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10.01.2014

18:14 Uhr

Was vom Tage bleibt

Das Sakrileg

VonOliver Stock

Die Insolvenz von Weltbild zeigt: Die Kirche ist kein guter Eigentümer. Und was bleibt sonst vom Tag? Eine heiße Debatte, ein Megastau zu Wahlkampfzwecken und ein französischer Präsident beim Rendezvous.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Die Kirche ist kein guter Eigentümer

In der vergangenen Nacht hat sich in Frankfurt ein Drama abgespielt, das Dan Browns „Sakrileg“ in nichts nachsteht: Würdenträger der Kirche kamen an einem geheimen Ort zusammen und berieten darüber, ob sie ihre wichtigste Unternehmung in Deutschland fortführen sollten oder nicht: Es geht um die Weltbild-Gruppe, jener 6300 Mitarbeiter starke Online-Händler, der einst mit der Herausgabe des freizügigen Werkes „Shades of grey“ schon das Missfallen der kirchlichen Eigentümer erregt hatte. es ging um die Frage, ob es sich die Kirche nach allerlei Unschönheiten wie etwa dem Palastbau zu Limburg leisten könne, mit dem Geld der Kirchensteuerzahler einen inzwischen chronisch defizitären Online-Buch-Händler über Wasser zu halten. Nein, sagten die Kirchenfürsten, weswegen Weltbild heute beim Amtsgericht in Augsburg den Insolvenzantrag eingereicht hat. Die Entscheidung hatte etwas Unvermeidliches. Hätte sich die Kirche als treusorgender Eigentümer vor fünf Jahren so intensiv ihrem Unternehmen gewidmet und die Führung auf Trab gehalten – es hätte womöglich nicht dazu kommen müssen. Immerhin wird jetzt der Unterschied zwischen der Kirche und beispielsweise dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk deutlich: Bei den letzteren wären vermutlich einfach die Gebühren erhöht worden.

Gemischtwarenladen

Was hat Weltbild falsch gemacht? Der Händler hat keine Antwort auf Amazon gefunden. Er hätte eine Marke gebraucht, an die genügend Kunden glauben. Stattdessen hat er einen Gemischtwarenladen geschaffen, der sich nicht mehr vom Schreibwarengeschäft an Omas Ecke unterschied.

Wie weltoffen sind wir?

Die EU-Kommission mischt sich in die Diskussion darüber ein, wie Deutschland mit besonders armen Zuwanderern umgehen darf. Sie entscheidet: Arbeitslose Zuwanderer aus der EU dürften nicht grundsätzlich Sozialleistungen verweigert werden. Sie von Hartz-IV-Leistungen auszuschließen, ist unrecht. Was nach Menschlichkeit klingt, ist pure Juristerei: In der EU darf niemand benachteiligt werden, wenn es darum geht, staatliche Leistungen zu erhalten. Wir haben die außerparlamentarische Opposition von FDP und AfD gefragt, was sie davon hält: „Wer kommt, muss redlich sein“, sagt AfD-Chef Bernd Lucke. „Wir dürfen nicht die Weltoffenheit unseres Landes opfern“, sagt FDP-Chef Christian Lindner. Widersprechen mag ich beiden nicht.

Meldungen aus der US-Kommunalpolitik

Spitzenpolitik auf amerikanisch: Der republikanische Gouverneur von New Jersey Christ Christie hat seine Vize-Stabschefin Bridget Anne Kelly gefeuert. Der Grund: Um dem politischen Gegner zu schaden, hatte Kelly ein Verkehrschaos produziert. Mit Hilfe eines Freundes in der kommunalen Verwaltung ließ sie eine der meist befahrenen Brücken der USA, die von Fort Lee über den Hudson River nach New York, teilweise sperren. Offizielle Begründung war eine Studie zur Verkehrssicherheit. Vier Tage waren Brücke und Vorstand ein Parkplatz, Kinder kamen nicht zur Schule, Krankenwagen schafften es nicht ins Krankenhaus. Jetzt flog die Sache auf, als verräterische Emails auftauchten. Falls sie gerade im Stau auf der A3 sitzen: Die Baustellen sind garantiert echt. Zumindest solange nicht Wahlkampf ist.

Potenter Nachbar

Da konnte sich Francois Hollande länger nicht zwischen seiner früheren Lebensgefährtin Ségolène Royal und seiner heutigen Partnerin Valérie Trierweiler entscheiden. Jetzt jedoch hat er – ganz ein Mann – die Sache erledigt, in dem er sich in die Arme einer Dritten begibt: der Schauspielerin Julie Gayet. Jedenfalls wurde er Moped fahrend auf dem Weg ins gemeinsame Appartement beobachtet. Frankreich hat seither etwas zu bereden. Und zwar, wie es sein kann, dass die Privatsphäre des Präsidenten leiden muss, im dem so etwas öffentlich wird. Ich glaube, das ist das falsche Thema. Richtig wäre: Wenn der Präsident nur halb so erfolgreich im Regieren wäre wie in der Liebe, hätten wir einen potenteren Nachbarn.

Ein liebevolles Wochenende wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (1)

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UND_UEBERHAUPT

10.01.2014, 19:40 Uhr

Fast 600 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks ist es der katholischen Kirche eingefallen, dass es vielleicht doch nicht so schlau war, dessen Verbreitung zuzulassen.
Hat immerhin die Reformation begünstigt. Kurz bevor die Schwarze Kunst eh weitgehend digital ersetzt wird, dreht man noch schnell den Geldhahn zu. Dann doch lieber sakrale Luxusbauten.

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