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07.11.2012

18:47 Uhr

Was vom Tage bleibt

Der Jubel kommt zu früh

VonFlorian Kolf

Warum Obamas Sieg nicht automatisch gut für Deutschland ist, was die deutsche Konjunktur bedroht und wo Arbeitsplatzabbau zu heftigen Krawallen führt. Der Tagesrückblick

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

Kater nach der Siegesfeier

Aus Sicht der Deutschen ist ja alles perfekt gelaufen: In einer Umfrage vor der US-Präsidentenwahl haben 92 Prozent von ihnen angegeben, sie würden Barack Obama wählen. Nun ist er triumphierend Wahlsieger geworden - doch der Kater nach der Siegesfeier wird nicht lange auf sich warten lassen. Denn Obama hat in erster Linie wegen seines charismatischen Auftretens gewonnen, doch davon hat Deutschland nichts. Er wird sich nun noch stärker auf die innenpolitischen Probleme des Landes stürzen, ein Ende des billigen Geldes und der Schuldenpolitik ist nicht in Sicht. Für Deutschland sind das keine rosigen Aussichten. Nicht immer ist der sympathischste Partner auch der beste.

Kluges Haushalten gefragt

Keine gute Nachrichten hält auch die EU für Deutschland bereit. In ihrem Herbstgutachten entwirft sie ein düsteres Bild für die Konjunktur. Frankreich und Spanien bekommen ihre Defizite nicht in den Griff, die Arbeitslosigkeit dürfte im kommenden Jahr in der Euro-Zone auf einen Höchststand zusteuern. Davon kann sich auch die immer noch recht stabile deutsche Wirtschaft nicht abkoppeln. Der Wirtschaftsweisen haben ja bereits ihre Prognose für Deutschland für dieses und nächstes Jahr schon auf 0,8 Prozent reduziert. Doch bisher gibt die Bundesregierung ja noch lieber das Geld mit vollen Händen aus, statt klug zu haushalten.

Schrumpfkur ohne Ziel

Zu radikalen Schritten greift nun offenbar die kränkelnde Commerzbank. Medienberichten zufolge plant Bankchef Martin Blessing einen Abbau von bis zu 6000 Stellen. Das könnte ja an sich noch ein kluger Schachzug sein, denn einen Umbau hat das Institut dringend nötig. Doch das Problem ist: Bisher ist keine überzeugende Strategie für die künftige Ausrichtung des Instituts zu erkennen. Entsprechend ist der Marktwert des Unternehmens in den vergangen fünf Jahren um 95 Prozent eingebrochen. Die zweitgrößte deutsche Bank zu einem Konkurrenten den Sparkassen umzubauen, dürfte jedenfalls keine gute Idee sein.

Öl ins Feuer

Dass der massive Stellenabbau, zu dem jetzt viele Unternehmen in Europa greifen, nicht ohne soziale Spannungen ablaufen dürfte, zeigte sich heute in Köln. Da haben belgische Ford-Arbeiter, deren Werk geschlossen werden soll, die Europazentrale des Unternehmens gestürmt, Scheiben eingeschmissen und Reifenstapel angezündet. Und als wollte er noch mehr Öl ins Feuer gießen, deute Ford-Chef Alan Mullaly zeitgleich an, dass die Einschnitte noch tiefer sein könnten. Doch mit der Strategie "Hire and fire" ist die USA nicht unbedingt ein gutes Vorbild. Wie gesagt, der Kater wird kommen.

Was fehlt? Erstmals sind in Deutschland zehn Restaurants mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet worden. Damit liegen wir in Europa jetzt auf Platz zwei hinter dem Gourmetland Frankreich. Das stimmt hoffnungsvoll: Wenn die Zukunft ohnehin schon düster wird, wollen wir sie uns wenigstens mit einem guten Essen versüßen.

Lassen sie sich trotzdem am Feierabend den Optimismus nicht vertreiben.

Florian Kolf

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Kommentare (4)

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Analyst

07.11.2012, 19:38 Uhr

Warum sollte der Sieg Obamas für uns hilfreich sein? Es ist nur konsequent, dass sich das blöde deutsche Volk täuschen lässt. So stimmen sie auch einem Affen zu ...

Account gelöscht!

07.11.2012, 19:55 Uhr

Sehr gute Karte auf der Homepage des " Handelsblatt". Wußte nicht das TX so groß ist.
Vorläufig ist massive Skepsis angebracht...

timewilltell

07.11.2012, 21:37 Uhr

Mal nicht vergessen: Romney wurde NACH Cain (lustig minus Grapscheinlagen) und Santorum ins Rennen geschickt. Die Reps hatten da schon eine Kandidaten-Pipeline - ahum!
Im Vergleich dazu war Bush jun. direkt parkettsicher, naja bis zu Angela Merkels Nackengriff.
Die Zeiten stehen für Rep., aber der Kandidat war nicht vorhanden.
So viele Kater-bedingte Rollmöpse und Essiggurken müssen wir nicht zu uns nehmen.
Richtig allerdings: Obama muss abarbeiten, was ansteht: Arbeitsplätze heimholen, Energie und Mobilität preiswert halten. Und dann noch etwas gegen Europa schießen um im direkten Vergleich zu gewinnen. Hoffentlich schafft er das Krankenkassen-Ding. Und vielleicht noch was für die extrem überschuldeten Studenten. Und dann schaut er sich noch unsere Facharbeiter-Ausbildung ab. Learning goes both ways, wenn man mal so über den Atlantik blicken möchte.

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