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01.11.2011

11:26 Uhr

Walter direkt

Moral von unten

VonHerbert Walter

Vor dem Hintergrund einer Studie erscheinen die aktuellen Proteste der überwiegend jungen Menschen in den europäischen Großstädten in einem neuen Licht. „Occupy Wall Street“ belegt eine Vertrauenskrise der großen gesellschaftlichen Instanzen.

Eine jetzt veröffentliche repräsentative Studie über die Moral in Deutschland zeichnet ein erstaunliches Bild: Wenn man unter dem Begriff „Moral“ Werte wie zum Beispiel Ehrlichkeit, Verantwortung, Solidarität, Rücksichtnahme, Fairness und Gerechtigkeit versteht, sind fast alle Bundesbürger einer Meinung – eine solche Moral sei für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenleben von zentraler Bedeutung, heißt es in der Studie.

Dann aber kommt der Hammer. Weder die Politik, noch die Wirtschaft, ja nicht einmal die Kirche vermitteln in den Augen der Bundesbürger eine solche Moral, oder werden derartigen moralischen Anforderungen gerecht. Gerade sechs Prozent der Deutschen trauen das der Politik zu, die Wirtschaft kommt auf den gleichen Prozentsatz und die Kirchen schneiden mit elf Prozent Zustimmung auch nicht viel besser ab. Alle drei bewegen sich damit auf dem Niveau sozialer Netzwerke wie Facebook.

Vor dem Hintergrund dieser Studie erscheinen die aktuellen Proteste der überwiegend jungen Menschen in den europäischen Großstädten in einem neuen Licht.  Wogegen oder wofür sie im Einzelfall auch sein mögen - das allgemeine Bild ist schon sehr heterogen -, ein moralischer Anspruch ist in den Kernbotschaften deutlich zu erkennen, ebenso wie tiefes Misstrauen gegen die etablierten Institutionen. „Occupy Wall Street“ und andere Protestaktionen sind also auch ein Appell, mit dem ein stärkeres moralisches Verhalten, vielleicht auch eine „basisdemokratische Moral“ eingefordert werden soll.

Das aber bedeutet zugleich, dass diese Menschen nach einer neuen Instanz suchen, die dafür sorgt, den aus ihren Augen verloren gegangenen Werten wieder mehr Gültigkeit zu geben.

Alle Erfahrung zeigt, dass eine solche gesellschaftliche „Lücke“ irgendwann besetzt wird. Genau auf diesem Weg haben beispielsweise „Die Grünen“ ihren Weg in die Politik gefunden. Wer oder was das sein wird, kann aber der Politik, schon gar nicht der Kirche und auch nicht der Wirtschaft egal sein. Damit würden unweigerlich neue Machtfragen aufkommen, die auch eine Radikalisierung der Gesellschaften zur Folge haben können.

Daraus folgt zweierlei: Erstens, die Proteste sind eine ernstzunehmende Gesellschaftskritik. Zweitens, Politik, Kirche und Wirtschaft müssen das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen, wenn sie künftig als gesellschaftliche Autoritäten mit einem spürbaren orientierenden Einfluss wahrgenommen werden wollen.

Das aber bedeutet mehr als immer nur neue, von oben verordnete Regulierungen, Gesetze und Codices zu schaffen. Denn diese Instrumente zwingen die Menschen zu einem bestimmten Verhalten, was aber mit Moral nichts zu tun hat. Moral ist eine verinnerlichte Haltung, die aus persönlicher Einsicht gewonnen wird und die gerade nicht alles erlaubt, was durch ein Regelwerk  nicht ausdrücklich verboten ist. Die Studie zeigt das ganz deutlich: Wichtig ist den jungen Menschen, dass Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Solidarität und Fairness von den Instanzen und den Bürgern auch wirklich gelebt werden.

Herbert Walter, geboren 1953 in Prien am Chiemsee, führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank. Seine Karriere startete er nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre in München bei der der Deutschen Bank.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Kommentare (3)

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Logo23

01.11.2011, 19:00 Uhr

Moral ist eine verinnerlichte Haltung, die aus persönlicher Einsicht gewonnen wird und die gerade nicht alles erlaubt, was durch ein Regelwerk nicht ausdrücklich verboten ist.

Es wäre schön, wenn diese Erkenntnis sich in den Vorständen der Banken und Versicherungen sowie unter Investmentbankern und Hedge-Fonds herumsprechen würde.

Sie müssen die Occupy-Kritik nicht auf alle gesellschaftlichen Institutionen verteilen, um die Banken davon zu entlasten. Es wird hier schon die katastrophale Machtzusammenballung und der Machtmißbrauch der Banken zum Ziel der Proteste.

Account gelöscht!

03.11.2011, 13:37 Uhr

Vor allem für Banken & Politik ist Vertrauen essentiell und die Grundlage für das Geschäft. Ohne Vertrauen von Seiten der Kunden/Wähler werden beide Seiten noch weiter abstürzen, als Sie es ohnehin schon sind. Moral ist eine vertrauensschaffende Haltung und ist,besonders heutzutage, sehr wichtig. Deswegen müssen Banken & Politik, anstatt Moral vorzugaukeln, wieder zu ihren Wurzeln zurückkehren und Moral in ihr Geschäft einbauen.

Goldmund

03.11.2011, 16:30 Uhr

Ich kann Ihre Kommentare nur bestaetigen. Ich habe 20 Jahre in einer Bank (nur Privatkunden) gearbeitet. In den Anfangsjahren gab es noch so etwas wie Moral, Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit. Diese Werte wurden in den folgenden Jahren mit Fuessen getreten. Angefangen hat es so um das Jahr 2000 mit dem Einzug von Unternehmensberatungen, neuer Vorstand, neue Unternehmensberatung (insgesamt 4 x in 10 Jahren). Nur noch Geschwaetz und schoene Bilder, Fuehrungsgrundsaetze, Mitarbeitergrundsaetze ect.. Alles nur bla, bla, bla. Die Mitarbeiter haben anfangs gar nicht gemerkt, dass sie mehr und mehr wie Fussabtreter behandelt werden. Die in meinen Augen bezeichnende Aussage eines Vorstandes sagt alles: Das machen wir einfach so. Wo kein Klaeger, da kein Richter! Das sagt doch alles, oder!

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