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22.11.2011

09:35 Uhr

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Bis vor kurzem galten Staatsanleihen der Industrieländer als absolut sichere Anlage; sie bekamen die bestmögliche Bewertung von den Rating-Agenturen, den begehrten Triple-A-Status und in den Augen der Investoren waren sie der Inbegriff der so genannten risikolosen Anlage. Deshalb kauften konservative Rentenfondsmanager diese Papiere gern, denn wenn sie Ausfallrisiken tolerierten, riskierten sie auch ihren Job.

Jetzt müssen wir eingestehen, dass die aktuelle Schuldenkrise eine Zeitenwende markiert. Jahrzehntelang haben Investoren trotz permanent steigender Staatsschulden der Sicherheit und Liquidität der Staatsanleihen vertraut. Die Krise zeigt, dass dieses Vertrauen nicht gerechtfertigt war.

Staatsanleihen sind nicht sicher, wie das Beispiel Griechenland zeigt. Schon gar nicht sind sie - unabhängig von der Marktsituation - jederzeit liquide, wie die gewaltige Menge an italienischen, spanischen und anderen Staatsanleihen der Euroländer auf den Konten der Europäischen Zentralbank beweist. Die hat die EZB für rund 200 Milliarden Euro nämlich nur gekauft, weil niemand anderes sie kaufen wollte.

Man kann es drehen und wenden wie man will, das schöne Attribut „risikofrei“ wird für die Schuldtitel der Industriestaaten nicht wieder zu einer Selbstverständlichkeit, sondern viel mehr zu einem Wunschbild.

Die Neubewertung der Qualität der Staatsschulden durch die Ratingagenturen kann durchaus als eine Parallele zur Entwicklung der Bonität der Kreditinstitute gesehen werden. Noch vor gut zwanzig Jahren schmückten sich die großen internationalen Geschäftsbanken mit dem Triple A . Heute gibt es das fast nicht mehr. Wahrscheinlich wird das Triple-A für all diese Häuser auf ewig ein Traum bleiben.

Dafür spricht auch eine simple Erfahrung aus den vergangenen fünfzig Jahren. Berechnungen der Rating-Agenturen zeigen, dass – alles in allem - die Wahrscheinlichkeit, eine Bonitätsstufe zu verlieren, etwa zehnmal größer ist, als die, sich um eine Bonitätsstufe zu verbessern. Bei den Ratings ist es also in etwa so wie beim Boxen. Werden Champions besiegt, heißt es „they never come back“- sie kehren nie an die Spitze zurück.

Ein Blick auf die langfristige Entwicklung der Bonitätsbewertung der OECD-Länder scheint diesen Spruch zu bestätigen. In den sechziger Jahren besaßen die 20 Gründungsmitglieder der OECD bis auf wenige Ausnahmen das beste Rating. Heute, bei einem auf 34 Länder erweiterten Mitgliederkreis, haben nur noch elf Staaten die höchste Bonitätsstufe, und einige von ihnen sind zudem arge Wackelkandidaten.  Das heißt, der langfristige Trend der Rating-Anpassungen nach unten wird sich bei Staatspapieren aller Wahrscheinlichkeit nach fortsetzen.

Wer dabei berücksichtigt, dass allein auf Grund der immer älter werdenden Bevölkerung  in den Industrieländern die Anforderungen an die Sozialetats gewaltig ansteigen werden, sieht kaum noch einen Silberstreif am Horizont. Wie soll diese Herausforderung ohne erneuten Griff in den staatlichen Schuldentopf gemeistert werden? Und: Wer würde diese Papiere kaufen? Die Banken?

Wohl kaum, wenn man sie fragte. Dafür versuchen die europäischen Regulierer mit einigen durchaus fragwürdigen Bestimmungen, die Banken zur Finanzierung der Staatsschulden zu verpflichten.  Bis heute sieht eine europäische Direktive vor, dass der Kauf von Staatsanleihen der Euroländer – anders als zum Beispiel von Unternehmensanleihen – von den Banken nicht mit Eigenkapital unterlegt werden muss. Ein weiteres Beispiel: Um gegen künftige Turbulenzen an den Märkten besser gewappnet zu sein, sollen die Banken einen hohen Liquiditätspuffer vorhalten. Der aber soll zum größten Teil aus staatlichen Schuldtiteln bestehen, also aus Papieren, die sich in der aktuellen Krise nicht gerade durchwegs als krisenresistent erwiesen haben.

Das zeigt eines ganz deutlich: Staat und Bank hängen zusammen wie Pech und Schwefel. Sie müssen jetzt gemeinsam Wege finden, mit denen das Vertrauen der Investoren zurückkehrt und dann darauf setzen, dass auch eine feste Regel nicht immer gilt. Floyd Patterson und Muhammed Ali sind immerhin zwei, die zurückgekommen sind. Aber das waren auch wahre Champions.

Herbert Walter, geboren 1953 in Prien am Chiemsee, führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank. Seine Karriere startete er nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre in München bei der der Deutschen Bank.

Kommentare (7)

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Logo23

22.11.2011, 17:50 Uhr

Niemand wurde gezwungen, griechische Anleihen zu kaufen. Das man darauf weitgehend verzichten konnte, hat die Deutsche Bank gezeigt, die in der Schuldenkrise noch am besten dasteht. Wie fragwürdig Ratings sind, wird sich zeigen, wenn alle das "AAA" verloren haben. Dann sind wieder die Ausgangsbedingungen hergestellt - auf niedrigerem Niveau. Die Investoren werden dann trotz niedrigerem Rating investieren müssen. Es ist alles relativ. Wenn niemand mehr auf dem hohen Niveau ist, ist das niedrigere Niveau das non plus ultra.
Muhammed Ali hat durch sein Comeback übrigens schwere Gesundheitsschäden erlitten - auch nicht wünschenswert.

Account gelöscht!

25.11.2011, 05:43 Uhr

Staatsanleihen sind eben "Schuldscheine" wie andere Papiere auch. Sie müssen im Bereich des Investmentbanking den gleichen Regeln unterworfen werden.

Es ist sicher auch notwendig, daß das Investmentbanking getrennt sein sollte vom traditionellen Bankgeschäft.

windbeutel

25.11.2011, 12:19 Uhr

warum sollen denn staaten und banken vertrauen zurückgewinnen können,schauen sie mal in spiegel.

herr walter das für sie als ex dresdner bank zampano.

fragen sie mal die commerzbank aktionäre über die bilanzverwüstungen durch das von ihnen übergebene institut.es reicht wenn sie die mitschriften der redner aus dem aktionariat der letzten hauptversammlungen durchlesen.

an die commerzbank könnten sie übrigens ihr autorenhonorar spenden.

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