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28.02.2012

09:28 Uhr

Walter direkt

Kratzer am Renommee

VonHerbert Walter

Die unkonventionelle Krisenpolitik der Europäischen Zentralbank ist eine gigantische  Umverteilungsaktion zu Lasten der Sparer und zu Gunsten der Schuldner. Das provoziert immer stärkere Kritik.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Morgen ist wieder Weihnachten für die Banken. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird wie schon im Dezember wegen der immer noch „signifikanten Abwärtsrisiken“ die Banken überaus großzügig und fast geschenkt mit Liquidität vollpumpen. Gut möglich, dass das neue Refinanzierungsgeschäft über drei Jahre bis zu einer Billion Euro ausmachen wird. Das ist eine Zahl mit zwölf Nullen dahinter und damit können die Banken schon etwas anfangen – zum Beispiel besser verzinste Staatsanleihen kaufen.

Wie schon beim letzten Mal wird es für diese Aktion Beifall geben – von den so gut bedachten Kreditinstituten, von den britischen und amerikanischen Notenbankkollegen und sicherlich auch von den Regierungschefs der überschuldeten Euro-Länder. Aber auch die Kritiker werden nicht verstummen, die in diesem Geschäft eher eine fiskalpolitische Gefälligkeit für klamme Euro-Länder als eine geldpolitische Notwendigkeit für die Euro-Zone sehen.

Geldpolitische Entscheidungen einer Notenbank sind – wie alle anderen politischen Entscheidungen auch - nie logisch widerspruchsfrei und nie alternativlos. Sie gestalten unser öffentliches Leben, das man – je nach politischem Geschmack – ja mit anderen Zielen und anderen Maßnahmen auch anders gestalten könnte. Der Rat von Wissenschaftlern und einigen anderen Notenbankkollegen, die EZB solle doch für eine gewisse Zeit eine etwas höhere Inflationsrate hinnehmen, macht das deutlich.

Im Gegensatz zur Politik gelang es der Bundesbank und auch der EZB  jedoch,  zu den glaubwürdigsten öffentlichen Institutionen zu gehören.  Gerade deren Präsidenten  hatten einen Ruf wie Donnerhall, was man von den Regierungschefs nicht gerade sagen kann. Sie sind die Hüter unserer Währung(en) und mit ihrem Anspruch, für die Stabilität unseres Geldes zu sorgen,  für uns so etwas wie eine Lebensversicherung gegen den finanziellen Werteverfall.

Seit einiger Zeit aber nehmen die kritischen Stimmen zur Politik der EZB beträchtlich zu. Könnte es sein, dass die EZB mit ihrer aktuellen Krisenpolitik auch ihre Reputation aufs Spiel setzt? Dafür spricht aus meiner Sicht einiges, denn die gegenüber normalen Zeiten unkonventionelle Geldpolitik der EZB ist nicht frei von beträchtlichen Nebenwirkungen. Die teilt nämlich Menschen, Institutionen und Unternehmen in der Euro-Zone in solche, die unter den Nebenwirkungen leiden und in solche, die davon profitieren. Diese von den Verlieren als ungerecht empfundene Politik erhöht nahezu zwangsläufig die Zahl der Kritiker.

Beispiel Euro-Bonds: Zwar haben sich die EU-Regierungschefs gegen Euro-Bonds ausgesprochen, aber durch die Hintertür namens EZB-Politik gibt es sie faktisch doch. Für deutlich mehr als 200 Milliarden Euro hat die EZB Staatsanleihen der überschuldeten Euro-Länder am Sekundärmarkt aufgekauft. Dadurch wurden die Kurse italienischer, spanischer, portugiesischer  und griechischer Staatsanleihen deutlich stabilisiert und diese Länder konnten sich am Markt zu günstigeren Zinsen refinanzieren als ohne „Marktpflege“ der EZB.  Da die EZB allen Euro-Ländern gehört, tragen diese nun das Risiko für die bei der EZB gebunkerten Anleihen. Letztendlich ist das kein anderes Risiko als bei der Ausgabe von Euro-Bonds - sicherlich zur Freude der Schuldnerländer, weniger zu der der Gläubigerstaaten.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

29.02.2012, 01:55 Uhr

"Könnte es sein, dass die EZB mit ihrer aktuellen Krisenpolitik auch ihre Reputation aufs Spiel setzt?"

Trichet hatt sich zumindest noch bemüht den Laden zusammen zu halten, was sichtlich an seinen Nerven zerrte. Aber nach den ersten Monaten Mario Drucki fragt man sich nur noch: Welche Reputation? Er betreibt eine offene Inflationspolitik. Dass er zunächst nur Bankbilanzen mit ungedecktem Geld aufbläst und das Geld angeblich nicht Gefahr läuft in der Realwirtschaft anzukommen und auch die Brotpreise aufzublasen, ist eine Milchmädchenrechnung. Denn wenn die Zombi-Banken deren Wirtschaftlichkeit nur durch leistungsgedecktes aber nicht durch leistungsloses Falschgeld dauerhaft stabilisiert werden könnte, wieder mal gerettet werden müssen, weil diese oder eine der vielen anderen Blasen (Immobilien, Staatsschulden, Derivate usw.) platzt, wird auch diese Inflation spürbar.

Beim letzten mal war es nur die FED und die von ihr induzierte Immo-Blase, die zum Lehman-Crash und Kammerflimmern des Weltfinanzsystems führten. Wenn die FED-, EZB- (und evtl. China-Volksbank) Blasen nun koordiniert platzen, wird Lehman, wie ein lächerliches Vorspiel erscheinen.

Aber ich will unsere Schneballsystemgläubigen nicht mit "Schwarzseherei" nerven. Deshalb: Alles wird gut ;-) !

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