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29.07.2013

18:43 Uhr

Was vom Tage bleibt

Bei Siemens ist jeder gegen jeden

VonOliver Stock

Ein Vorstand, der seinen Aufsichtsrat entlassen möchte, ein Finanzchef, der seinen Vorstand bloßstellt - das ist das Bild, das der größte deutsche Industriekonzern abgibt. Was sonst vom Tag bleibt, lesen Sie hier.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Die Intriganten vom Wittelbacherplatz

In der Siemens-Zentrale am Wittelsbacherplatz in München tagt der Intriganten-Stadl. In der Krise kocht jeder sein eigenes Süppchen. Der an sich schon geschasste Vorstand Peter Löscher bemüht sich nach Kräften seinen einstigen Mentor Gerhard Cromme mit in den Abgrund zu reißen, der den Aufsichtsrat anführt. Dahinter steckt so etwas wie enttäuschte Liebe, und das ist bekanntlich furchtbar. In dem Gremium hat Cromme nicht nur Freunde. Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Allianz-Chef Michael Diekmann sind zwei von denen, die Cromme nicht in Nibelungentreue folgen. Thronfolger und Finanzchef Joe Kaeser dagegen fällt immer klarer die Rolle des Brutus zu, der Löscher erst dazu veranlasste, seine Gewinnziele für das nächste Jahr öffentlich zu kassieren und ihn dann im Regen stehen ließ. Shakespeare hätte seine wahre Freude daran. Der Meister der Theaterkunst macht vor, wie geschickt gestreute Gerüchte aus kleinen Komödien große Tragödien machen. Den Siemensianern ist das Lachen jedenfalls schon vergangen.

Platzeck geht

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck tritt von seinen Ämtern zurück. Auch von dem an der Spitze des Aufsichtsrates der Berliner Flughafengesellschaft. Der Mann hat sich aufgerieben für seine Aufgabe und dafür gebührt ihm Achtung. Er war aber zuletzt einer der Glücklosen. Innenminister Dietmar Woidke übernimmt das Regierungsamt. Wie es beim Flughafen weitergeht, ist offen. Kaum einer kennt Woidke. Und außer Platzeck kennt man sowieso kein politisches Schwergewicht aus Brandenburg. Darin liegt die Tragik dieses Landes - ihm fehlt Führungspersonal ganz gleich welcher politischen Färbung. Vielleicht wäre der einst abgeschmetterte Zusammenschluss mit Berlin doch die beste Lösung gewesen.

Wir Sparer

Trotz Konjunkturflaute haben die Deutschen ihr Geldvermögen gesteigert. Zum Ende des ersten Quartals kletterte das Vermögen der privaten Haushalte in Form von Bargeld, Wertpapieren, Bankeinlagen oder Ansprüchen gegenüber Versicherungen auf den Rekordwert von 4.992 Milliarden Euro. Das sind 52 Milliarden mehr als im Vorquartal. Die Deutschen lieben es eben zu sparen, und sie hassen es sich zu verschulden. Diese ehrenwerte Neigung dringt auch dann durch, wenn es unvernünftig ist. So tilgten wir Deutschen trotz des historisch niedrigen Zinsniveaus Kredite in Höhe von knapp vier Milliarden Euro, darunter vor allem Konsumentenkredite mit denen mal eben ein Auto oder eine Waschmaschine gekauft wird. Es hat etwas Beruhigendes, dass der staatliche Virus des Mehrausgebens als Einnehmens zumindest in Deutschland an der Immunität der meisten Menschen scheitert.

Kampf der Routine

Routine fördert Sorglosigkeit. Der Kapitän, der sein Kreuzfahrtschiff vor Italien auf Grund setzt, der Lokführer, der eine Kurve unterschätzt, der Busfahrer, der ein Stauende nicht rechtzeitig sieht - sie alle waren vermutlich sorglos. Sie setzten darauf, dass es schon gutgehen wird. Die einzige Möglichkeit, diesen gefährlichen Routinen vorzubeugen, sei ein gezielter und regelmäßig inszenierter Warnschuss von außen, indem Menschen in einem geschützten Raum in Situationen gebracht werden, die sie nicht mehr beherrschen, sagen Psychologen. Sie raten dazu, „den Kontrollverlust erlebbar zu machen.“ Ich habe eine bessere Idee als Warnschüsse: Machen Sie öfter mal etwas Neues. Das schützt gegen Routine. Wie heißt es? Manche leben mit einer so unglaublichen Routine, dass es schwerfällt zu glauben, sie lebten zum ersten Mal.

Neue Töne vom Papst

„Wenn jemand homosexuell ist und guten Willens nach Gott sucht, wer bin ich, darüber zu urteilen?“, sagt der 76-jährige Papst Franziskus. Die Lehre der katholischen Kirche besage „eindeutig, dass wir diese Menschen nicht ausgrenzen dürfen“. Das klingt nicht nach Routine, das klingt, als würde auch die katholische Kirche moderner. Das ist schön, denn wir haben ja auch schon einige hunderte Jahre darauf gewartet.

Einen routinefreien Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (3)

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leopard

29.07.2013, 19:11 Uhr

"In der Siemens-Zentrale am Wittelsbacherplatz in München tagt der Intriganten-Stadl. " - Schön offen geschriebener Artikel der aufzeigt, was moderne, so oft von den Plebejern eingeforderte Teamarbeit, Teamfähigkeit ist.

Account gelöscht!

29.07.2013, 20:57 Uhr

Zu " Kampf der Routine " und " Neue Töne vom Papst "

Auch die Einlagensicherung kann pleitegehen. Bedenken Sie, dass ausländische Steuerzahler, die mit der ganzen Sache gar nichts zu tun hatten, Sparer mit Guthaben bis zu 100.000 EUR gerettet haben. Bedenken Sie, dass das mittlere Vermögen eines deutschen Haushalts nach der Erhebung der EZB bei der Hälfte des Betrages ist.

Der Papst unterschied zwischen homosexuellen Neigungen und homosexuellen Aktionen.

Account gelöscht!

29.07.2013, 22:43 Uhr

Schöne, anregende Tageszusammenfassung, hat mir gefallen.

Mir gefällt auch, dass der Löscher geht - seelenloses Geschäftsfeldfleddern & ungerechtfertigtes Gesundschrumpfen ist nunmal nur ein Daseins-Bewältigungskonzept für Trau-mich-Nichtse. Eines Führer der potentesten deutschen Industrie-Ikone Siemens mehr als unwürdig.

Sollten Sie es ernst meinen mit "Machen Sie öfter mal etwas Neues, das schützt gegen Routine.", dann würde ich mir wünschen, dass Sie die Gesellschafts-verdummende und -entmündigende Argumentations-Verbote für 'pro rechts-Thesen' a'la 'braun ist schön' nicht panisch weglöschen lassen, sondern in Wertschätung und Achtung des Volkes Meinung als Diskussionsbeitrag stehen lassen - und aushalten trauen.

DAS wäre mal ein wahrhaft mutig-spannungsvoller Kontrollverlust für so manchen politisch überkorrekten Anbiederungs-König - und ein kleiner, symbolischer Beitrag für die Heilung unserer geraubten Selbstachtung.

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