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02.08.2012

18:35 Uhr

Was vom Tage bleibt

Der Anti-Draghi

VonOliver Stock

Jens Weidmann hat in der EZB gegen Draghis Kurs gestimmt. Genützt hat es nichts. Opel baut neue Modelle, was GM nichts nützt. Die Lufthansa saniert sich. Der Tagesrückblick.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Diener zweier Herrschaften

An sich ist er ein Pragmatiker, andere sagen auch ein Opportunist: Bundesbankpräsident Jens Weidmann kam, nachdem sein Vorgänger Axel Weber sich hoffnungslos ins Aus manövriert hatte und zurückgetreten war. Das sollte ihm nicht passieren, schwor sich der pragmatische Herr Weidmann. Doch wie lange kann es gut gehen? Weidmann muss als gewichtiges Ratsmitglied der EZB deren Kurs halten und mehr Geld aus Deutschland für einen sichereren Euro gutheißen. Gleichzeitig soll er die Meinung der Bundesregierung verteidigen, die doch eher das Gegenteil will. Weidmann ist Diener zweier Herren. Oder besser gesagt: Diener eines Herren und einer Dame. EZB-Chef Draghi hat heute deutlich gemacht, dass er als Euro-Stütze unter bestimmten Bedingungen wieder Anleihen von Krisenländern kaufen wird. Merkel hält davon wenig. Weidmann wird sich irgendwann entscheiden müssen, ob er ein Anti-Draghi oder ein Anti-Merkel-Mann wird. Innerhalb der EZB hat er heute als einziger gegen Draghis Politik der Anleihekäufe gestimmt.


Die Waffen haben gesiegt

Ein Hoffnungsträger tritt ab: Kofi Annan legt zum 31. August sein Amt als Sondergesandter der Vereinten Nationen und der Arabischen Liga für Syrien nieder. War er ein Hoffnungsträger? Nein. Er hat sich kein Gehör unter den kämpfenden Gruppen verschaffen können. Die Waffen waren lauter. Nun haben sie ihn tatsächlich mundtot gemacht.

Jammern gilt nicht

Der US-Automobilkonzern General Motors hat 400 Millionen Dollar Miese im Europageschäft eingefahren. Dafür dürfte vor allem Opel zuständig gewesen sein. Das kann eng für die werden, die zum Beispiel im Opel-Werk in Bochum arbeiten. Und nun? Nun lässt sich ein großes Wehklagen anstimmen über die Ungerechtigkeit der Amerikaner, die Opel nicht dort expandieren lassen, wo es Not tut. Besser ist vielleicht ein Blick von Bochum rüber nach Köln zum Erzrivalen Ford. Denen geht es auch nicht berauschend. Aber während die einen ihre Marke bald kaputt gejammert haben, sind die anderen zäh.

In die Schwarzen geflogen

Vielleicht können sich ja diejenigen, – ganz gleich ob Staaten oder Unternehmen – die dauernd Miese produzieren ein Beispiel an der Lufthansa nehmen. Sie hat im zweiten Quartal die Wende geschafft und wieder Gewinn gemacht. Simone Menne, seit kurzem Finanzvorstand, präsentierte schwarze Zahlen, die fast den Verlust des ersten Vierteljahrs ausgleichen können. Dahinter steckt das Einsparprogramm Score. Allerdings wandeln auch Menne und ihr Chef Christoph Franz auf einem schmalen Grad. So wie in Griechenland die Menschen auf die Straße gehen, wenn der Sparkurs zu brutal wird, so gibt es bei der Lufthansa einen Aufstand in der Kabine, wenn die Fluggäste aus Spargründen bald wie im Omnibus stehen müssen.

Hertie kommt wieder

Wiederauferstehung im Netz: Die Kaufhausmarke Hertie soll als Online-Shop zurück auf den Markt. Hinter dem Plan stecken zwei Unternehmer die nach eigenen Angaben mit 40 Mitarbeitern etwa 20 Online-Shops betreiben. Macht zwei pro Firma. Glückwunsch Hertie. Du wirst eine schlanke Marke.

Bleiben Sie schlank heute Abend

wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (18)

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Account gelöscht!

02.08.2012, 19:14 Uhr

Jens Weidmann steht auf verlorenem Posten - es ist unmöglich, einerseits den Euro zu retten, andererseits der Angela Merkel bzw. dem sie administrierenden deutschen Großkapital zu gefallen.

Worauf Merkel politisch zielt, ist eindeutig nicht die Wettbewerbsfähigkeit der Südländer, sondern deren Kaputtsparen und die Maximierung ihrer Abhängigkeit von Neukrediten. Ziel: Sie sollen alles verkaufen, möglichst billigst / unter Druck, was sie an immobilem Eigentum haben - damit das deutsche Großkapital in Sachen Welteroberung endlich weiter kommt.

Dem würden finanziell stabile Länder, bzw. ein aus sich heraus stabiler Euro, schlicht und einfach im Wege stehen.

Will Weidmann beiden "Herrschaften" gerecht werden, so müsste er es im Prinzip schaffen, ins Wasser zu springen, ohne nass zu werden. Dabei wird der Druck der gebeutelten Südländer zunehmen, und mit jedem Opfer, das vom deutschen Großkapital ausgeschlachtet wird, zunächst scheint es die Griechen zu treffen, werden die anvisierten Opfer der nächsten Runde rebellischer werden. Jens Weidmann ist - trotz guter Dotierung seines Postens - nicht zu beneiden.

Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

http://www.freitag.de/autoren/dipl.-kfm.-winfried-sobottka/die-wahren-hintergruende-der-euro-krise

kein_Diener

02.08.2012, 19:47 Uhr

Jens Weidmann ist nicht Diener zweier Personen, sondern ein Funktionsträger, dem von der Bundesrepublik ein gewisses Amt übergeben worden war. Genauso wie die beiden Herren vor ihm. Diese Situation lässt doch deutlich erkennen, dass es für Deutschland nun die Wahl gibt zwischen zwei Strategien. Als Deutscher, der es selbst nicht erlebt hat, aber schon viele Leute kannte/kennt, die es mitgemacht haben, würde ich sagen. Lassen wir das. Es gibt Dinge, die Deutschland schon aus historischen Gründen nicht mittragen kann. Und genau dieses Thema gehört dazu. Selbst wenn man es tut, es wäre eine Art Vergewaltigung der Volkseele. Das ist kein Fundament.

Mazi

02.08.2012, 20:03 Uhr

Ich beurteile dienSituation völlig anders.

Für mich wurde ersichtlich wie groß das deutsche Gewicht bei Abstimmungen ist und welches Gewicht an der Kostenübernahme den Deutschen zugemessen wird. Der Vorgang machte ersichtlich, dass das deutsche Parlament überhaupt nichts zu sagen hat.

Das Bundesverfassungsgericht wird es vermerkt haben.

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