Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.02.2012

19:09 Uhr

Was vom Tage bleibt

Angeschlagene Supermänner

VonOliver Stock

Piech verletzt Aufsichtsratspflichten bei VW, Rampl's Stuhl bei der Unicredit steht vor der Tür, und Wulff bekommt seinen Ehrensold. Dieser Tag war reich an Nachrichten.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Geldschwemme

Die Europäische Zentralbank hat den Banken des Euroraums 529.530.810.000 Euro für drei Jahre zum Zinssatz von einem Prozent geliehen. So ein Darlehen hätte ich auch gern. Bekomme ich aber nicht, denn bei den Banken geht es um höhere Dinge. Sie müssen weiter in der Lage sein, die Anleihen von Staaten zu kaufen, die dringend Geld brauchen. Merkt eigentlich niemand, dass das ein Teufelskreis ist? Notleidende Banken werden von Staaten gerettet, die dadurch selber in Schieflage geraten. Das belastet die Anleihen dieser Staaten und bringt Banken, die diese Anleihen halten erneut unter Druck, weswegen sie die nächste Rettungsaktion hervorrufen. So geht es immer schön weiter und die EZB macht mit. Gratulation!

Kahlschlag

For you, vor Ort: So lautet der intellektuell bescheidene Werbeslogan der insolventen Drogeriekette Schlecker. Ehrlich gesagt: For me, war Schlecker nie. Und mit "vor Ort" wird es wohl bald "vor bei" sein. Das insolvente Unternehmen dünnt sein Filialnetz extrem aus und macht jeden zweiten der 6000 Läden dicht. Die Hälfte der rund 30000 Arbeitsplätze wird gestrichen. Wenn Schleckers einziger Vorteil bisher die vielen Läden waren, ist jetzt die Frage: Warum gibt es Schlecker noch, wenn dieser Vorteil weg fällt?

Illegal

Die Vorfeldmitarbeiter am Frankfurter Flughafen müssen ihren Streik sofort beenden. Das entschied das Frankfurter Arbeitsgericht. Der seit knapp zwei Wochen andauernde Arbeitsausstand sei illegal. Die Friedenspflicht sei verletzt. Der Richter argumentierte streng formal: Mit dem derzeit laufenden Streik sollten unter anderem Forderungen durchgesetzt werden, zu denen sich in einem noch gültigen Tarifvertrag von 2007 Regelungen finden. Sie durften nicht in Frage gestellt werden. Es kann sein, dass der Richter sich damit auf gesichertes juristisches Terrain zurückzog, um die wirklich heikle Frage, nämlich ob 200 Vorfeldmitarbeiter 20 000 Passagiere aufhalten dürfen, nicht entscheiden zu müssen. Egal. Dass er sich im Ergebnis für die Passagiere entschieden hat, ist auf jeden Fall die richtige Wahl.

Personalie I

Porsche-Großaktionär Ferdinand Piëch hat einem Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart zufolge gegen seine „Kardinalpflichten“ als Mitglied des Aufsichtsrats des Autobauers verstoßen. Piëch habe im Zusammenhang mit den umstrittenen VW-Optionsgeschäften von Porsche eine „schwerwiegende Pflichtverletzung“ begangen, urteilte das Stuttgarter Gericht in zweiter Instanz. Er habe sich keine Klarheit über die Risiken der Optionsgeschäfte verschafft und sei auch nicht gegen die milliardenschweren Geschäfte, die die Porsche Holding im Zuge der Finanzkrise 2009 an den Rand des Ruins brachten, eingeschritten. Dieses Urteil ist mehr als eine Ohrfeige für Piech. Als Aktionär, der Verluste eingefahren hat, würde ich jetzt auf Schadensersatz sinnen. Denken viele so, wird eine Lawine losrollen. Wie das ist, können die Autobauer bei der Deutschen Bank studieren. Sie könnte vielleicht diskret Tipps aus ihrem Kirch-Prozess an Piech weiterreichen.

Personalie II

In einer ungewöhnlich knappen Mitteilung gab das Mailänder Kreditinstitut Unicredit bekannt, der 64-jährige Dieter Rampl stehe nicht für eine dritte Amtszeit als Aufsichtsratschef zur Verfügung. Im Mai ist's vorbei. Ein Nachfolger steht noch nicht fest. Die Bank, die mit hohen Verlusten kämpft und gerade mühsam eine milliardenschwere Kapitalerhöhung durchgeboxt hat, steckt damit in einer Führungskrise. Rampl hat die Münchner HVB 2005 als einstige Nummer zwei in Deutschland für satte 20 Milliarden Euro nach Mailand verkauft. Dass er jetzt nicht bleibt und die Bank am Ende italienischer werden dürfte, macht die Zukunft der HVB im Unicredit-Konzern nicht sicherer. Wollte die Deutsche Bank nicht in Deutschland ihre Basis noch verbreitern?

Personalie III

Zum Schluss: Der zurückgetretene Bundespräsident Christian Wulff bekommt 200 000 Euro Ehrensold im Jahr. Damit wird eine Umbenennung dieses Salärs fällig. Lass-uns-in-Ruhegeld ist mein Vorschlag.

Einen ruhigen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Eugen

29.02.2012, 20:09 Uhr

Der "Unehrensold" toppt alles.
Wie blöd sind die Deutschen? Seit 1969 hat Deutschland keinen geordneten Haushalt mehr. Dr. Schäuble, mit seinen 100 häßlichen Männern von Schreiber und dem "ca. 6 Millionen-Kredit" an die CDU, der dann doch zur Spende wurde mit vielen verschiedenen Buchungsdaten.
Die "systemrelevanten" Banken, alle unter Staatsregie, HSH, Bayern LB, West LB, LBBW, IKB und dann die doch riskanten Anleihen an den Bund und die anderen Länder, die "Ministaaten" wie Bremen, Hamburg, Saarland, Berlin; wie groß muß der Sumpf werden dass auch die Deutschen aufwachen?
Eugen

Brasil

29.02.2012, 21:15 Uhr

"Merkt eigentlich niemand, dass das ein Teufelskreis ist? Notleidende Banken werden von Staaten gerettet, die dadurch selber in Schieflage geraten"

Nein, merkt offensichtlich niemand! Nein, nicht mal das!
Aber was viel wichtiger wäre, ist zu verstehen, wieso das so ist und wem das nützt und glaube ja niemand, dass das alles so aus heiterem Himmel kommt!
Wenn Du ein unerklärliches Phänomen vor Dir hast, so folge einfach dem Geld! Eine alte Weisheit, die zu befolgen besonders in dieser ausschließlich monetär getriebenen Zeit von entscheidender Wichtigkeit ist.

Ja, natürlich habe ich eine Erklärung für meine Anspielung, aber diese darzustellen, das würde den Rahmen hier sicher sprengen.
Und noch eins..., nur selber Denken macht klug, denn der Mensch hat eine angeborene Abneigung von anderen zu lernen.

Brasil

29.02.2012, 21:19 Uhr

Ich möchte mit einem abgewandelten Spruch Albert Einsteins antworten: "Es gibt zwei unendliche Dinge; die Dummheit der Deutschen und das Weltall, wobei ich mir beim Weltall gar nicht so sicher bin".

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×