR (AG+AN-Beitrag) eine gigantische Beteiligung, oder?

Da unsere Arbeitgeber in den letzten 15 Jahren ebenfalls so generös mit Gehaltserhöhungen umgegangen sind, habe ich dieses Geld natürlich nicht "auf der hohen Kante", denn als "Mit-Vierziger" wurde mir ja schon vor Jahren gesagt, dass ich privat fürs Alter vorsorgen muss. Woher nehmen und nicht stehlen?

Aber solche einfachen wirtschaftlichen Zusammenhänge kann Herr Walter mit seinen früheren Bezügen sicher nicht nachvollziehen.

Account gelöscht!

08.11.2011, 21:16 Uhr

Kann die Argumente nachvollziehen. Aber: Viele werden in den letzten Jahren mit ihrer Vorsicht gut gefahren sein. Oder, Herr Walter ?

schnitzelfuss

09.11.2011, 09:45 Uhr

Schöner Kommentar im Auftrag der Banken und Versicherer. Es gehört Mut dazu die ach so sichere private Altersvorsorge zu kündigen, insbesondere die mit nachgelagerter Besteuerung. Alle unter 50 werden hier noch eine Währungsreform miterleben, da sich das jetzige Papiergeldsystem in der finalen Phase befindet. Dazu muss man kein Angsthase sein, dazu reícht gesunder Menschenverstand. Die Altersvorsorge ist vorher dann weginflationiert worden. Besser umschichten. Richtig ist allerdings die Phobie der öffentlichen Meinungsmacher und Medien (nicht Bürger), die Ängste bewusst schüren gegen Atomkraft etc. um den Bürger von den eigentlichen Problemen abzulenken. Die Medien, nicht die deutschen Bürger, springen als erste aus dem Fenster wenn etwas unvorhergesehenes in der Welt passiert und mobilisieren damit das ideen- und kompetenzlose ZK in Berlin.

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